Beginnend mit der heutigen Zeit, produziert die Welt unaufhörlich eine immer exaktere Kopie von sich selbst. Ihre Beschaffenheit wird in Form digitaler Datenströme mit wachsendem Detailreichtum dupliziert, die in Echtzeit immer mehr und immer vielfältigere Situationen abbilden. Die wachsende Zahl von Sensoren an den Oberflächen unserer körperlichen, privaten und beruflichen Existenz, verbunden mit der Leistungsfähigkeit der künstlichen Intelligenz (KI), erzeugt den industriellen Horizont unserer Zeit – und jenen des dritten Jahrzehnts im 21. Jahrhundert. Die Phänomene der Wirklichkeit werden erfasst und sofort quantifiziert, wodurch ein Raum von praktisch unendlicher Funktionsvielfalt entsteht.

Derzeit ist die KI mit dreifacher Kompetenz versehen. Zum einen vermag sie Situationen aller Art zu interpretieren. Zu Beginn der 1990er Jahre entstanden sogenannte Expertensysteme, die aus Datenmaterial automatisch Diagnosen des Zustands bestimmter Systeme herleiten konnten. Zum Beispiel von Düsentriebwerken.

Das folgende Jahrzehnt erlebte einen Sprung, der mit dem Begriff Data-Mining beschrieben wird: Programme lernten, in hoher Geschwindigkeit Datenkorrelationen zu erfassen und damit Trends bloßzulegen, die sich der menschlichen Wahrnehmung bis dahin entzogen hatten. So kann beispielsweise die Bonität eines Kreditsuchenden anhand zahlreicher Kriterien für mehrere Jahre im Voraus berechnet werden.

Kurz erklärt - Was ist künstliche Intelligenz? Humanoide Roboter, eine Matrix, die Menschen als Energiespender benutzt – so stellen wir Menschen künstliche Intelligenz in Filmen dar. Doch wie sieht die Wirklichkeit aus? © Foto: Zeit Online

Ferner ist die KI imstande, Empfehlungen zu formulieren. So kann sie einem Unternehmen etwa vorschlagen, aufgrund einer Reihe von Parametern einem bestimmten Subunternehmen den Vorzug zu geben. Eine weitere Anwendung bietet das Smartphone. Seine geografische Ortung erlaubt es, dem Nutzer auf sein Profil zugeschnittene Angebote in der näheren Umgebung anzuzeigen. Schließlich ist die KI zur autonomen Entscheidungsfindung befähigt, sie kann sogar ohne menschliche Kontrolle handeln , wenn etwa automatische Tradingsysteme im Hochfrequenzhandel Wertpapiere eigenständig kaufen oder verkaufen.

All diese Systeme beherrschen das Selbstlernen, das machine learning, und perfektionieren sich deshalb ununterbrochen. Bei dieser noch recht neuen Fähigkeit wird das Verhalten eines Systems nicht vorab durch sein Programm festgelegt, vielmehr ist es die Basis, von der aus das Kompetenzniveau entsprechend den Erfahrungen des Systems regelmäßig gesteigert wird.

Es sind in erster Linie die mächtigen, mit Geld, Arbeitskraft und Infrastruktur ausgestatteten Unternehmen im Silicon Valley, die an der vordersten Front der Forschung und Entwicklung von KI stehen. Zum Beispiel Alphabet, dessen Labore mit Google Brain, DeepMind und einer Reihe weiterer Projekte an der automatisierten Interpretation von Sprache arbeiten. Oder IBM, dessen System Watson Strukturen automatisierten Wissens entwirft. Oder auch Facebook und Microsoft, die an Bilderkennungssoftware arbeiten oder Chatbot-Programmen, die mit den Nutzern kommunizieren können. Sie alle wollen den Markt der rasant wachsenden "kognitiven Informatik" beherrschen, die an die Stelle der programmierenden und ihrer Vorläuferin, der rechnenden Informatik, tritt. Sie läutet die nun heraufkommende Ära der symbolischen Überlegenheit der algorithmischen Evaluation und Entscheidung in den Angelegenheiten der Menschen ein.

Von besonderer Symbolkraft ist Google-Car: Die Sensoren im Auto erfassen Unmengen an Daten, hauptsächlich solche, die sich auf die unmittelbare Umgebung und auf andere Fahrzeuge beziehen. Außerdem haben sie Zugriff auf Informationen wie zum Beispiel Straßenkarten und zapfen Daten aus einer Vielzahl von Servern ab, beispielsweise Meldungen von Verkehrsstörungen. Ununterbrochen und in Echtzeit werden aus den unterschiedlichen Daten immer neue Handlungsoptionen abgeleitet. Dieses System entspricht ganz der jüngsten Mission der künstlichen Intelligenz: Sie soll unsere Unzulänglichkeiten ausgleichen und uns gefahrlos durch die beste aller Welten lotsen.

