Etwas außer Atem kommt Fränzi Kühne ins Café in der Hamburger Innenstadt. Sie ist aus Berlin angereist, kurz vor Hamburg war die Zugstrecke gesperrt. Alle mussten auf Taxis ausweichen. Und dann sei da so ein Business-Typ nicht bereit gewesen, sich einen Wagen zu teilen. "So was versteh ich einfach nicht", sagt die 34-Jährige. Fränzi Kühne trägt zerrissene Jeans, Converse-Schuhe, Reißverschluss im Ohrloch und einen blonden Sidecut. Der Geschäftsmann wird sicher nicht damit gerechnet haben, dass ihm da eine Taxifahrt mit einer erfolgreichen Digital-Unternehmerin entgeht, die einen Tag später rund 600 Aktionären bei der Hauptversammlung der freenet AG in der Messe Hamburg Rede und Antwort stehen wird. Kühne parkt ihren silbernen Rollkoffer neben sich und bestellt Grüntee gegen die Aufregung.

DIE ZEIT: Verraten Sie uns, was Sie in Ihrem Koffer haben? Was werden Sie morgen anziehen?

Fränzi Kühne: Die Klamottenfrage wurde viel diskutiert in meinem Freundeskreis. Von Turnschuhen wurde mir abgeraten, insbesondere durch Männer. Also: Es wird eine schwarze Jeans, ein schlichtes Oberteil – und die Converse ziehe ich natürlich auch an.

ZEIT: Das entspricht nicht gerade dem Klischee einer Aufsichtsrätin.

Kühne: Stimmt. Aber warum sollte ich mich verkleiden? Ich besitze weder Kostüm noch weiße Bluse oder Perlenohrringe. Mein Auftreten war tatsächlich bereits ein Thema, als ich mich dem Aufsichtsrat vorgestellt habe. Nach dem Motto: Da kommt die Junge in zerrissenen Jeans und will uns was über Digitalisierung erzählen. Ich finde diese Klischees einfach krass – es geht doch um Inhalte!

ZEIT: Ging es bei Ihrer Nominierung nicht auch um die Frauenquote?

Kühne: Diese Frage! Freenet will Digitalkompetenz, und die bekommen sie mit mir. Die Frauenquote ist eine gute Sache, leider. Denn ich finde es immer noch befremdlich und bitter, dass wir sie brauchen. Hoffentlich müssen wir irgendwann nicht mehr darüber reden. Das ist übrigens einer der Gründe, warum ich sofort zugesagt habe, für das Amt zu kandidieren. Ich will jungen Frauen zeigen, was alles möglich ist. Außerdem ist es eine Riesenchance, in so einen Konzern reinzugucken.

ZEIT: Gab es auch Gründe, die dagegensprachen?

Kühne: Allenfalls, dass mit dem Posten sehr viel Aufmerksamkeit kommt – und ich nicht so gern im Mittelpunkt stehe, Vorträge halte oder auf Panels sitze. Solche Anfragen habe ich in den letzten Jahren immer abgelehnt. Jetzt denke ich mir: "Ganz oder gar nicht", und habe alle möglichen Sachen zugesagt, egal, ob ich sie mir zutraue oder nicht.

ZEIT: Wie haben Sie erfahren, dass Sie für das Gremium vorgeschlagen wurden?

Kühne: Ich bekam einen Anruf von der freenet AG mit der Anfrage, ob ich mich für das Amt bewerben wolle. Es gab auch noch andere Kandidatinnen. Dann kamen zwei Aufsichtsräte zu mir ins Büro. Mit denen hatte ich das erste Vorstellungsgespräch meines Lebens.

Tatsächlich kannte Fränzi Kühne Bewerbungsgespräche bis dahin nur in der Rolle der Chefin. Vor neun Jahren hat die Berlinerin, die in Pankow aufgewachsen ist, ihr Jurastudium geschmissen, um mit zwei Freunden die Digitalagentur "Torben, Lucie und die gelbe Gefahr" (TLGG) zu gründen. Nicht nur der Name, die ganze Gründung war am Anfang vor allem ein großer Spaß. Heute leitet Fränzi Kühne, die in dem Dreierteam unter anderem fürs Personal zuständig ist, 170 Mitarbeiter an. Und TLGG berät von einem Hinterhof am Paul-Lincke-Ufer in Berlin-Kreuzberg aus Kunden wie das Bundeswirtschaftsministerium, die Deutsche Bahn, Montblanc, BMW und Spotify. Inzwischen hat TLGG auch in New York einen Standort – und will die weltweit führende Agentur für Digital Business werden. 2015 hat man sich von dem US-Unternehmen Omnicom kaufen lassen. Die Gründer stehen aber nach wie vor an der Spitze der Agentur.

ZEIT: Mit welchen Themen kommen große Unternehmen derzeit zu TLGG?

Kühne: Meistens geht es um digitale Geschäftsmodelle. Wir zeigen Firmen, welche Trends und Entwicklungen sie für neue Geschäftsfelder nutzen können, mit welchen Partnern sie sich zusammentun könnten, wo es sich für sie lohnt, zu investieren.

