Der Dienstwagen von Martin Schulz braucht kein Benzin. Er fährt aus Respekt. Martin Schulz bekommt bei Burger King einen Big Mac. Martin Schulz geht nach dir in die Drehtür und kommt vor dir raus. Wenn Martin Schulz auf einen Lego-Stein tritt, dann tut es nicht ihm weh. Sondern dem Lego-Stein.

Kaum zu glauben: Es gab mal eine Zeit, da kursierten im Internet schmeichelhafte Witze über Martin Schulz, den Kanzlerkandidaten der SPD. Sie alle handelten davon, dass Schulz allmächtig ist, irgendwas zwischen MacGyver und Jesus. Vier Monate sind diese Witze alt, drei Landtagswahlen hat die SPD seither verloren. Und weil jeder Witz normalerweise einen Funken Wahrheit in sich trägt, sind diese Witze nicht mehr lustig. Ihr Realitätsgehalt ist implodiert. Schulz, das hat er bewiesen, ist nicht allmächtig. Er muss jetzt im Willy-Brandt-Haus Niederlagen erklären. Er bekommt keinen Big Mac bei Burger King.

Der SPD-Witz ist wieder dort, wo er vor Schulz war. Geladen mit jenem volkstümlichen Spott über eine Verliererpartei, die im Pech badet. Der nichts gelingt, was auch immer sie tut. Der SPD-Witz ist wie ein Elfmeter ohne Torwart, Humor für Einsteiger: Jeder Trottel kann punkten. Genossen, das ist die Vergangenheitsform von Genießen, sagt die heute show, die Oase des deutschen Papahumors. Und, ach ja, kennste den: Was ist flüssiger als Wasser? Na, klar. Die SPD. Die ist überflüssig. Und wenn der fröhliche Onkel auf dem Familienfest nicht mehr weiterweiß, Bier in der Hand, dann stellt er fest, dass der SPD ja vielleicht in diesem Herbst das Projekt 18 gelingt, ne?

Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen - "Ein schwerer Tag für die SPD" Für die SPD verlief der Wahlabend schlechter als erwartet. Ministerpräsidentin Hannelore Kraft tritt von allen SPD-Ämtern zurück und Kanzlerkandidat Martin Schulz will aus der Wahlniederlage lernen. © Foto: ZEIT ONLINE

So unsympathisch und kleinkariert der deutsche Volkswitz seit Jahren die SPD verspottet, die älteste und stolzeste Partei des Landes, so sehr ist sie selbst schuld an ihrer Lachhaftigkeit. Sie ist, so sind die Fakten nun mal, gegenwärtig eine wenig attraktive Verliererpartei. Aber einsehen will sie das nicht. Sie jubelt stehend für Martin Schulz, wählt ihn mit 100 Prozent zum Vorsitzenden. Man schraubt ein bisschen am Programm: eine Spur sozialer, ein bisschen mehr Gerechtigkeit. Und auf geht’s ins Verderben.

Es ist wie mit dem HSV, dem anderen, traurigen Fossil: Man flüchtet sich in eine Melange aus Nostalgie und Realitätsverweigerung. Und dann stolpert man slapstickhaft von Wahl zu Wahl, von Saison zu Saison. Kommt irgendwie in die Regierung, bleibt irgendwie in der Liga. Ob man den HSV aus seinem Leid befreien kann, ist fraglich. Aber die SPD, die kann gerettet werden. Sie muss nur etwas wagen. Die Partei bräuchte eine vollkommen neue, frische Kampagne. Fernab von Grinseplakaten und leeren Parolen. Einen Viralhit, für den man sie feiert.

Sie sollte es machen wie Bayer Leverkusen. Über Jahre wurde der Verein von seinen Gegnern als "Werkself" verspottet, als Anhängsel eines Pharmakonzerns. Bis Leverkusen diese Bezeichnung auf seine Trikots druckte, in genialer Umlenkung des Begriffs. Oder sie macht es wie die heroischen Gezi-Demonstranten in Istanbul, die sich stolz Capulçu nannten, "Plünderer", nachdem Erdoğan sie öffentlich so beschimpft hatte. So muss die SPD den Spott, der gegen sie gerichtet ist, aufnehmen und veredeln. Sie muss das Verlierer-Image ironisieren. Denn Selbstdistanz ist souverän. Und Souveränität ist attraktiv.

Wie lässig es zum Beispiel wäre, wenn Martin Schulz mit dem Nationaltrainer von San Marino, der noch nie ein Pflichtspiel gewonnen hat, in der Kabine über das Wiederaufstehen nach einer Niederlage sprechen würde. Und am Ende kicken sie ein bisschen, eins gegen eins. Und San Marino gewinnt. Oder man lässt Schulz nachts durch sein Haus laufen, auf einen Lego-Stein treten und fluchen. Dann die Einblendung: MARTIN SCHULZ, EINER VON UNS.

Das ist die gute Nachricht für alle Sozialdemokraten: Die Menschen lieben Verlierer – solange sie Humor haben, nicht wehleidig sind und die Realität anerkennen. SPD, Partei der lässigen Loser. Das wäre doch ein Anfang.