Frauen, Frauen, überall Frauen. In Aarau, Liestal, Thun oder Olten, in Glarus, Basel, Luzern oder Bern. Wer in den Kunsthäusern, -museen und -hallen ins Direktorenbüro lugt, der sieht auf dem Chefsessel: eine Frau.

Nie zuvor waren Frauen einflussreicher im Schweizer Kunstbetrieb als heute, nie zuvor hatten sie mehr Einfluss, mehr Macht.

So muss es sein, möchte man meinen. Schließlich studieren an den Schweizer Kunsthochschulen und den kunsthistorischen Instituten vor allem Frauen. Je nach Stadt, je nach Uni sind es zwischen 65 und 75 Prozent. Darunter auch Frauen, die nach dem Studium Karriere machen, also Museen leiten, Lehrstühle erobern und als Künstlerinnen Erfolge feiern wollen.

Frauen, die ganz nach oben wollen.

Nur: Nach oben schaffen es zwar immer mehr, ganz nach oben aber noch immer die wenigsten.

Die prestigeträchtigsten Häusern des Landes, die Fondation Beyeler in Riehen, das Kunstmuseum Basel oder das Kunsthaus Zürich sind nach wie vor fest in Männerhand.

Wie kommt das?

Anruf bei Bice Curiger, 68. Das Freizeichen des Telefons erklingt, dann folgen ein Klacken und ein Räuspern: "Curiger?!" Bice Curiger ist in diesen Tagen ständig unterwegs, für ein Treffen hat sie keine Zeit. Sie pendelt zwischen Arles in Südfrankreich, wo sie die Fondation Vincent Van Gogh leitet, und ihrer Heimatstadt Zürich, wo sie an der letzten Ausgabe der von ihr mitgegründeten Kunstzeitschrift Parkett arbeitet. Eben war sie bei der Eröffnung der Documenta in Athen, bald reist sie an die Biennale in Venedig. An diese wichtigste Kunstausstellung der Welt, die sie 2011 als erste Frau überhaupt kuratierte. Curiger zählt seit vielen Jahren zum Who’s who der internationalen Kunstszene. Die Kunstwissenschaftlerin und Kuratorin hat in den siebziger Jahren Kunstgeschichte in Zürich studiert, als das Fach noch als Ausbildung für höhere Töchter galt. Sie sagt: "Ich habe von der antibürgerlichen Grundhaltung jener Zeit profitiert. Kunst war eine Kraft, die den Blick öffnete – auch bezüglich Geschlechterrollen." Sie habe sich immer als Feministin verstanden und sich schon als Studentin gegen Machos gewehrt, "auch gehen linke", sagt sie.

Sich zu wehren, das hieß: Ausstellungen organisieren, an denen nur Werke von Frauen gezeigt werden. Ein Statement dafür, dass man nicht nur gegen Klassen-, sondern auch gegen Geschlechterunterschiede ankämpfen muss.

Und sonst? Diskriminiert worden sei sie nicht, sagt Curiger, aber Sexismus ausgesetzt sehr wohl. An eine konkrete Situation will sie sich aber nicht erinnern. "Solche Dinge vergisst man wieder", sagt sie und schiebt lakonisch nach: "Es ist, wie es ist."

Es sei aber schwieriger gewesen, damals, sich als Frau im Kunstbetrieb durchzusetzen. Curiger erinnert sich an eine Episode aus den neunziger Jahren am Kunsthaus Zürich, wo sie und Harald Szeemann als freie ständige Kuratoren arbeiteten. Manchmal habe sie sich einen Bart und eine tiefe Stimme wie Szeemann gewünscht. "In manchen Situationen wäre ich mir wie ein Kanarienvögelchen vorgekommen, hätte ich ihm etwas entgegnet. Also schwieg ich." Bice Curiger lacht am anderen Ende der Telefonleitung ihr kehliges Lachen.

Frausein, das war im Kunstbetrieb mal ein Statement. Frausein, das verpflichtete, auch zu Solidarität – aber: Das war einmal.

Was bei einem Mann arrogant klingen würde, klingt aus dem Mund von Nina Zimmer, 44, beeindruckend selbstbewusst. "Ich habe mir immer Ziele gesetzt und auf das zugesteuert, was ich wollte." Ihre Strategie ging auf. Zimmer ist die erste Europäerin, die in Seoul an der renommierten National University of Art unterrichtete. Die erste Europäerin auch, die einen Platz am Center for Curatorial Leadership in New York erhielt, wo sich die besten Kuratoren zu Führungskräften ausbilden lassen. Im vergangenen Frühling wurde sie die erste Frau überhaupt an der Spitze des Berner Kunstmuseums und des Zentrums Paul Klee. Die beiden Häuser stehen neu unter einem gemeinsamen Dach. Seither nennt man Zimmer eine Super-Direktorin.

Ihr Klee-Museum steht hoch über Bern, in seinem eleganten Wellenkleid, zwischen rauschender Autobahn und weiten Feldern. Zimmer empfängt in einem großen Sitzungsraum. Sie sitzt erwartungsvoll am langen Tisch, vor ihr liegen ruhig ihre Hände, mit denen sie sich nur manchmal eine Haarsträhne aus dem Gesicht streift. Hat sie sich je ungerecht behandelt gefühlt als Frau? "Ich habe sehr wenige Erfahrungen in diese Richtung erlebt", antwortet Zimmer schnell. Dann stocken ihre Sätze, sie sucht nach Worten, fängt nochmals an: "Selbstverständlich gibt es Diskriminierung. Die Situationen sind aber meist komplexer, als dass jemand allein wegen seines Geschlechts schlechter behandelt wird." Sie sei immer gefördert worden, von Männern und Frauen. "Aber klar: Als Frau muss man sich stärker positionieren."

