Ich wuchs in Aachen auf und studierte auch dort. Und doch: Die Uni war ein Aufbruch aus einem sehr behüteten Elternhaus in die Abenteuer des Geistigen. Germanistik und Philosophie. Ich wurde Lehrerin. Es ging auch mir um eine offenere Gesellschaft, in der jeder seinen Platz finden sollte. Bildung für alle, keine Eliten!

Wir Studenten wollten eine Zeitenwende – und ich ließ mich mitreißen. Jedes "Wie siehst du denn aus? So willst du rumlaufen?" der Eltern führte unweigerlich in eine Grundsatzdebatte. Und jede Grundsatzdebatte war ein kleiner Triumph über verkrustete Strukturen. Wie leicht war es für uns damals, ein Feindbild zu entwickeln! Mit der Nazikeule im rhetorischen Gepäck konnten wir alle Wertedebatten in unserem Sinne entscheiden. Umso größer dann, viel später, der Schock: Mein verehrter Mentor und Doktorvater Hans Schwerte war in Wahrheit ein ganz anderer, nämlich Hans Ernst Schneider, Hauptsturmführer der SS, enger Mitarbeiter von Heinrich Himmler! Nach dem Krieg war er mit neuer Identität bis zum Rektor der Aachener Hochschule aufgestiegen – und gab sich damals linksliberaler als so mancher Student. Der auf seine Enttarnung in den neunziger Jahren folgenden öffentlichen Empörung begegnete er übrigens höchst verständnislos: "Ich habe mich doch selbst entnazifiziert!"