Das "europäische Haus", von dem Sonntagsredner so gern und weihevoll sprechen, macht gerade eine ungewohnte Erfahrung. Über die Jahre war das Haus immer größer und unübersichtlicher geworden. Im südlichen Trakt wohnten die ärmeren Zeitgenossen, einige verbrannten im Winter sogar ihre Möbel, um nicht frieren zu müssen. Im nördlich gelegenen Teil wohnten die Wohlhabenden, wobei man der Beletage – hier lebten vor allem die Deutschen – beste Beziehungen zur Hausverwaltung nachsagte. Diese hatte strenge Regeln durchgesetzt und allen Bewohnern versprochen: Wer sich brav an die Hausordnung halte, der bringe es zu Wachstum und Wohlstand. Doch es kam anders. Unmut brach aus, die ersten Bewohner randalierten, einer packte seine Siebensachen und zog aus.

Aber dann schlug die Stimmung um. Viele Bewohner fanden ihr Haus plötzlich gar nicht mehr so übel und wollten es auf keinen Fall verlassen. Sie hatten aus dem Fenster geschaut und es mit der Angst zu tun bekommen: Sie sahen den mächtigsten Mann der Welt bei der Arbeit, den Mann mit der Abrissbirne, der aus dem Klimaschutzabkommen aussteigt und Amerika groß und den Westen klein machen will.

Donald Trump, könnte man sagen, rettet Europa. Erst im Schock, erst im Spiegel Amerikas wissen die Bürger wieder, warum sie das "Haus Europa" überhaupt gebaut haben. Sie gehen dafür sogar auf die Straße, vor Kurzem war es noch umgekehrt, und gerade bei jungen Leuten ist Brüssel nicht mehr ein schalltoter Raum, sondern ein Versprechen. Die nationale Selbstzufriedenheit ist verflogen, es scheint, als spürten die Nationen ihre wechselseitige Abhängigkeit. Der französische Präsident Emmanuel Macron will der Idee eines Kerneuropa neues Leben einhauchen, und Angela Merkel, die vieles kann, nur nicht die Bürger für das europäische Projekt begeistern, fordert, die Union müsse ihr Schicksal künftig selbst in die Hand nehmen. Die nationalen Schul- und Zuchtmeister mahnen: So günstig war die Gelegenheit, Europa zu reformieren, seit Langem nicht mehr.

"Mehr Europa" – das sagt sich leicht und schön, doch damit das Wünschen auch hilft, braucht es einen Plan, und für den Plan braucht es eine Beschreibung der Lage. Wie ist die Lage? Sie ist trotz unerwartet guter Wirtschaftsdaten immer noch prekär, denn die Fehler der Vergangenheit kommen der EU gleichsam aus der Zukunft entgegen. Die übereilte Einführung des Euro hat den Kontinent in Gewinner und Verlierer gespalten, und nun weiß jeder, dass keine Währungsunion ohne eine gemeinsame Wirtschafts- und Sozialpolitik funktionieren kann. Europa, sagt der Politikwissenschaftler Claus Offe, sitzt in der Falle. Seine Institutionen haben zu wenig Handlungskapazität und hinken der Dynamik der globalisierten Wirtschaft hinterher. Der Weg nach vorn ist verstellt; eine Transferunion verstößt gegen die Verfassung – und gegen den Wählerwillen der "Geberländer" sowieso.

Doch auch der Weg zurück, die Rückabwicklung des Euro, ist illusorisch und bedeutete, wenn die EU dabei zerfiele, das Ende des Westens und den Austritt des Kontinents aus der Geschichte. Nach der Wahl Trumps und dem Brexit-Drama ist die von linken wie von rechten Nationalisten wortreich gedüngte "Blumentopf-Theorie" rapide im Kurs gesunken, also die Behauptung, jeder Staat möge sein eigenes Pflänzchen gießen, dann werde die europäische Landschaft wieder schön blühen. Es bleibt also nur die Realität: eine drastisch gewachsene Ungleichheit in Europa, Instabilität und Unsicherheit und, nebenbei bemerkt, die ehrlichen 300 Milliarden Euro an faulen Krediten in italienischen Banken. "Würden wir noch einmal eine Krise bekommen wie 2008, dann stünde nicht nur die marktwirtschaftliche Ordnung auf dem Spiel, sondern unsere gesamte Gesellschaftsform der westlichen Demokratie." Ist das der Satz eines Alarmisten? Nein, es ein Satz von Wolfgang Schäuble.

Nun kann man der Europäischen Union vieles vorwerfen, nicht aber, dass sie den Ernst ihrer Lage verkennt. Fast im Monatsrhythmus veröffentlicht sie Handreichungen, Weißbücher und "Reflexionspapiere" zur Vollendung der Währungsunion, es gibt Initiativen für mehr soziale Rechte und Mindeststandards, es gibt Vorschläge für einen Investitionsfonds sowie für gemeinsame Anleihen nach amerikanischem Vorbild (Treasury-Bonds). Vieles davon ist vage, manches widersprüchlich, anderes weitreichend.

Und doch fällt eines auf: Das Wort "Demokratie" kommt in den Brüsseler Zukunftspapieren eher selten vor. Der Bürger erscheint darin eher als eine Art Endverbraucher, der dankbar ein EU-Erzeugnis in Empfang nimmt, zum Beispiel das Produkt "Gerechtigkeit", das wegen Lieferschwierigkeiten eine Weile aus dem Programm genommen worden war. Der Bürger als Konsument einer technokratisch verstandenen Politik? Das wäre fatal, dann hätte die EU vergessen, warum ihr so viele Menschen das Vertrauen entzogen haben: nicht nur, weil sie Sozialdumping, Austerität und Arbeitslosigkeit fürchteten. Sondern auch, weil sie die Brüsseler Politik als Entmündigung empfanden.