Arsen und Spitzenhäubchen, die schwarze Komödie um die irrsinnige New Yorker Familie Brewster, von Joseph Kesselring 1939 geschrieben, von Frank Capra 1941 verfilmt, ist für Interpreten von heute ein reicher und deshalb tückischer Stoff. Es finden sich darin ein paar Motive, die uns noch immer massiv beschäftigen. Erstens: die Leiche, die entsorgt werden muss. Ist nicht das Verschwindenlassen von Menschen, im Säurebad, unter heißem Asphalt, im Fleischwolf, eine der liebsten Obsessionen des amerikanischen Serienfernsehens? Das Problem gab es, elegant gelöst, schon in Arsen und Spitzenhäubchen: Zwölf tote Männer liegen im Keller des Hauses der Brewsters, verscharrt vom verrückten Teddy Brewster, der der festen Ansicht ist, er hebe die Fahrrinne des Panamakanals aus.

Zweitens: das Motiv des einsamen alten Kerls, dessen Leben nicht mehr lebenswert ist und der von seinem Unglück erlöst wird. Abby und Martha Brewster, die Tantchen aus Arsen und Spitzenhäubchen, begehen ihre Morde an alleinstehenden Herren voller Mitgefühl – später zeigte uns der Film Soylent Green die industrielle, grimmige Variante solcher Auslöschungsprojekte.

Drittes und wichtigstes Motiv: In Arsen und Spitzenhäubchen gibt es einen Irren, eben Teddy Brewster, der sich für den Präsidenten der USA hält – und von seiner Umgebung in diesem Glauben bestätigt wird ("Es ist doch viel besser, er hält sich für den Präsidenten als für gar niemanden"). Die Verführung ist groß, Teddy, der in dieser Komödie nur eine herrliche Nebenfigur ist, groß herauszubringen und die Statik der Komödie für den Trump-Effekt zu opfern.

Aber Jan Bosse lässt in seiner Inszenierung am Stuttgarter Staatstheater den Teddy (Sebastian Röhrle) weitgehend in Ruhe. Er setzt ihm keine gelbe Perücke auf, er erspart ihm die Grimassen von The Donald, allenfalls in Teddys Umgang mit einem Gummibaum, der ihm immer wieder im Weg ist, könnte eine Anspielung stecken: Diesen Baum stößt er zur Seite, wie Trump es mit dem mazedonischen Präsidenten tat.

Nun bleibt die Frage: Kann man Arsen und Spitzenhäubchen heute überhaupt inszenieren, ohne an seiner erfrischenden, ja unschuldigen Grausamkeit (die eine Grausamkeit aus der Zeit vor Auschwitz ist) zu scheitern?

Nein, sagt der Bühnenbildner Moritz Müller. Sein Bau, der eher das Foyer eines Theaters aus der Art-déco-Zeit sein könnte als die gute Stube eines Familienhauses, wird beherrscht von einer Treppe, so edel geschwungen wie eine riesige, begehbare Pfauenfeder. Gegen Ende bricht diese Fassade auseinander und zeigt uns, während sie vom Fahrtwind der sich in Gang setzenden Drehbühne zerlegt wird, was hinter aller Gutbürgerlichkeit lauert: ein Verlies mit Särgen, aus denen Friedhofsnebel steigt – eine Geisterbahn nach Bauplänen Piranesis.

Auf diesem Parcours behaupten sich vor allem zwei Schauspieler beachtlich: Lea Ruckpaul als Elaine und Manolo Bertling als Mortimer Brewster, das Liebespaar, welches sich gegen den umgebenden Wahnsinn auflehnt. Elaine ist eine Wuchtbrumme mit stechendem Blick und elastischem Rückgrat, eine kecke Mischung aus Strenge und Hingabe. Sie peitscht ihren Verlobten Mortimer (den einzigen Nichtirren seiner Familie) mit heiserer Stimme und lockt ihn zugleich mit den rundesten Augen von Brooklyn.