Frage: Wie muss eine deutsche jüdische Identität heute aussehen?

Julius H. Schoeps: Kann sein, dass eine neue deutsch-jüdische Identität durch die Zuwanderer aus der Sowjetunion erwächst. Aber sie hat nichts mehr mit dem Judentum vor 1933 zu tun, das sich auf Goethe, Schiller, Heine und Börne berief.

Frage: Das klingt resigniert …

Schoeps: Zwischen 1933 und 1945 fand ein Zivilisationsbruch statt. Was wurde denn nach 1945 getan, die Juden wieder zurückzuholen? Kaum etwas. Es gab weder die Aufforderung eines Kanzlers noch eines Bundespräsidenten, die Verjagten wieder nach Hause zu bitten.

Frage: Die Israel-Kritik in Deutschland wird heutzutage zudem immer unverblümter …

Schoeps: Sie hat, wie mir scheint, eine Entlastungsfunktion. Manchmal trägt das schon manisch-obsessive Züge. Warum kümmert man sich nicht um andere Weltkonflikte, die um ein Vielfaches blutiger sind als der israelisch-palästinensische Konflikt?

Frage: Lässt sich Antizionismus überhaupt von Antisemitismus trennen?

Der Historiker und Publizist Julius H. Schoeps (75) war bis 2015 Direktor des Moses Mendelssohn Zentrums in Potsdam. © Beatrice Schubert/MMZ

Schoeps: Das sind zwei verschiedene Phänomene, die sich allerdings mitunter überlappen. Die Israel-Kritik wird häufig dazu genutzt, Ressentiments gegenüber den Juden in andere Worte zu kleiden. Was mir Sorgen macht, ist der zunehmende Antisemitismus, der häufig hinter der Israel-Kritik steckt. Die Juden in Europa sind gegenwärtig deshalb zutiefst verunsichert.

Frage: Wie bewerten Sie Sigmar Gabriels Wunsch in Israel, sich mit regierungskritischen Organisationen zu treffen, und die Absage Netanjahus, den deutschen Außenminister zu empfangen?

Schoeps: Ich war gerade in Israel, als Minister Gabriel dort zu einem Besuch erschien. Der ganze Krach war höchst unnötig. Gabriel hat wie ein Elefant im Porzellanladen herumgetrampelt, noch dazu an Jom Haschoa, dem Tag, an dem die Juden des Holocausts gedenken.

Frage: Ist es erlaubt, Israel zu kritisieren?

Schoeps: Selbstverständlich! Kritisieren, aber doch nicht kompromittieren! Wenn ein Außenminister in ein fremdes Land reist, dann soll er sich mit der Regierung und mit der parlamentarischen Opposition treffen. Das Problem beginnt, wenn ein Außenminister außerparlamentarische Gruppierungen aufsuchen möchte. Das muss man aber gut abwägen. In diesem Fall ist es, wie mir scheint, nicht erfolgt.

Frage: Hat sich das Verhältnis zwischen Deutschland und Israel in den letzten Jahren eher verbessert oder verschlechtert?

Schoeps: Verbessert, ohne Zweifel. Es gibt enge Kontakte in der Kultur, der Wissenschaft und der Wirtschaft. Dass allein in Berlin zwischen 25.000 und 30.000 Israelis leben, zeigt, dass die Beziehungen nicht so schlecht sein können.

Frage: Fürchten Sie mit dem Aufschwung rechtspolitischer Parteien ein Erstarken des Antisemitismus in Europa?

Schoeps: Mal sehen, was bei den Wahlen im September in Deutschland herauskommt. Ich hoffe, es bleibt, wie es ist. Mir war immer klar, dass 15 bis 20 Prozent der Bevölkerung immer noch völkisch denken und antisemitisch eingestellt sind. Damit kann man leben. Sorgen macht mir der latente Antisemitismus, den der Kölner Soziologe Alphons Silbermann bei weiteren 30 Prozent der Bevölkerung erforscht hat. In bestimmten Situationen kann dieser Antisemitismus ausbrechen – ausgelöst durch einen Film, ein Buch oder die ungeschickte Äußerung eines Politikers.

Frage: Was wäre, wenn das passierte?

Schoeps: Prognosen abzugeben ist schwierig. Mein Lebensmotto kommt mir wieder immer häufiger in den Sinn: Es ist alles zu jeder Zeit an jedem Ort möglich. Man muss, meine ich, immer auf das Schlimmste gefasst sein. Mit dieser Einstellung kommt man durchs Leben.

Frage: Fühlen Sie sich in erster Linie deutsch – oder jüdisch?

Schoeps: Ich verstehe mich als ein deutscher Staatsbürger mit allen Rechten und Pflichten, aber nicht als Deutscher im vaterländischen Sinne. Das ist ein großer Unterschied! Und ich fühle mich in der jüdisch-deutschen Kultur verwurzelt.

Frage: Sie sind nun 75 Jahre alt. Wer wird sich künftig um das deutsch-jüdische Erbe kümmern?