In Berlin-Friedenau wurde vor einigen Wochen ein 14-jähriger jüdischer Schüler von seinen muslimischen Klassenkameraden geschlagen, getreten und gemobbt. Der Grund: Er ist Jude. Was in Deutschland nach dem Holocaust undenkbar schien, ist nun wieder virulent. Gibt es einen muslimischen Antisemitismus, der hierzulande schöngeredet wird? Haben wir geschlafen, beschwichtigt, verdrängt? Was ist muslimisch am Judenhass?

Der israelisch-arabische Autor Ahmad Mansour hat bereits 2012 in einem Text für die Bundeszentrale für politische Bildung beschrieben, welche antisemitischen Stereotype in muslimischen Communitys kursieren: Die Juden steckten hinter den Anschlägen des 11. September, sie steuerten die USA und ihre Politik, sie seien betrügerisch, manipulativ und geldgierig, sie verursachten die Finanzkrisen. Das sind klassische judenfeindliche Verschwörungstheorien. Nichts daran ist speziell "muslimisch". Allerdings: Muslimischer Antisemitismus ist fast immer mit dem Nahostkonflikt und mit einer Ablehnung des Staates Israel verknüpft. In Verbindung mit dem Gefühl, hierzulande auch selber "Opfer der Verhältnisse" zu sein – wenn etwa berufliche Perspektiven schlecht sind –, ergibt sich eine diffuse Pathetik, mit der zahlreiche Demagogen spielen. Von IS-Propagandisten über salafistische Prediger bis hin zu Erdogan mangelt es nicht an Männern, die ihren Führungsanspruch mit genau diesem Narrativ legitimieren: dass sie "den Islam" wieder groß machen wollen.


Den Antisemitismus zu "islamifizieren" bleibt trotzdem falsch. Die antisemitische Verknüpfung von Israel-Kritik mit antisemitischen Stereotypen ist auch unter Deutschen selbst in linken Milieus fest verankert. Obwohl der Schüler in Berlin-Friedenau englisch-deutscher Herkunft ist, also nichts mit Israel zu tun hat, relativierten einige Eltern die Angriffe auf ihn mit den Worten, eine Stadt wie Berlin bleibe eben von den "Auswüchsen internationaler Konflikte wie dem Nahostkonflikt nicht verschont". Und das ist nicht das einzige Beispiel von Verharmlosung: Die Verweigerungshaltung muslimischer Schüler zum Holocaust-Gedenken erklärte ein Gelsenkirchener Schulleiter damit, es sei "in gewissen Milieus eben gefordert, sich israelkritisch zu zeigen" – und bekräftigte so die Behauptung, dass sich Israelkritik und Holcaust-Gedenken gegenseitig ausschließen. Richter in Wuppertal schrieben in ihrer Urteilsbegründung zu einem Sprengstoffanschlag auf eine Synagoge, es gebe "keine Anhaltspunkte für eine antisemitische Tat". Und das, obwohl die geständigen Täter ausdrücklich gesagt hatten, sie wollten mit dem Anschlag auf den Gaza-Konflikt aufmerksam machen. Aber welchen Zusammenhang zwischen einer Wuppertaler Synagoge und dem Gaza-Konflikt könnte es denn sonst geben, außer Antisemitismus?

Wenn muslimische Jugendliche ständig hören, dass der Islam frauenfeindlich und antisemitisch sei, distanzieren sie sich weder von Frauenfeindlichkeit noch von Antisemitismus. Wahrscheinlicher ist, dass sie sagen: Wenn ich ein echter Muslim, eine echte Muslimin sein will, muss ich sowohl über Juden herziehen als auch westliche Emanzipationsvorstellungen ablehnen. Auf vielen Schulhöfen ist diese Dynamik zu beobachten. Die vielen muslimischen Schülerinnen und Schüler, die etwa in Gelsenkirchen ganz selbstverständlich bei der Holocaust-Gedenkaktion mitgemacht haben, fallen dabei unter dasselbe Raster.

Bildungsangebote für Kinder, deren Angehörige etwa in Gaza leben oder in deren Familien antisemitische Verschwörungstheorien kursieren, müssen anders aussehen als solche für Kinder mit deutschen Wurzeln, deren Familien den Holocaust für längst vergangene Geschichte halten und Antisemitismus für ein ausgestorbenes Phänomen.

Religion - Fünf Fragen an den Islam © Foto: ZEIT ONLINE