Der menschliche Faktor wird neutralisiert. Denn das Fahrzeug analysiert mithilfe von KI den Gesichtsausdruck seiner Insassen, interpretiert ihren körperlichen oder seelischen Zustand oder auch die Gespräche der Passagiere, um dann eine Vielzahl von Aktivitäten anzuregen, nicht viel anders als ein Animateur im Ferienclub. Wird beispielsweise Müdigkeit konstatiert, schlägt das System einen Halt an der nächsten Apotheke vor oder eine Pause in einem zum Profil der Passagiere passenden Hotel oder Restaurant. Vielleicht regt es auch ein Treffen mit Bekannten an, die sich gerade in der Nähe aufhalten. Die optimale Kongruenz der Dinge durch allwissende Systeme erzeugt genau die vollkommene Welt, die bisher außerhalb der menschlichen Vorstellungskraft lag.

Gleichzeitig bewegt sich die KI Schritt für Schritt darauf zu, die menschliche Entscheidungsfindung zu führen. Die für den Einsatz im Gesundheitswesen entworfene Watson-Variante von IBM analysiert die Krankenakten der Patienten. Sie stellt Diagnosen, schreibt Rezepte, führt die Nebenwirkungen auf und kontrolliert sie für jeden einzelnen Fall. Sie liest die online verfügbaren wissenschaftlichen Artikel und erweitert unaufhörlich ihr Fachwissen, indem sie geeignete Informationen sammelt und auswertet. Bereits jetzt geben manche Krankenversicherungen dieser scheinbar objektiven und kalten Bewertung gegenüber der ärztlichen Kompetenz den Vorzug.

BakerHostetler, eine der wichtigsten amerikanischen Kanzleien, setzt Ross ein, ein Programm, das Berge von Dokumenten durchforstet und jeden Fall in einen größeren Kontext stellt. Ross ist immer auf dem neuesten Stand und zitiert jede als sachdienlich geltende Entscheidung, wenn sie für das laufende Verfahren relevant werden könnte. Das Prinzip erinnert an den Klon Mimi, weibliche Figur der schwedischen Serie Real Humans, die in einer Folge in einer Anwaltskanzlei arbeitet. Ihre Vorgesetzten reagieren panisch, als wichtige Mandanten unangekündigt erscheinen, um folgenschwere Entscheidungen zu überprüfen. Sofort verbindet Mimi ihre zerebralen Prozessoren mit Datenbanken und stellt dank ihrer hohen Verarbeitungsgeschwindigkeit vor den Augen ihrer verblüfften Kollegen in Lichtgeschwindigkeit ein makelloses Dossier der betreffenden Rechtsfälle zusammen.

Die KI wird zur bedeutendsten politischen Kraft der Geschichte

Der Mensch wird zweifach neu positioniert. Zum einen in ontologischer Hinsicht, da die Vorstellung des Menschen von seinesgleichen neu definiert wird: Er gilt nicht mehr als das einzige mit Urteilsfähigkeit begabte Wesen, sondern wird durch eine neue, als überlegen angesehene Wahrheitsinstanz verdrängt. Zum anderen anthropologisch, denn nicht mehr der Mensch übt mithilfe seines Geistes, seiner Sinne und seines Wissens Gestaltungsmacht aus, sondern eine als leistungsfähiger angesehene Interpretations- und Entscheidungsgewalt, die ihn aus immer weiteren Lebensbereichen ausschließen soll, nicht zuletzt aus dem Arbeitsleben.

Diese Entwürdigung der condition humaine ist so umfassend, dass sich die Verfechter der KI alle erdenkliche Mühe geben, diese in den Augen der Gesellschaft zu legitimieren. Sie kündigen beispielsweise neue Formen der Partnerschaft zwischen Mensch und Maschine an, in denen unsere als einzigartig bezeichnete Kreativität gewürdigt werde: "Die kreativen und mit den zwischenmenschlichen Beziehungen befassten Berufe haben gute Zukunftschancen. Insoweit wird die Maschine den Menschen nur in seltenen Fällen ersetzen. Am erfolgversprechendsten ist es, wenn der Mensch sich mit der Maschine verbindet", erklärt scheinbar aufrichtig der Ingenieur Yann Lecun, Leiter der KI-Abteilung von Facebook.

Die systematische Kolonisierung zahlreicher Lebensbereiche durch die KI wirkt sich insbesondere da aus, wo immer größere Bereiche des Alltags abgedeckt werden sollen, nämlich bei den sogenannten virtuellen Assistenten. Solche Systeme sind in Smartphones implantiert, wie etwa Siri oder Cortana. Sie sollen in Echtzeit und natürlicher Sprache auf die Fragen und Wünsche der Nutzer eingehen und ihnen Angebote oder Produkte für jeden Moment ihres Lebens vorschlagen. Ganz zu Recht heißen sie "Assistenten", man könnte sie aber auch "digitale Gefährten" nennen, bedenkt man das breite Spektrum an Aufgaben, die sie im Leben der Menschen erfüllen sollen. Eine neue Form der Andersartigkeit soll ausschließlich auf unsere Bedürfnisse und Wünsche reagieren, sie soll uns unterstützen, uns leiten, uns unterhalten und sogar trösten. Die Berechtigung dazu wird aus unseren Aktivitäten und geäußerten Wünschen abgeleitet, auch aus der Interpretation unserer Gefühle mithilfe der Analyse von Gesichtsausdruck und Stimmfrequenz. Eine ganz neue Andersartigkeit, ohne Gesicht und ohne Körper, die sich jeder Konfrontation, jedem Konflikt entzieht und uns allzeit ausschließlich das Beste vom Besten anbieten soll.

