Es gibt das schöne Bild und das hässliche Bild des Andrew Cohen. Und man muss kein Prophet sein, um vorauszusagen: Es wird allein das hässliche Bild überleben. Es zeigt ihn als Sektenführer, als Soziopathen, als jemand, der seine Schüler geschlagen hat. Der Spaß hatte an der Unterwerfung anderer und der seine Anhänger drängte, ihm Geld zu geben, das sie ihm nicht wirklich geben wollten.

Das schöne Bild ist längst Vergangenheit. Es präsentiert den in New York geborenen Andrew Cohen als jungen Mann, der in Indien bei einem hinduistischen Lehrer die Erleuchtung fand. Der in Amerika eine Gemeinschaft von begeisterten Sinnsuchern gründete, die rasch wuchs. Dazu eine Zeitschrift und eine eigene spirituelle Lehre, die er Evolutionary Enlightenment nannte. Er schrieb Bücher, diskutierte mit Religionsführern überall auf der Welt, hatte Zentren in den USA, Deutschland, England, Israel.

Doch dann, 2013, nach fast dreißig Jahren, kollabierte seine Gemeinschaft innerhalb weniger Monate. Nun wurden seine Vergehen einer größeren Öffentlichkeit bekannt. Nun wurde das zweite Bild dominant. Cohen versuchte das zu verhindern. Er entschuldigte sich, immer wieder. Verschwand für drei Jahre. Tauchte ab. Versank in Verzweiflung. Bat in offenen Briefen um Verzeihung. Er wolle künftig, so versprach er, ein spiritueller Lehrer mit Fehlern sein, mit Schwächen, ein lernbereiter Mensch. Seit einigen Monaten gibt er wieder Seminare in den USA und in Europa, nun vor deutlich geschrumpftem Publikum.

Aber er kommt gegen das hässliche Bild nicht an, das man sieht, wenn man nur ein wenig googelt. Es gibt Prangerseiten, die vor ihm warnen, Facebook-Gruppen, die seine Vergehen diskutieren, gleich zwei Dokumentarfilme, die Bilder erschütterter, gedemütigter Anhänger zeigen.

Das kann man, je nach Perspektive, ziemlich gerecht oder ziemlich unbarmherzig finden. Aber darum geht es nicht. Andrew Cohens Enthüllungsschicksal ist nur ein Beispiel für eine größere Geschichte, die sich heute täglich aufs Neue ereignet. Sie handelt vom Tod des Meisters und vom Verglühen der Vorbilder in einer medial ausgeleuchteten Welt. Sie handelt davon, dass das religiöse und spirituelle Heldenzeitalter zu Ende geht – ohne dass klar wäre, was für eine Epoche als nächste kommt. Kann ein radikal ernüchterter Idealismus überleben im Negativismus des Nachrichtengeschäfts und der frei flottierenden Skandalstorys? Wird es künftig noch Ideale und Idole geben, und wenn nicht, was dann?

Man mache nur den Google-Test mit den eigenen Göttern – schon schrumpfen sie blitzschnell auf Normalmaß oder stürzen gleich krachend vom Podest. Zahllose religiöse Lehrer, katholische Priester und Bischöfe, Yogameister und östliche Lehrer versanken in den letzten Jahren in einem Strudel aus Sex- und Finanzskandalen, Betrugs- und Manipulationsvorwürfen. Viele wurden zu Recht entzaubert, manche haltlos verdächtigt. Neben erschütternden Missbrauchsberichten und seriösen Enthüllungsbüchern, neben Beweisvideos für Heuchelei und Grausamkeiten entstanden jede Menge kaum prüfbare Prangerseiten und Blogs der Demontage, die weltweit zirkulieren.

Wir sehen religiöse Führer, die einerseits Armut predigen, andererseits im Privatjet fliegen. Wir sehen in Slow-Motion-Videos, wie ein angeblich Erleuchteter einer Frau voller Wut auf den Kopf schlägt. Wir durchschauen die billigen Zaubertricks eines Gurus, der aus kosmischen Sphären vermeintlich heilige Asche materialisiert. Klar wird: Unangefochtene religiöse Autorität kann es in der digitalen Welt nicht mehr geben. Das ist gut im Sinne der Aufklärung, hat aber den Preis kultureller Nivellierung. Wo jede Autorität kommentierbar wird, lässt sie sich allzu leicht mit einem Moment des Fraglichen und Zweifelhaften versehen. Dies stört den Anschein des Absoluten und Perfekten und unterminiert den Glauben an Vorbilder selbst. Auch Mutter Teresa oder Mahatma Gandhi erscheinen, wenn man nur ein wenig sucht, plötzlich als ziemlich dubiose Charaktere.