Im zweiten Akt der Oper hat der Zuschauer das Gefühl, in eine riesige Pop-Remix-Maschine geraten zu sein: Da tritt Klingsor, der Antipode der Gralsritter und dämonische Herrscher, in seinem Zaubergarten als eine Art Elvis-Imitator auf, der sich die ebenholzschwarze Frisur mit Spucke richtet. Wenig später erscheint Parsifal, der reine Tor, in einem knappen roten Wams, wie es Sean Connery in dem postapokalyptischen Science-Fiction-Film Zardoz trägt. Und dann paddelt noch die Zauberin Kundry im bis ins Detail stilecht kopierten Barbarella-Kostüm in einem Kanu vorbei – inklusive Laserpistolen, die sie immer wieder graziös aus dem Halfter zieht. Das Bühnenbild ist eine gigantische Holzfigur, die an den britischen Film Wicker Man erinnert. Darin wird ein heidnischer Kult zelebriert, der Menschenopfer fordert.

Folgerichtig geht auch im Mondparsifal die Weidenpuppe am Schluss des Aktes in Flammen auf.

Es ist, als ob mehrere emblematische Filme aus den Swinging Sixties und Seventies übereinandergeblendet würden, um eine populärkulturelle Mythenmaschine anzuwerfen, die sofort von der Imagination des Betrachters Besitz ergreift. Das hat zwar nichts mit Richard Wagner zu tun, dafür umso mehr mit Jonathan Meese. Der Künstler, der sich ja als zeitgenössischer Gesamtkunstwerker in der Tradition des Titanen vom Grünen Hügel begreift, speist seine monumental auftrumpfende Trash-Kunst seit Jahren aus einem Zeichenreservoir zwischen Dr. No und Emma Peel, zwischen John Wayne und Science-Fiction der Marke Mondbasis Alpha 1. Jetzt hat er auf Einladung der Wiener Festwochen all dies unter dem im typischen Meese-Speak verfassten Titel Mondparsifal Alpha 1–8 (Erzmutterz der Abwehrz) auf die Bühne des Theaters an der Wien gestellt und daraus ein Spektakel gemacht, das aus dem Geist von Wagners Parsifal entstanden ist und diesem doch widersprechen will.

Der Künstler hätte ja für die Wagner-Festspiele in Bayreuth 2016 einen Parsifal inszenieren sollen, wurde aber wieder ausgeladen – angeblich waren seine Regievorstellungen zu teuer. Nun ist Jonathan Meese der große Trumpf des neuen Festwochen-Intendanten Tomas Zierhofer-Kin, der sein erstes Programm vollgestopft hat mit queeren und Transgender-Ästhetiken. Woran es allerdings mangelt, sind wirkliche Stars, und so ist Meese zur Zentralfigur avanciert. Die meisten Pressetermine hat Zierhofer im Duo mit dem Meessias absolviert, der wieder einmal seine Heilsbotschaft von der "Diktatur der Kunst", an deren Wesen die Welt genesen solle, unter die Leute bringen durfte: "Kunst ist die ZUKUNFT, NUR KUNST IST CHEF." Oder auch: "K.U.N.S.T. über Alles, über Alles in der Welt!" In Österreich, wo eine Partei, die sich nie ernsthaft von ihren NS-Wurzeln lossagen wollte, mit großer Wahrscheinlichkeit Teil der nächsten Bundesregierung sein wird, klingt das allerdings nur bedingt lustig. Vor lauter Meese ging beinahe unter, dass es sich bei dem Auftragswerk nicht um eine Neuinszenierung von Wagners Parsifal handelt, sondern um ein neues Stück des österreichischen Komponisten Bernhard Lang. Er bezeichnet seinen Mondparsifal oder auch "Par-ze-fool" als Palimpsest, als Übermalung der Originalpartitur aus dem Geist jener "Monadologien", die er erstmals im Jahr 2007 zur Aufführung brachte.

Lang, der auch das Libretto neu verfasst hat, bricht aus Wagners Urtext einzelne Textpassagen und Musiksequenzen heraus, die er loopt und in Wiederholungsstrukturen überführt. Das klingt, als ob die Nadel eines Plattenspielers hängen geblieben sei, wirkt zu Beginn fremdartig und irritierend, beginnt aber mit Fortdauer des Stückes gewaltig zu nerven. So wird der Parsifal vom Klangforum Wien und vom Schönberg-Chor, dirigiert von Simone Young, zerstückelt, polystilistisch aufgefächert und als Montage aus Fragmenten neu erzählt. Bernhard Lang versteht seine Technik als Psychoanalyse des Originals. "Die zweite Textschicht, die man darüberlegt", hat er geschrieben, "ist quasi im Dialog mit der ersten Schicht und löst vielleicht eine dritte Schicht, die im Verborgenen lag, heraus."

Auf diese dritte Schicht kann der Zuschauer lange warten: Trotz des umfassenden Remix-Programms, bei dem Technobeats zu hören sind und eine Improvisations-Combo freejazzig röhrt, wird die Geschichte von der Heilung des Amfortas und der Erlösung der Gralsritter durch das Schwert des Parsifal ziemlich textgetreu, wenn auch verknappt erzählt. Neue Einsichten wollen sich nicht einstellen, außer vielleicht der Erkenntnis, dass die postmoderne anything goes- Blödelkunst der 1980er Jahre auch 30 Jahre später noch als erhellendes Dekonstruktionstheater verkauft werden kann.

Jonathan Meese hat in seiner Rolle als Bühnenbildner sämtliche verfügbaren Oberflächen auf der Bühne mit Piktogrammen und erratischen Sinnsprüchen vollgemalt. Zweimal schaltet er sich via Beamer-Projektion auf einer riesigen, transparenten Leinwand live ins Geschehen ein. Man sieht von oben seine Hände und die Ärmel mit den Streifen der längst zum Markenzeichen gewordenen Adidas-Jacke: In Echtzeit erschafft er malend neue Figurationen, die so schnell wieder verschwinden, wie sie aufgetaucht sind. Und wenn sich doch einmal heilige Gralsstimmung einstellen will, dann hängt plötzlich ein überdimensionaler Sponge Bob von der Decke herab und provoziert eine Lachsalve im Publikum.

Zur Schauspielerführung ist dem Regisseur Meese allerdings nicht viel eingefallen: Die Sängerinnen und Sänger um den Countertenor Daniel Gloger, der einen Parsifal mit Sex-Appeal gibt, in den Höhen aber oft recht angestrengt wirkt, tapern ziellos auf der Bühne herum oder schlagen Purzelbäume. Keine gute Idee war es auch, minutenlange Passagen aus dem Nibelungen- Film von Fritz Lang auf einer Großleinwand mitlaufen zu lassen, die deutlich mehr Spannung erzeugten als das Geschehen auf der Bühne.

Egal, Jonathan Meese was here. Er hat getan, was er tun musste, und dankenswerterweise auf den Hitler-Gruß verzichtet. Wagners Parsifal wird auch diese Attacke aus dem Weltall überleben. Nach dreieinhalb Stunden hieß es: Vorhang zu und keine Fragen offen. Der Jubel war groß.