DIE ZEIT: Herr Ludwig, es kündigt sich ein harter Wahlkampf an, in dem die SPÖ vor allem in ihrem Herzland Wien erfolgreich sein muss, will sie nicht ihre Position verlieren. Nach dem Riss, der in den vergangenen Monaten durch die Partei ging, wie schlagkräftig ist Ihre Organisation noch?

Michael Ludwig: Wenn wie jetzt eine entscheidende Wahl vor der Tür steht, dann kann man sich nach wie vor darauf verlassen, dass die SPÖ Wien alle ihre Möglichkeiten einsetzen wird, um unseren Spitzenkandidaten Christian Kern zu unterstützen.

ZEIT: Hand aufs Herz, jetzt ziehen plötzlich alle wieder an einem Strang?

Ludwig: Da bin ich mir ganz sicher. Gerade der Aufmarsch an diesem 1. Mai hat gezeigt, wie viele Menschen sich in dieser Stadt zur Sozialdemokratie bekennen. Auch Christian Kern war beeindruckt von der Organisationsstärke der SPÖ Wien.

ZEIT: Besteht nicht ein gewisser Unterschied zwischen einem Mai-Aufmarsch und einem kräfteraubenden Wahlkampf?

Ludwig: Es wird allen in der SPÖ Wien bewusst sein, wie wichtig diese Nationalratswahl ist. Für mich ist klar, dass wir geschlossen auftreten werden. Ich jedenfalls werde meinen maßgeblichen Beitrag dazu leisten.

ZEIT: Dennoch driften derzeit ganz offensichtlich zwei Teile der Wiener SPÖ immer weiter auseinander. Sehr viel in diesem Konflikt wird an Ihrer Person festgemacht.

Ludwig: Ohne mein Zutun.

ZEIT: Worauf führen Sie das zurück?

Ludwig: Ich glaube, es hängt damit zusammen, dass ich das Vertrauen vieler Bezirke genieße, die sich zu wenig repräsentiert sehen. Die betrachten mich als Vertreter ihrer Interessen. Das ist die Hauptursache. Natürlich spielt auch mit, dass ich als Vorsitzender der SPÖ Floridsdorf, der mitgliederstärksten Bezirksorganisation, ein gewisses politisches Gewicht besitze.

ZEIT: Empfinden die großen Flächenbezirke, die hinter Ihnen stehen, zu Recht, dass ihre Interessen nicht ausreichend vertreten wären?

Ludwig: Man muss sehen, dass sich die Gesellschaft insgesamt stärker ausdifferenziert. Das hat soziale, vor allem wirtschaftliche Hintergründe. Daher muss die Sozialdemokratie auch ein ausdifferenziertes politisches Angebot machen, das auf Basis gemeinsamer Grundlagen entwickelt wird. Darin sehe ich prinzipiell kein Problem. Unsere Stärke war es immer, unterschiedliche Bedürfnisse abzudecken.

ZEIT: Sehen Sie sich als Sprecher der, sagen wir mal, Unzufriedenen?

Ludwig: Nein, ich sehe mich als personelles Angebot an all jene, die sich eine Politik wünschen, die sich auch an all die Menschen, die in diesen großen Bezirken leben, wendet.

ZEIT: Worin konkret besteht die Unzufriedenheit?

Ludwig: Es gibt offensichtlich unterschiedliche Bedürfnisse in der Stadt, und es gibt in den einzelnen Bezirken völlig verschiedene politische Konstellationen. Es gibt in den innerstädtischen Bezirken Situationen, wo vier Parteien annähernd gleich stark sind, und in den Flächenbezirken gibt es fast ausschließlich eine Duellsituation zwischen SPÖ und FPÖ. Das Thema, warum Menschen, die früher SPÖ gewählt haben, heute FPÖ wählen, ist natürlich dort von wesentlich größerer Bedeutung.

ZEIT: Werden falsche Prioritäten gesetzt? Zu viele Radwege ...

Ludwig: Wenn dieses Stichwort schon fällt: Fragen des Individualverkehrs spielen überall dort eine größere Rolle, wo es aufgrund der Flächenausbreitung naturgemäß nicht so eine dichte Versorgung mit öffentlichen Verkehrsmitteln geben kann wie im innerstädtischen Bereich. Dass es unterschiedliche Interessen gibt, ist aus der Lebenssituation begründbar. Ich sehe da jedoch noch lange keinen innerparteilichen Konflikt ...