ZEIT: Was werden Sie freenet empfehlen?

Kühne: Freenet berate ich ja nicht klassisch, das Unternehmen wird eher wie ein Patenkind für mich sein. Ein großes Thema wird sicherlich Digital Connectivity.

ZEIT: Das bedeutet?

"Ein bisschen Natürlichkeit tut der Wirtschaft gut"

Kühne: Bald wird es 5G als neuen Netzstandard geben. Dadurch wird es möglich, immer mehr Geräte und Maschinen mit Sensoren auszustatten und zu verknüpfen. Man stelle sich vor, das Navi im Auto bringt einen nicht nur zum Ziel, sondern auch zum nächsten freien Parkplatz, weil Sensoren die Straße vermessen. Oder die Mülltonne zu Hause wird nur noch abgeholt, wenn sie wirklich voll ist, weil sie das dem Abfallunternehmen melden kann. Noch ist nicht klar, an welcher Stelle welche Unternehmen mit solchen Ideen Geld verdienen. Da liegen große Chancen für die Mobilfunkunternehmen. Für solche Geschäftsmodelle braucht man aber absolute Geeks, wie ich sie in meinem Expertennetzwerk habe.

ZEIT: Und Konzerne haben diese Kontakte nicht?

Kühne: In Konzernstrukturen andere Typen reinzubringen ist oft nicht so einfach. Deswegen beraten wir Unternehmen auch beim Recruiting: Wie findet und integriert man Leute, die vielleicht nicht ganz genau in eine Abteilung passen, die für die Digitalisierung aber dringend gebraucht werden? Es hilft, dass wir bei TLGG das Problem von der anderen Seite kennen.

ZEIT: Wieso?

Kühne: Wir brauchen Consultants, die oft aus klassischen Unternehmensberatungen stammen. Die finden sich dann bei uns in einer Agentur mit Bällebad im Büro wieder, wo keiner im Anzug erscheint und Männer gern mal mehr als zwei Monate Elternzeit nehmen. In so einem Arbeitsumfeld fühlt sich auch nicht jeder wohl. Es wäre aber für alle gut, wenn es zwischen Bällebad und Konzernen mehr Austausch gäbe.

ZEIT: Sie selbst haben eine 15 Monate alte Tochter. Wie machen Sie das mit Arbeit und Kind?

Kühne: Mein Freund und ich haben vorher genau besprochen, wie wir das regeln. Er ist selbstständig und kann sich seine Zeit frei einteilen. Ich hole die Kleine einmal die Woche aus der Kita ab, bin fast immer zum Abendessen zu Hause, und die Wochenenden sind mir heilig.

ZEIT: Haben Sie nie das Gefühl, dass etwas zu kurz kommt?

Kühne: Solche Momente gibt es schon. Es fällt mir zum Beispiel schwer, diese eine Nacht heute in Hamburg zu sein, weil wir diese Situation bisher einfach nicht oft hatten. Aber im Alltag finde ich unsere Lösung super.

Als sie vor der Geburt ihrer Tochter ankündigte, nach drei Monaten wieder in den Job einzusteigen, wurde sie im geschäftlichen Umfeld belächelt und im Bekanntenkreis für eine Rabenmutter gehalten. Tatsächlich war Fränzi Kühne nach zwei Wochen zum ersten Mal wieder zurück am Schreibtisch. Und dieselbe Fränzi Kühne kriegt sich heute gar nicht mehr ein, wenn sie davon erzählt, wie ihre Tochter vor Kurzem ihr erstes Wort gesagt hat: Häschen! Am nächsten Tag schickt sie abends eine Nachricht mit ihrem Wahlergebnis: 99,72 Prozent Zustimmung unter den Aktionären, das beste Ergebnis von allen.

ZEIT: Wie lief Ihr Auftritt nun ab?

Kühne: Ich wurde auf die Bühne gerufen und habe gleich gesagt, dass es meine erste Hauptversammlung ist und dass ich megaaufgeregt bin. Dann hab ich losgelegt und über TLGG und digitale Transformation geredet, etwa sieben Minuten lang.

ZEIT: Gab es Reaktionen?

Kühne: Einer der Aktionäre hat nachher gesagt: Mensch, Fränzi, wir freuen uns auf dich – es ist doch okay, wenn ich Fränzi sage? Die anderen siezen sich natürlich alle.

ZEIT: Haben Sie sich da ernst genommen gefühlt?

Kühne: Absolut. Ein bisschen menschliche Nähe und Natürlichkeit tun der Wirtschaft gerade in so komplexen Zeiten gut. Es kam auch noch ein Mann auf mich zu, Mitte 60, der sagte, das sei ja eine typisch weibliche Rede gewesen. Wegen des emotionalen Einstiegs natürlich.

ZEIT: Und was haben Sie gesagt?

Kühne: Na klar, ich bin ja auch weiblich.