Die Welle könnte ihn nachts töten, im Schlaf, oder am Tag, wenn er die Kartoffeln auf dem Feld erntet. Sie könnte ihn nachmittags treffen, wenn er gerade die Meerschweinchen füttert, oder am Abend, wenn er seine Tochter ins Bett bringt. Saúl Luciano Lliuya weiß nicht, wann die Welle losbricht, aber er weiß, dass sie kommen wird, vielleicht heute, vielleicht morgen, vielleicht erst übernächstes Jahr.

Eine Flutwelle, mehrere Meter hoch, sie wird sein Haus wegreißen, seine Felder, seine Stadt.

Hoch über der Stadt in den peruanischen Anden liegt ein Gletschersee, der übervoll ist, weil die Welt wärmer wird und die Gletscher schmelzen. Wenn ein Eisbrocken abbricht und in den See stürzt, kommt die Welle. Sie könnte Tausende Menschen töten, auch Saúl Luciano Lliuya.

Er sagt: "Ich würde fast alles tun, um die Katastrophe zu verhindern."

Und so geschieht es, dass am anderen Ende der Welt, am Landgericht der Stadt Essen in Nordrhein-Westfalen, sein Name auf einem Schild steht: "Lliuya ./. RWE AG".

Es ist der 15. Dezember 2016, die Tür zum Gerichtssaal N 201 öffnet sich, und rund 30 Demonstranten drängen hinein, die eben noch vor dem Gericht standen und riefen: "Hopp, hopp, hopp – Kohle-Stopp!" Und: "RWE muss zahlen, das ist sonnenklar!" Im Raum wird getuschelt, Handys werden auf lautlos gestellt.

Um Punkt elf Uhr betreten die Richter der Zivilkammer den Saal, die Anwesenden erheben sich. Links die Anwältin des Klägers, rechts die Anwälte der Beklagten.

Saúl Luciano Lliuya hat sich ein paar Worte zurechtgelegt, die er den Richtern gerne sagen würde. "In Deutschland gibt es einen Verschmutzer, der schuld ist, dass das Klima sich bei uns in Peru ändert. Dass wir um unser Leben fürchten müssen!"

Er kann ihnen das nicht sagen, der Flug war zu teuer. Saúl Luciano Lliuya ist 10.500 Kilometer vom Gerichtssaal entfernt, er schläft noch.

"Nehmen Sie Platz", sagt der vorsitzende Richter, aber viele Zuschauer müssen stehen bleiben, es gibt nicht genug Stühle. "Es liegt ein Urteil vor", sagt der Richter und macht eine Pause, in der es still wird im Saal.

Der Fall trägt das Aktenzeichen 2 O 285/15. Der Kläger ist der peruanische Bauer Saúl Luciano Lliuya, der einen Staudamm bauen will. Ein Staudamm würde die Flutwelle aufhalten, die seine Stadt bedroht. Aber so ein Damm ist teuer, er würde umgerechnet 3,5 Millionen Euro kosten.

Saúl Luciano Lliuya ist der Meinung, dass die Verursacher des Klimawandels den Damm bezahlen sollen.

Einer von ihnen ist der deutsche Energiekonzern RWE. Das Unternehmen ist verantwortlich für 0,5 Prozent des weltweiten CO₂-Ausstoßes. Deshalb hat Saúl Luciano Lliuya den Konzern auf Zahlung von 0,5 Prozent der Staudamm-Kosten verklagt – etwa 17.000 Euro.

Es ist weltweit die erste Klage dieser Art, nie zuvor hat ein einzelner Mensch in einem zivilrechtlichen Verfahren einen Konzern wegen des Klimawandels vor Gericht gebracht. Nun, da der amerikanische Präsident den Ausstieg der USA aus dem Pariser Klimaabkommen angekündigt hat und es immer unwahrscheinlicher wird, dass die Staaten der Welt es fertigbringen, den CO₂-Ausstoß zu reduzieren, kommt einer solchen Klage besondere Bedeutung zu.

Wenn der peruanische Bauer gewinnt, könnte das Urteil zum Präzedenzfall werden, zu einer Vorlage für viele weitere Klimaklagen auf der ganzen Welt.

Drei Wochen zuvor hat der Prozess am Landgericht Essen begonnen, jetzt verkündet der Richter die Entscheidung seiner Kammer. Er umreißt noch einmal den Fall, erwähnt Paragrafen und Zahlen, benutzt Worte wie "hochkomplex", "mangelnde Bestimmtheit" und "nicht ausreichend, um eine rechtlich kausale Verursachung zu begründen".

Dann der entscheidende Satz: "Die Klage wird abgewiesen." Unruhe im Saal. Der Richter führt als Begründung prozessrechtliche Formalitäten an. Das Landgericht Essen könne sich nicht länger mit dem Fall von Saúl Luciano Lliuya beschäftigen.