Was genau ist noch mal Rap? Die 92-jährige Esther Bejarano erklärt es in einem Video, das auf der Website des Hamburger Benefizprojekts "Rap for Refugees" zu sehen ist: Rap, sagt die elegante Dame mit den kurzen silbernen Haaren, sei "eine Kunstform, die aus der Straße mit den Mitteln der Sprache erwachsen ist". Damit hat sie genau recht, denn als Rap in den Siebzigern erfunden wurde, in den Straßen der Bronx, ging es darum, sich statt mit Messern und Pistolen lieber mit Worten zu bekämpfen. Die Gang-Kriege hatten zu viele Tote gefordert, Rap – also rhythmisches Reimen zu Funk-Beats – befriedete das Viertel, weil es die Auseinandersetzungen ins Künstlerische verlagerte. Dass man sich, wenn man ganz unten ist, mithilfe von Reimen selbst ermächtigen kann, das ist seitdem das Versprechen von Rap-Musik.

Was genau hat Esther Bejarano, die bekannt dafür ist, dass sie als junges jüdisches Mädchen den Holocaust im Vernichtungslager Auschwitz überlebte, und die 2012 mit dem Großen Bundesverdienstkreuz geehrt wurde, mit Rap-Musik und, im Speziellen, mit "Rap for Refugees" zu tun? Man könnte sagen: Sie weiß aus eigener Erfahrung nur allzu gut, dass Musik Hoffnung nähren kann. In Auschwitz überlebte sie, weil sie im Frauenorchester des Lagers Akkordeon spielte. Und so ist sie nun Schirmherrin dieser Aktion, die am Mittwoch, 28. Juni, in einem Benefizkonzert in der Markthalle gipfeln wird. Die Einnahmen kommen dem Hamburger Verein Basis & Woge zugute, der Mentorenprojekte für junge Geflüchtete organisiert und sie bei der Berufswahl unterstützt.

Rap aus Hamburg also. Da denkt der Großteil der eher durchschnittlich popinteressierten Öffentlichkeit immer noch an die Neunziger, als Samy Deluxe und die Beginner, als Fettes Brot und Fischmob den Hamburger Flow bestimmten. Danach blieb die Zeit stehen, beziehungsweise tönten die Gangster-Rapper aus Berlin einfach lauter, Sido, Kool Savas und Bushido. Als im vergangenen Jahr die Beginner nach 13 Jahren wieder ein neues Album veröffentlichten und Nostalgie drohte, steuerten sie gegen, indem sie auf der Single Ahnma den Rapper Gzuz von der 187 Strassenbande mitreimen ließen. Von dem hatten viele Beginner-Fans noch nie gehört, er klang ruppig und schaute wie ein stolzer Proll. Die Reaktion bei vielen: Ist das Hamburg?

Ja, das ist Hamburg. Auch hier hat sich abseits der häufig klischeehaften deutschen Charts-Rap-Musik eine lebendige Straßen-Rap-Szene formiert, mit Lokalgrößen, von denen viele bei "Rap for Refugees" auftreten werden. BOZ zum Beispiel, dessen letztes Album den Titel Made in Germany trug. Oder der 23-jährige Disarstar, der bürgerlich Gerrit Falius heißt. Er hat seine Läuterung durch Rap schon hinter sich, als Teenager hatte er mit Drogen zu tun, eine Bewährungsstrafe für gefährliche Körperverletzung gab es auch. Von der schiefen Bahn ist er runter, heute sieht er sich als "Antikapitalist, Antiimperialist und Antifaschist". Ersteres kommt im Video zu seiner düsteren Single Konsum gut heraus. Während in Rap-Musik nicht selten das Anhäufen von materiellem Luxus als Aphrodisiakum gepriesen wird, konterkariert Disarstar Bilder von Lamborghini-Sportwagen und Dior-Boutiquen mit konsumkritischen Reimen.

Oder: Reeperbahn Kareem. Der Rapper mit pakistanischen Wurzeln galt lange als Geheimtipp der Hamburger Straßen-Rap-Szene, nun hat er seine eigene Plattenfirma mit dem schönen Namen Kareeminell Records gegründet und fordert in seiner Single Dreh den Bass auf, es genau dabei nicht zu belassen. Den Bass aufzudrehen und sich ganz in ihm zu verlieren, das ist ja ein gängiges Credo im Rap. Reeperbahn Kareem kennt das von sich selbst: "Bruder, dreh den Bass auf, denn Musik ist alles, was ich hab", rappt er. Aber Eskapismus ist ihm suspekt, er bekräftigt in dem Song, dass er für diejenigen Menschen rappt, "von denen die Hälfte einen Pass braucht". Und gerichtet an die anderen, die heute "Biodeutsche" heißen, rappt er: "Für euch sind wir nur derselbe Abschaum, nicht deutsch, ein Pack, das euer Land klaut."

Ja, das passt zum Thema von "Rap for Refugees". Und es passt auch, viel besser, als man zunächst dachte, zu Esther Bejarano. Sie wird bei dem Konzert in der Markthalle nicht nur als Schirmherrin auf der Bühne stehen. Sie tritt seit einigen Jahren auch mit der Rap-Combo Microphone Mafia auf, wobei sie selbst nicht rappt, sondern ihre Texte auf Deutsch, Englisch, Französisch und Jiddisch vorträgt. Im Song Avanti Popolo zum Beispiel ruft sie zu neuen Allianzen auf: "Hört unseren Protest, unsere Gesänge, die Sehnsucht nach Menschlichkeit. Es beginnt mit einem leisen Flüstern und endet in einem großen Aufschrei."

Könnte auch ein guter Rap-Text sein.