Der "Islamische Staat", der in Großbritannien zum dritten Mal innerhalb weniger Wochen zugeschlagen hat, ist keine islamische Organisation, sondern ein Todeskult, dessen Jünger alles und jeden mit ins Verderben zu reißen versuchen. Die jüngste Anschlagswelle in London, Manchester und Paris hat viel mit der Krise des "Kalifats" zu tun. Der IS ruft seine Anhänger nicht mehr dazu auf, sich ihm in Syrien und im Irak anzuschließen, er setzt auf Morde im Westen. Europa wird noch lange mit diesem Terror leben müssen. Aber wie?

Die britische Premierministerin Theresa May hat nun Vorschläge vorgelegt, die, würden sie umgesetzt, das Ende des Internets, wie wir es kennen, bedeuteten. May schwebt ein Netz vor, in dem Konzerne wie Facebook, Google oder Twitter Anweisungen von Regierungen entgegennehmen, den Geheimdiensten verschlüsselte Kommunikation öffnen und heikle Beiträge automatisch zensieren. Die Details möchte May in einem weltweit verpflichtenden Abkommen regeln, das weit über das hinausginge, was die deutsche Regierung gerade mit dem Netzwerkdurchsetzungsgesetz verabschiedet hat. Vorschläge, die im Wahlkampf mit stählernem Pathos vorgetragen werden, sind zumeist keine weisen Vorschläge. So auch bei May.

Einmal beiseitegelassen, dass ein solches Abkommen kaum Chancen auf Realisierung hätte: Was bei der blutigen Agitprop des IS noch logisch erscheinen mag, würde in anderen Weltregionen zu bizarren Konsequenzen führen. Eine solche Übereinkunft erfreute vor allem autoritäre Staaten wie die Türkei, China, Russland oder den Iran, die ihre ganz eigene Definition von Terrorismus pflegen und Kritik an Erdoğan, Putin oder den Revolutionswächtern endlich ungeniert zensieren lassen könnten. Und in Ländern wie Bahrain und Saudi-Arabien würde das Ende geschützten Austauschs den Unterschied zwischen Freiheit und Kerker bedeuten.

In der Sicherheitspolitik ist es wie in der Medizin, es kommt zunächst auf das richtige Mittel und dann auf die Dosierung an. Ein Mehr an Überwachung und Zensur führt nicht notwendigerweise zu einem Mehr an Sicherheit, aber sicher zu einem Weniger an Freiheit. Schon heute wissen die britischen Behörden, wer welche Apps auf seinem Smartphone installiert hat und wer welche Suchbegriffe googelt. Eine Gesellschaft aber, in der die Regierung alles über ihre Bürger auskundschaften darf, ist keine freie Gesellschaft mehr.

Dabei gibt es ein wohldosiertes Mittel. Die Lehre aus der NSA-Affäre lautet, nicht die gesamte Gesellschaft unter Generalverdacht zu stellen, sondern sich auf den Kern des Übels zu konzentrieren: auf jene Fanatiker, die für viele der islamistischen Gewalttaten verantwortlich sind. In Großbritannien kennen die Polizei und die Geheimdienste 23.000 Dschihadisten, 3.000 von ihnen gelten als sogenannte Gefährder. In Deutschland wissen die Behörden von 10.000 Salafisten, von denen sie 670 Personen einen Anschlag zutrauen, fast alle sind Männer, fast alle unter 40 Jahre alt. Dies ist der Kreis, aus dem sich die meisten Terroristen rekrutieren. Anis Amri gehörte ebenso dazu wie der Attentäter von Manchester und einer der Messerstecher von London, der neulich in einer Fernsehdokumentation mit der schwarzen Fahne des IS auftrat. Man musste nicht das Internet lückenlos überwachen, um zu wissen, wie er tickte. Man musste nur fernsehen.

Diese Gefährder sind es, bei denen ein gut ausgestatteter Rechtsstaat sein ganzes Arsenal einsetzen sollte; bei denen großkalibrige Werkzeuge wie die Online-Durchsuchung sinnvoll sein können. Im neuen BKA-Gesetz, das demnächst verabschiedet wird, erhalten die Ermittler dafür zusätzliche Rechte. Die Gefährder in Schach zu halten, ohne alle Menschen zu durchleuchten – darin besteht die Kunst in einer liberalen Demokratie, die Freiheit und Sicherheit gleichermaßen genießen will, ohne sich ihre Zukunft vom IS diktieren zu lassen.

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