Präsentiert die Gitarre! Kiefer Sutherland auf seiner "Not Enough Whiskey"-Tour © Mike Coppola/Getty Images

Jetzt ist er mit seiner Tournee auch in Europa angekommen. Die erste Station in der Alten Welt ist die dänische Hafenstadt Aalborg. Dort halten euphorisierte "24"-Fans Transparente mit der Aufschrift "Jack is back!" in die Luft. Trotzdem hat der Mann, der erst scheu, dann temperamentvoll Country-, auch Soul- und sogar einige Rock-’n’-Roll-Akkorde anstimmt, mit Jack Bauer wenig zu tun, dem rabiaten Agenten aus der TV-Serie "24", die Kiefer Sutherland berühmt machte. Der Star wirkt beinahe fragil, fein, fast asketisch, als er nach dem Konzert mit einer Zigarette am Fenster der kargen Backstage-Garderobe steht. Das gepunktete Hemd, der Paisleyschal und die hautenge Jeans erinnern daran, dass Sutherland seine Schauspielkarriere schon einmal unterbrochen hatte – als er Anfang der Neunziger durch Amerika zog und sich als Rodeo-Cowboy durchschlug.

DIE ZEIT: Sie haben immerhin schottische Vorfahren, fühlen Sie sich in Europa ein wenig zu Hause?

Kiefer Sutherland: Außerdem wurde ich in London geboren. Im Moment kommt mir hier alles noch sehr exotisch vor. Aber die Band ist glücklich. Wir hatten die Tour schon lange geplant und sind noch immer aufgeregt.

ZEIT: Warum riskieren Sie mit fünfzig Ihren Ruf als weltweit gefeierter Schauspieler und fangen plötzlich an zu singen?

Sutherland: Ich weiß, es ist schrecklich. Ich verachte ja auch Kollegen, die sich plötzlich in Sänger verwandeln. Aber wenn man das wirklich will, dann findet man einen Weg. Zur Not spielt man auch auf öffentlichen Plätzen. Ich wollte immer schon Musik machen, hatte allerdings Angst, damit meine Glaubwürdigkeit als Schauspieler aufs Spiel zu setzen. Früher hat mich eine böse Kritik verletzt, heute kümmere ich mich nicht mehr darum. Es heißt immer, man solle sich früh für einen Beruf entscheiden und dabei bleiben. Aber ich glaube sehr an zweite Chancen.

ZEIT: Stimmt es, dass Sie mit 15 aus dem Internat türmten, um Schauspieler zu werden?

Sutherland: Ja, und es hat geklappt! Ich mache diese Tournee auch für meine Kinder. Sie sollen wissen, dass es keinen Grund gibt, sich beruflich allzu früh festzulegen.

ZEIT: Hätten Sie sich wirklich vorstellen können, auf der Straße zu spielen?

Sutherland: Aber ja! Ich liebe Straßenmusikanten. Als Junge in Toronto bin ich jeden Samstag zu einem hingepilgert und habe zwei Dollar in seinen Hut gelegt. Niemals hat er ein Stück zweimal gespielt. Irgendwann wollte er kein Geld mehr von mir haben, er sagte: "Setz dich einfach hin und hör zu."

ZEIT: Werden Sie im Tourbus durch Europa reisen, wie eine richtige Band?

Sutherland: Ja, insgesamt zu zwölft. Für die zwanzig Stationen in Europa nehmen wir nur zweimal ein Flugzeug.

ZEIT: Fühlen Sie sich in Ihre Cowboy-Zeiten zurückversetzt, als Sie eine Zeit lang von Rodeo zu Rodeo getingelt sind?

Sutherland: Die Rodeo-Zeit fühlte sich tatsächlich ähnlich an, die Kameradschaft ist jedenfalls dieselbe. Wir waren damals zu dritt und haben die Pferde im Truck von einer Stadt zur anderen gefahren. Und in Amerika ist das Rodeo ja auch eine große Show.

ZEIT: Die Lieder auf Ihrem Album sind sehr persönlich. Sie handeln von Verlust, von Liebe und Tod. War das Schreiben dieser Lieder eine Therapie für Sie, die Sie nach immerhin zehn Jahren als Jack Bauer wieder mit Ihrem Selbst in Kontakt bringt?

Sutherland: Interessant, so habe ich es nie gesehen. Aber Sie könnten recht haben, vielleicht war das unbewusst der Grund für die Musik. Das Album ähnelt einem Tagebuch, und ich habe beim Schreiben herauszufinden versucht, wo ich mich in meinem Leben befinde. Die Arbeit an 24 hat viel Zeit gekostet, dabei ging alles immer sehr schnell, und es passierte verdammt viel. Neun Jahre lang war ich fünf Tage die Woche täglich 16 oder 17 Stunden auf dem Set.

ZEIT: Hat man da noch Zeit, an etwas anderes zu denken?

Sutherland: Ich lebte in meinem Wohnwagen und fing irgendwann an, Songs zu schreiben. Das war unglaublich entspannend für mich. Ich feilte an den Texten, fand mit der Zeit heraus, was funktioniert und was nicht, suchte nach der richtigen Form. Das war an sich schon befriedigend, aber auch kathartisch, weil ich von Dingen in meinem eigenen Leben erzählte, mit denen ich offenbar nicht fertig war oder die ihren Platz noch nicht gefunden hatten. Mit dem Schreiben begannen sich die Dinge zu ordnen. Plötzlich wusste ich, wo ich stehe.

ZEIT: Gibt es eine Verbindung zwischen der Schauspielerei und der Musik?

Sutherland: Das Geschichtenerzählen. Es bringt die Menschen seit Urzeiten zusammen. Geschichten integrieren Kulturen, verschiedene Perspektiven kommen zum Ausdruck, und dadurch lernen wir. Die Humanität beruht darauf. Wenn ich als Sänger von mir selbst erzähle, löse ich damit Vorurteile auf, die das Publikum über mich oder die ich über das Publikum gehabt haben mag. Wir stellen fest, dass wir uns ähnlicher sind, als wir dachten. Dieses Einverständnis mag ich sehr.

ZEIT: Sind Sie während der Show auf der Bühne empfänglich für Reaktionen des Publikums?

Sutherland: Mein Gott, das muss man sogar sein! Diese Erfahrung unterscheidet sich von allem, was ich kenne. Als Schauspieler hält man sich an ein Szenario, es gibt feste Regeln, und es wird von den Zuschauern erwartet, dass sie still sind und zuhören. Aber wenn es um Musik geht, dann willst du doch gerade, dass sie vom Sitz springen und laut werden.

ZEIT: Große Geschichten sind oft traurig. Sie handeln davon, wie das erträumte idyllische Leben verfehlt wird. Jack Bauer ist so ein Held, der gern ein Familienmensch wäre, aber als Agent seinen Seelenfrieden immer wieder aufopfert.

Sutherland: Ich kenne niemanden, der es ohne Verluste durchs Leben schafft, ohne dass ihm das Herz gebrochen würde. Darüber schreibe ich. Aber auch über die Hoffnung, Liebe zu finden. Und es ist gerade der Reiz des Livekonzerts, dass ich da wirklich zeigen und vorführen kann, wie die Songs entstanden sind. Wir sind dann mit unseren Problemen nicht allein.