Zum Treffen im Hamburger Literaturhaus kommt Sebastian Schnoy nicht allein. Der Kabarettist lässt gleich mehrere Figuren auftreten: Seinen Nachbarn Dimitri etwa, der sein Leben mangels Geld wie eine Tauschwirtschaft organisiert. Seine Bekannte, die nur über Kosten redet – egal ob sie mit ihrem Schnäppchen-Urlaub angibt oder auf den teuren Klimawandel schimpft. Und dann mimt der Kabarettist einen älteren Herrn, den er mal auf einer Kreuzfahrt getroffen hat. Der Mann fand den Halt in St. Petersburg zu langweilig, also buchte er für sich und die werte Gattin einen Hubschrauberflug. Nur um abends beim Dinner zu prahlen: "Also wir", imitiert Schnoy mit tiefer, bedeutungsschwerer Stimme, "wir waren heute mal kurz in Moskau."

Der Kapitalismus ist ein Stier: Wenn man ihn laufen lässt, zertrampelt er alles. Aber legt ihm ein Geschirr an, dann zieht er den Karren ganz ordentlich

Solche Erkenntnisse über die Wirtschaftswelt hat Schnoy in den Mittelpunkt seines Programms als Kabarettist und eines seiner Bücher gerückt, Titel: Von Krösus lernen, wie man den Goldesel melkt. Schnoy will seine Zuhörer mit Humor für ernsthafte Anliegen gewinnen. Der Deutschlandfunk hat ihm deshalb das Label "leidenschaftlicher Europaretter" angeheftet. Man kann ihn außerdem einen kapitalismuskritischen Kapitalismusfan nennen. Gerade zum Beispiel organisiert Schnoy ein "Gegendinner" zum G20-Gipfel in Hamburg, mit dem Künstler für eine gerechtere Wirtschaft werben wollen. Allerdings ohne linke Ideologie: "Wenn man etwas gerechter verteilen will, muss man auch etwas zu verteilen haben", sagt Schnoy, "und das entsteht durch innovative Unternehmen, die etwas verkaufen und Gewinne machen wollen."

Geld ist wie eine Krake: Es versucht, sich immer mehr Bereiche des Lebens einzuverleiben

Schnoy ist in einem Hamburger Arbeiterviertel aufgewachsen, sein Vater war Elektriker, seine Mutter Hausfrau, er eines von vier Kindern. Das Geld war knapp, als Urlaubsdomizil diente ein alter VW-Bus. Schnoy hätte Akademiker werden können, aber er brach sein Studium ab, der Bühne zuliebe. Seit Ende der 1990er Jahre tritt er als Comedian auf, er hat Preise gewonnen, heute sieht man ihn auch im TV, er erklärt im NDR, wie Donald Trump tickt, oder bei Markus Lanz, warum Griechenland vor dem Bankrott steht. Mit dem Erfolg kam auch das Geld. Schnoy hat sich vorgenommen, ihm nicht zu viel Platz zu geben: "Es ist doch tragisch, wenn Geld Beziehungen und Freundschaften beeinflusst".

Sobald man über den Preis einer Sache redet, nimmt man ihr die Schönheit

Am liebsten geht Schnoy campen, spontan, lange und günstig. Nur einmal im Jahr besteigt er ein Kreuzfahrtschiff, in diesem Juni etwa hoppt er von einer griechischen Insel zur nächsten. Nicht als Tourist, sondern um an Bord die Gäste zu unterhalten. Ihm begegne dann immer mal wieder eine seltene Spezies, erzählt Schnoy, "Menschen, die reich sind, ohne zu arbeiten". Es seien Leute, die zwar staunten, wenn sie etwas Besonderes erlebten – es aber dann prompt ins Verhältnis zu seinem Preis setzten. "Ein komischer Zustand", sagt Schnoy.

Witze über Mülltrennung oder U-Bahn-fahren ziehen bei reichen Leuten nicht

Schnoy ist Applausoptimierer: Er passt sein Programm dem Publikum an. Ältere Zuschauer verstünden halt keine Witze über die Dating-App Tinder, sagt Schnoy. Und Gutbetuchte könnten über die Sorgen des Alltags nicht lachen: "Die werden eben chauffiert und lassen den Müll von der Haushälterin trennen." Problematisch wird es, wenn er in der einen Show über das Publikum der anderen lästert. Er hat sich zum Beispiel mal über die Kreuzfahrt-Touristen lustig gemacht: An Deck lägen Entspannung und Verwesung dicht beieinander. Fünf Jahre lang durfte er wegen solcher Gags nicht mehr mitfahren.

Wer den ganzen Tag ernste Vorträge hören muss, freut sich umso mehr, wenn es lustig wird

Gut zu tun hatte Schnoy trotzdem. Inzwischen tritt er auch als Keynote-Speaker auf. Wie viel Unternehmen zahlen? "Verhandlungssache", sagt Schnoy, seine Tagesgage sei noch nicht fünfstellig. Aber sie falle höher aus, wenn das Unternehmen im Luxushotel tage. Nur für Pharma- und Rüstungskonzerne will er nicht arbeiten, egal wie viel sie bieten.

Das Schnoysche Bail-out-Gesetz besagt: Wo ich einsteige, bricht der Markt zusammen

Schnoy meidet Aktien, seit er mal kurz vor einer Krise investiert und das Geld verloren hat. Stattdessen hat er sich ein Reihenhaus gekauft und ist nun ziemlich sicher: Die Immobilienblase platzt als Nächstes. Seine Ersparnisse hebt er deswegen in einer Holzkiste auf, sie steht hinter der Waschmaschine im Keller. "Aber das", sagt Schnoy und grinst, "das darf niemand erfahren!"