Mit wem man in der Schweizer Kunstszene auch spricht, es klingt immer ähnlich: Frauen müssen mehr investieren, um gleich viel zu bekommen wie Männer. Egal ob sie nun Kuratorin, Direktorin oder Künstlerin werden wollen.

Lena Maria Thüring sagt es so: "Wieso sollte es in der Kunst anders sein als in der Gesellschaft? Die Kunst ist ein Seismograf für Machtverhältnisse und Zustände in der Gesellschaft." Die 35-Jährige zählt zusammen mit Pamela Rosenkranz, Claudia Comte, Hannah Weinberg, Vanessa Billy und Sophie Jung zu den vielversprechendsten jungen Schweizer Künstlerinnen. Ihre Videoarbeiten und Installationen wurden mehrfach ausgezeichnet und in Paris, Basel, Madrid oder Zürich gezeigt.

Thüring sitzt in einem Café in Zürich-Wipkingen, rührt in einem Ingwertee und blinzelt in die Morgensonne. Natürlich sehe sie sich als Feministin, sagt sie. Sie wolle aber kein Schwarz-Weiß und erst recht nicht die Frauen zu Opfern erklären.

"Ich finde es wichtig, dass man bei diesem Thema nicht in Pauschalisierungen verfällt", sagt Thüring. Frauenföderung als Programm? Lehnt sie ab. "Man kann sich beklagen, dass Künstlerinnen noch immer nicht die gleiche Präsenz haben wie Künstler. Oder man kann etwas tun." Das heißt: sich gegenseitig fördern. "Es liegt in unserer Verantwortung, dafür eine Sprache zu entwickeln, Platz einzunehmen und für andere Raum zu schaffen." Bei ihren Studentinnen, die sie an der Hochschule für Gestaltung und Kunst in Basel unterrichtet, beobachte sie "ein großes Bewusstsein für das Thema".

Ist es damit getan? Keine Anklage, kein Vorwurf, schon gar nicht an die Männer – nicht einmal gegen das System, gegen diese gläserne Decke, gegen welche die Frauen stoßen, die in den Top-Häusern die Top-Jobs übernehmen wollen.

Thüring weiß, dass sie auch ein Vorbild ist. Als Frau, "die beruflich erfolgreich ist und die auch noch ein Kind hat". Ihr eigenes Vorbild ist die britische Gegenwartskünstlerin Phyllida Barlow: "Dran bleiben und gegen alle Widerstände weiterhin Kunst machen, das ist wirklicher Erfolg. Darum müssen wir zuerst an uns selber glauben, denn nur so können wir die anderen davon überzeugen, es auch zu tun."

Und was rät die Berner Super-Direktorin Nina Zimmer jungen Frauen, die eine Karriere anstreben? "Der eigenen Meinung vertrauen", sagt sie, und daneben den klassischen Weg gehen: Klinken putzen, Leute treffen und sich überall sehen lassen. An Vernissagen, Ausstellungen, Partys. "Am wichtigsten: viele Freundschaften schließen, außerhalb und innerhalb der Kunstwelt."

Also mehr tun, mehr leisten – kurzum, ein Über-Mann sein: Ich nehme mir, was ich will.

Für eine Hochschulkarriere nützt selbst das nichts. Im Schnitt besetzen die Männer doppelt so oft einen Lehrstuhl wie die Frauen.

Eine, die es geschafft hat, ist Julia Gelshorn, 42. Ihr Büro liegt an einem langen Gang der historisch-kulturwissenschaftlichen Fakultät der Universität Freiburg. Seit 2014 sitzt sie auf dem Lehrstuhl für moderne und zeitgenössische Kunstgeschichte. Gelshorn, die gebürtige Deutsche, empfängt herzlich – in astreinem Berndeutsch. Sie hat eine beeindruckende Karriere hinter sich, war schon Professorin in Wien und Hamburg. "Ich habe mich bei all meinen Berufungen gefragt, wie stark mein Geschlecht ins Gewicht fiel." Sie hoffe sehr, dass Qualität im Vordergrund gestanden habe. Eine Quotenfrau? Nein, das wolle sie auf keinen Fall sein. "Ich glaube, man tut Frauen mit Quoten keinen Gefallen", sagt sie und argumentiert, ganz klassisch, man könnte sagen männlich: "Die Person, die am besten auf eine Stelle passt, sollte sie auch bekommen." Dann schiebt sie nach: "Aber ich beobachte bei Frauen einfach weniger oft den Willen, den langen Weg bis zu einer Professur auf sich zu nehmen."

Fehlt der Wille, oder fehlt die Förderung?

Die Professorin lehnt sich in ihrem großen Bürostuhl zurück. "Ich sehe oft, dass es zwischen Frauen zu Neid, Zickereien und Konkurrenzdenken kommt." Dass Frauen andere Frauen fördern, sehe sie eigentlich nicht. Und sie selber? "Da gehöre ich wahrscheinlich selbst dazu", sagt Gelshorn, "wenn ich gegen eine Quote bin."