DIE ZEIT: Herr Finck, als Naturschutzforscher haben Sie an der dritten Auflage der Roten Liste gefährdeter Habitat-Typen mitgearbeitet. Darin ist festgehalten, wie es verschiedenen Lebensräumen in Deutschland geht. Macht sich die Öffentlichkeit ein realistisches Bild vom Zustand der Natur?

Peter Finck: Ich glaube, dass sich sehr viele Leute keine Gedanken darüber machen; wahrscheinlich ist ihnen nicht bewusst, was für Schätze es hier gibt und wie es um sie steht. Der allgemeine Kenntnisstand über Arten und Lebensräume ist nicht weit genug verbreitet, als dass deren Verlust überhaupt wahrgenommen würde.

ZEIT: Lebensräume leiden unter einem Zielkonflikt: Flächen sollen wirtschaftlich genutzt werden, zugleich aber wild und schön bleiben.

Finck: Viele Menschen empfinden Rapsfelder als schöne Natur. Was genau "schöne Natur" überhaupt ist, wird häufig nicht an bestimmten Lebensraumtypen oder Arten festgemacht, sondern daran, ob es blüht, ob es grün ist oder ob viele Bäume herumstehen.

ZEIT: Rapsfelder sind ein Problem?

Finck: Viele sind so intensiv bewirtschaftet, dass dort diese einzige Pflanzenart derart dominant ist. Da kommen kaum noch andere Arten vor.

ZEIT: Die Rote Liste zeigt, dass es um einen Großteil der Lebensräume schlecht steht. Eine Ausnahme bilden Gewässerhabitate. Ist das Zufall?

Finck: Nein, denn viele Gewässerökosysteme haben in den vergangenen Jahrzehnten von Schutz- und Renaturierungsmaßnahmen profitiert. Besonders in Bächen und Flüssen macht sich bemerkbar, dass Kläranlagen über Jahrzehnte immer weiter verbessert wurden. Heute sind Abwässer viel weniger belastet, wenn sie in die Umwelt eingeleitet werden. Da hat auch die europäische Umweltgesetzgebung geholfen.

ZEIT: Profitieren alle Gewässer gleichermaßen?

Finck: Besonders nährstoffarme Tümpel, Weiher oder Seen leiden noch darunter, dass aus der Luft oder über benachbarte Äcker Nährstoffe eingetragen werden. Gleiches gilt für das Grundwasser; in manchen Teilen des Landes ist es so stark mit Nitraten belastet, dass die Grenzwerte für Trinkwasser teils gravierend überschritten werden.

ZEIT: Wo kommen diese Schadstoffe her?

Finck: Vor allem aus dem Straßenverkehr stammen viele Stickstoffoxide; Phosphor und Nitrate gelangen als Dünger aus der Landwirtschaft in großen Mengen in die Umwelt. Beide sollten etwa nicht auf einen Magerrasen kommen. Dort leben Arten, die an Nährstoffmangel angepasst sind. Unter den neuen Bedingungen sind sie nicht mehr konkurrenzfähig und werden verdrängt. Ähnliches gilt für viele der Lebensräume, die unter Druck stehen.

ZEIT: Kläranlagen aufzurüsten ist relativ einfach, die Landwirtschaft umzubauen komplexer.

Finck: Die Rahmenbedingungen, unter denen Landwirtschaft heute betrieben wird, machen es einem Bauern schwer, anders zu handeln, auch weil sie maßgeblich von der europäischen Agrarpolitik mitbestimmt werden. Die meisten Entscheidungen, die er trifft, sind zwar ökonomisch nachvollziehbar. Nur leider führen sie dazu, dass die von ihm bewirtschafteten Flächen artenärmer werden und angrenzende Lebensräume unter Nährstoffeinträgen leiden.

ZEIT: Liest man die Rote Liste, beschleicht einen ein mulmiges Gefühl. Ist die Angst angebracht?

Finck: Ich arbeite seit 15 Jahren an dem Projekt mit. Trotz einiger Ausnahmen und trotz der vielen Anstrengungen wird die Situation für die meisten Lebensräume immer dramatischer. Das gilt auch für viele Tier- und Pflanzenarten. Wir haben keineswegs eine Trendwende eingeleitet. Wir haben es noch nicht einmal geschafft, den Schwund von Arten und Lebensräumen zu stoppen.

ZEIT: Woran kann der Laie das beobachten?

Finck: Ich gebe Ihnen drei plakative Beispiele: Ging ich in den siebziger Jahren in der Jülich-Zülpicher Börde spazieren, hörte ich überall Feldlerchen. Heute ist das eine Ausnahme. Früher gab es im feuchten Grünland am Niederrhein Tausende von Kiebitzen. Nun sind sie nicht mehr da. Wenn ich früher einen Ausflug mit dem Auto machte, musste ich hinterher die Frontscheibe von Insekten frei kratzen. Heute klebt da kaum mehr was.