Diese Vision der Welt leitet sich von der technisch-ideologischen These von der grundsätzlichen menschlichen Unzulänglichkeit ab, zu beheben durch die endlos variierten und erweiterten Kräfte der künstlichen Intelligenz.

Auf diese Weise wird die KI zur bedeutendsten politischen Kraft der Geschichte; als eine Art Über-Ich soll sie die Wahrheit intuitiv und fortdauernd erfassen und unsere individuellen und kollektiven Handlungen auf die beste aller Welten hinlenken. Tatsächlich haben wir es indes mit einem technologischen Nihilismus oder einem radikalen Antihumanismus zu tun. Denn innerhalb einer einzigen Generation und mit exponentiell wachsender Geschwindigkeit zerstört der allein an Privatinteressen orientierte Geist von Silicon Valley die Grundprinzipien des europäischen Humanismus und dessen Überzeugung von der autonomen Erkenntnis und der freien Entscheidung ebenso wie die aus diesen Maximen abgeleiteten Schlussfolgerungen: das Prinzip der Verantwortung und das Recht der Gesellschaften, gemeinsam über ihr Geschick zu bestimmen.

Im Jahr 2014 haben zahlreiche Wissenschaftler, Forscher und Unternehmer ihrer Sorge Ausdruck verliehen, die menschliche Rasse könne durch die KI ausgelöscht werden, da diese durch ihre ständige Optimierung gänzlich autonom werden und am Ende ihre Schöpfer vernichten könne. Diesem Phantasma liegt die Vorstellung von einer libidinös begabten Technik als eifersüchtiger und von destruktiver Gewalt zerfressener Rivalin zugrunde. Ganz anders als in dieser abwegigen, apokalyptischen, abenteuerlichen Vorstellung führt die Weltanschauung von Silicon Valley nicht zur Ausrottung der menschlichen Spezies, sondern, präziser und heimtückischer, zur Beseitigung der menschlichen Gestalt . Also zum Tod des Menschen des 21. Jahrhunderts: Zu seinem eigenen Wohl und dem der ganzen Menschheit soll er seine historischen Vorrechte an Systeme abtreten, die für die Perfektionierung der Weltordnung besser geeignet sind und ihm ein von seinen eigenen Schwächen dauerhaft befreites Leben erlauben.

Gegenwärtig überschreiten die digitalen Technologien eine Grenze. Ohne das Einverständnis der Individuen und der Zivilgesellschaft stellen sie unsere Existenz ebenso auf den Kopf wie viele unserer Grundprinzipien. Wenn wir uns klarmachen, dass bestimmte, bis heute als unantastbar angesehene Schutzzäune für das von uns angestrebte Leben eingerissen werden, müssen wir wie Albert Camus’ Mensch in der Revolte Nein sagen: "Was ist der Inhalt dieses 'Nein'? Es bedeutet zum Beispiel: 'Das dauert schon zu lange', 'bis hierher und nicht weiter', 'Sie gehen zu weit' und auch 'es gibt eine Grenze, die Sie nicht überschreiten werden'. Im Ganzen erhärtet dieses 'Nein' das Bestehen einer Grenze."

Heute sind wir es uns schuldig, diese Worte des Menschen in der Revolte aufzunehmen und zu bestätigen, dass es "eine Grenze gibt, die nicht überschritten werden darf". Denn hier handelt es sich um eine doppelte Entäußerung. Einmal verzichten wir auf unsere kollektive Entscheidungsgewalt über eine sich unabwendbar gebende Erscheinung. Außerdem, und das ist vielleicht noch bedrohlicher, verzichten wir auf die Unabhängigkeit unseres Urteils, denn der wichtigste Aufgabenbereich des hier beschriebenen technischen und ökonomischen Modells hängt davon ab, dass freie Entscheidung und menschliche Spontaneität ausgeschaltet werden.

Das ist eine Verhöhnung der grundlegenden Werte unseres gemeinsamen Lebens, des wechselseitigen Respekts vor unserer Integrität, unserer Würde und der unveräußerlichen menschlichen Pluralität.

Von unserem Engagement gegen diese angeblich unvermeidliche Entwicklung und von unserer Fähigkeit, unser Recht auf ein selbstbestimmtes Leben zu behaupten, wird nicht weniger als die gegenwärtige und zukünftige Gestalt unserer Zivilisation abhängen.

Aus dem Französischen von Elisabeth Thielicke