Als ich aufwache, habe ich noch genau 15 Minuten. Mir ist heiß. Ich zittere. Im Bad schütte ich das Rettungspulver in ein Glas. Mit Wasser schmeckt es widerlich, nach billigen Zitronenbonbons aus den Achtzigern. Ich massiere meine Schläfen, beiße die Zähne viel zu fest zusammen. Wo ist die Telefonnummer? Ich stolpere ins Wohnzimmer. Da ist mein Notizbuch, da ist das Diktiergerät. Mein Kopf ist so verdammt langsam. Reicht die Zeit noch, einen Tee zu kochen? Nein. Ich nehme das Telefon und rufe, ganz wie verabredet, meinen Gesprächspartner an.

Tagelang habe ich auf diesen Termin gewartet. Übermorgen muss der Text fertig sein. Ich habe Fieber. Ich kann das Interview nicht absagen.

Die gewählten Ziffern dudeln schon durch das Telefon, als das Aspirin endlich in meinen Körper einmarschiert und ungefähr so aufräumt wie ich früher mein Kinderzimmer: das Zeug einfach schnell in irgendeine Schublade. Irgendwo in meinem Gehirn schaltet sich ein Automatismus zu. Sagt mit sonorer Stimme "Guten Tag", erklärt ruhig, worum es in diesem Gespräch gehen soll, stellt die Fragen aus dem Notizbuch. Ich staune. Doch als ich auflege, schaltet sich auch der Automatismus sofort wieder ab. Ich kippe vornüber ins Bett und träume von Benzin und Gas und amerikanischen Tankstellen.

Drei Tage später stehe ich auf der Straße und huste ins Telefon. Mein Kopf ist gesundet, dafür glüht die Mittagssonne. Ja, sage ich mit kratziger Stimme, tut mir furchtbar leid, ich muss den Termin absagen. Ich bin einfach noch nicht wieder fit. Das ist nur halb gelogen. Ich war ja krank. Und habe trotzdem gearbeitet. Jetzt hole ich mir meine Zeit zurück. Ein Robin Hood der Flexibilität! Ab aufs Fahrrad, an den See.