Einst kannte sie die Kirchenväter auswendig. Zitierte sie auf Hebräisch, Altgriechisch, Latein, seitenlang. Heute entgleiten Uta Ranke-Heinemann manchmal die einfachsten Gedanken. "Mein Hirn ist Matsch", sagt die ehemalige Professorin für katholische Theologie in dem Haus in Essen, in dem sie seit 60 Jahren lebt. Bücherregale mit Folianten aus Leder überragen den Fernsehsessel mit ihr darin. Uta klammert sich an das Wissen, das ihr blieb. Sie hat es gehortet in bald 90 Jahren. Es ist ihr kostbarster Besitz. Holen die Homosexuellen sie ab, um mit ihr eine Runde zu drehen im Park, übt Uta mit ihnen ihre Lieblingsstellen von Kant und René Descartes.

Schlimmer als das Vergessen ist für Uta nur das Vergessenwerden. Kommt Besuch zu ihr ins Haus, gibt es Umarmungen. Dann will Uta Vornamen wissen, sagt mal du, mal Sie und will es andersrum genauso. Wie man das so macht im Westen, im Ruhrgebiet. Besuch ist mittlerweile selten. Die Homosexuellen, sagt Uta, seien die Einzigen, die noch hin und wieder denken würden an sie, ihren Kampf für Frieden, Freiheit, Liebe, die gute Sache. Uta ist die Tochter von Gustav Heinemann, dem Bundespräsidenten. Zudem ist sie eine linke Ikone der alten Bundesrepublik, eine von den friedensbewegten Frauen aus dem Westen, die mit Marx und Lenin wenig und mit Gott und Jesus viel politisch anzufangen wussten. Die lieber mit der Bergpredigt argumentierten, als etwas von Petting und Pershing zu schreien.

Uta beweist: Es gab eine Linke in Deutschland, die glaubte an mehr als an Glück im Diesseits und das Gute im Menschen. Die feierte Uta, weil sie die erste Professorin für katholische Theologie war weltweit, und empörte sich, als man ihr 1987 die Lehrerlaubnis wieder entzog. In einer Talkshow hatte Uta die Jungfrauengeburt geleugnet. Sie wollte aufräumen mit dem Irrglauben in der Kirche und 2.000 Jahren klerikaler Unterdrückung der Frau gleich mit. Das war naiv. Dafür wurde sie bestraft. Ihr Rausschmiss wurde zum Weltereignis, auch weil sie ihn nicht still duldete, sondern es im "Stern" herausschrie: "Ich widerrufe nicht."

In ihrem mintgrünen Kostüm saß Uta in allen Talkshows der jüngeren deutschen Fernsehgeschichte. Sie war bei Illner, bei Kerner, bei Lanz, bei Hans Meiser, Vera am Mittag, Harald Schmidt, Götz Alsmann und viermal bei Jürgen Fliege. Doch jetzt ist der Fernseher aus und Uta sitzt davor. Sie trägt Perücke und die gleichen Ohrringe wie bei ihrem letzten Auftritt bei Sandra Maischberger 2012. Auf die Idee, den Fernseher einzuschalten, kommt sie gar nicht. Schwarz ist er ihr lieber. Da kann Uta sich herrlich aufregen, was im Fernsehen kommen könnte.

Uta Ranke-Heinemann ist ein Wesen aus dem Pleistozän des politischen Dagegenseins. Sie und die Linken des Westens verdienen es nicht, zu verschwinden, aber wer verdient das schon? Dass die Essener Uta heute nur noch für links halten, wenn sie ihr Jäckchen im Park mal linksherum tragen sollte, ist nicht ihre Schuld. Was ist heute denn noch links? Die Grünen? Martin Schulz? Die SPD?

So sehr hat sich Deutschland daran gewöhnt, die Linke im Osten zu verorten seit der Wiedervereinigung, dass keiner mehr sehen will, dass auch eine Dame tief im Westen mit Vorliebe für Seidenhandschuhe und Selbstgestricktes mit zur Bewegung gehört. Dass auch in ihrem Kampf, ihrer Sturheit, ihrer Härte eine Größe liegt, die mindestens so links ist wie das schönste Zitat von Karl Marx auf einer Stehparty in Berlin-Mitte.

Als roter Gartenzwerg und Mahnung, sich der Wurzeln der Bewegung zu erinnern, steht der Trierer in Gregor Gysis Bundestagsbüro. Gysi, Elder Statesman der Linkspartei, scheut sich nicht, zurückzuschauen. Er erinnert sich noch gut daran, wie er bei Uta in der Küche saß. 1999 heißt die Linke noch PDS und sucht eine Frau des Friedens aus dem Westen, um sie bei der Bundespräsidentenwahl gegen Johannes Rau von der SPD mit Haltung verlieren zu lassen. Uta ist die beste Wahl. Zudem ist sie Raus angeheiratete Tante. Das sichert bundesweite Aufmerksamkeit. "Die Enge ihres Hauses in Essen", erinnert sich Gysi, "hat mich … erstaunt." Und wie er eine Pause setzt vor "erstaunt", ist es offensichtlich: Zwischen dem Funktionär und der Dame liegen noch immer Welten. Die eine weiß bis heute nicht, was PDS genau bedeutet, der andere kann qua DDR-Biografie nicht ermessen, was es heißt, linkskatholisch im Ruhrgebiet zu sein.

Doch in Utas Küche ist das egal. Da ist man sich einig: Die Bundeswehr darf nicht Krieg führen im Kosovo. Das reicht 1999, um im Auge des anderen den Linken zu sehen. Und wie Utas Wände mit der Blumentapete immer näher zu kommen scheinen, habe er, Gregor Gysi, gelernt: Es ist egal, woher man kommt und "ob man sich aus Glaubensgründen oder politischer Überzeugung für den Frieden engagiert: Hauptsache, man tut es."

In dem Punkt war Uta immer auf Linie. Sie ist schon links und anders, als die Mauer noch steht und Vater Heinemann Bundespräsident ist. Uta macht Bildungsurlaub in der Sowjetunion, sagt, nichts ist gut in Vietnam, und reist sogar, freundlich beäugt von der DDR, 1972 mit einer Friedensgruppe nach Hanoi. Noch heute sagt sie: "Die Toten von damals schauen uns an." Und das meint sie so. "In Nordvietnam besuchte ich ein Krankenhaus. Da lag ein Junge. Er hatte beide Beine verloren bei einem Angriff der Amerikaner. Und wie er da lag … Das kann ich nie vergessen." Einen Tag später zerstört eine Bombe das Krankenhaus, versehentlich, aber das war dem Jungen wohl egal. Seither geht Uta nicht mehr in den Gottesdienst. Sie kann nicht. Etwas ging kaputt damals, und das war nicht allein das Krankenhaus.