Im Februar 2011 darf Wolfgang Sansbach* im Fernsehen von seinem Beruf erzählen. Im Auftrag der Bundesagentur für Arbeit (BA) vermittelt er Künstler. Seine Aufgabe ist es, Menschen zu beurteilen: wie sie im Gespräch auftreten, sich ausdrücken, sich verhalten. "Wir wollen gute Leute an adäquate Stellen bringen", sagt er in die Kamera.

Was Sansbach damals nicht ahnen kann: Fünf Jahre später wird er im Mittelpunkt eines der spektakulärsten Fälle von Asylmissbrauch stehen – weil ausgerechnet er sich in einem Menschen täuscht.

Der bizarre Fall des terrorverdächtigen Soldaten Franco A. beschäftigt die Republik seit Wochen. Der rechtsradikale Bundeswehroffizier hatte sich als syrischer Flüchtling ausgegeben und angeblich einen Terroranschlag geplant. Bislang war nur bekannt, dass Franco A. im Asylverfahren von einem ehemaligen Bundeswehrsoldaten und zwei Dolmetschern angehört wurde, denen nicht auffiel, dass sich ihr deutsches Gegenüber als Syrer ausgab. Recherchen der ZEIT ergeben nun: Der Mann, der am Ende den Asylantrag abnickte, war Wolfgang Sansbach – den das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (Bamf) von der BA ausgeliehen hatte. Ein Künstlervermittler mit unzureichender Qualifikation.

Interne Bamf-Dokumente, die der ZEIT vorliegen, belegen das Ausmaß des Missmanagements in der Asylbehörde. Eine verhängnisvolle Fehlentscheidung, wie sie Wolfgang Sansbach im Herbst 2016 unterlief, scheint vor diesem Hintergrund nur eine Frage der Zeit gewesen zu sein – und sie ist nicht nur das Versagen eines Einzelnen.

Wolfgang Sansbach wird im Zuge der Ende 2015 gestarteten Personaloffensive des Bamf von der Arbeitsagentur geholt. Auch Bundeswehrsoldaten, Postmitarbeiter, Historiker und Archäologen finden ihren Weg in die Asylbehörde. "Die Qualifizierung war egal, Hauptsache, sie waren schnell verfügbar", erinnert sich ein langjähriger Mitarbeiter des Bamf. Die Behörde wächst rasant – von rund 2.000 Angestellten im Herbst 2015 auf zwischenzeitlich fast 10.000 Angestellte.

Die neuen Leute werden nicht ins Stammpersonal des Bamf integriert. Mitarbeiter berichten von einer strikten Trennung. Wer von der BA kommt, sitzt auch weiterhin in den Räumen der BA. Über das interne IT-System Maris erhalten die neuen Asylentscheider den digitalen Zugang zu den Akten. Die Flüchtlinge hinter den Asylanträgen bekommen sie nicht zu sehen.

Hätte Wolfgang Sansbach den Terrorverdächtigen Franco A. persönlich angehört, wäre der Soldat womöglich aufgeflogen – und es wäre nie zum Skandal gekommen. Dass Sansbach auf Basis eines Gesprächsprotokolls entscheiden musste, hat mit einer Idee des damaligen Bamf-Chefs Frank-Jürgen Weise zu tun. Weise organisierte die Asylverfahren neu. Lagen Befragung und Entscheidung zuvor in einer Hand, wurden die Aufgaben nun getrennt. Die Asylbewerber wurden nur noch von einem sogenannten Anhörer befragt. Der eigentliche Entscheider saß in einem anderen Behördenzentrum und bekam lediglich die Anhörungsprotokolle vorgelegt.

Das neue Verfahren sollte vor allem effizienter sein und endlich helfen, den unfassbar großen Berg an unbearbeiteten und neuen Asylanträgen abzutragen. Tatsächlich aber laufen die Asylverfahren seitdem nicht schneller ab – sondern langsamer.

Von Oktober 2016 bis März 2017 betrug die durchschnittliche Bearbeitungsdauer von neuen Asylfällen 1,9 Monate. Im ersten Halbjahr 2016 hatte der Wert noch bei 1,7 Monaten gelegen. Und im selben Zeitraum ein Jahr zuvor – also bevor Anhörer und Entscheider getrennt wurden – hatte ein Asylverfahren im Durchschnitt sogar nur 1,6 Monate gedauert. Das geht aus der Antwort der Bundesregierung auf eine Kleine Anfrage der Linken hervor. "Dass die Verfahren länger dauern als zuvor, hat nichts mit höherer Qualität zu tun", sagt Ulla Jelpke, die für die Linke im Innenausschuss des Bundestags sitzt. "Die Asylbescheide weisen immer mehr sachliche Mängel auf."

Am 17. Mai dieses Jahres, drei Wochen nachdem der Fall Franco A. publik wurde, trifft sich der Innenausschuss des Bundestags zu einer nicht öffentlichen Sitzung. Eingeladen ist die neue Chefin des Bamf, Jutta Cordt. Sie soll den Abgeordneten erklären, wie die Asylbehörde besser arbeiten kann, sprich: wie sie die mangelnde Qualität der Asylbescheide verbessern will. Die interne Qualitätssicherung des Bamf müsse "deutlich fokussiert" werden, sagt Cordt in einem öffentlichen Statement nach der Sitzung. Fünf Tage später ergeht im Bamf eine interne Weisung, in der nachzulesen ist, was Cordt vorhat. Diese Mail liegt der ZEIT vor.