Shahaz Uddin könnte längst seinen Lebensabend genießen. Alt genug wäre der Mann mit dem schlohweißen Bart. Doch da sind diese Flecken. Wie Sommersprossen ziehen sie sich über die Brust des 63-jährigen ehemaligen Ladeninhabers. Anfangs seien sie schwarz, dann würden sie sich nach und nach weiß verfärben, sagt der Arzt Tarik ul-Islam, während er Uddin untersucht: "Wie Regentropfen auf dem Sand." Es sind die klassischen Symptome einer Arsenvergiftung.

Uddin lebt in Totar Bagh, einem Dorf östlich von Bangladeschs chaotischer Hauptstadt Dhaka. Rund um die Hütten aus Wellblech und Beton liegen Reisfelder und Waldland. Farbenfrohe Kleider hängen zwischen den Palmen. Familien waschen, kochen und holen mit Handpumpen Wasser aus den Brunnen.

Dieses Wasser hat Tarik ul-Islam nach Totar Bagh geführt. Der Arzt aus Bangladesch untersucht in einem Projekt der Universitäten Chicago und Columbia (New York), welche Folgen lang anhaltender Kontakt mit Arsen hat. Etwa 60 Prozent der Brunnen in dieser Region sind mit dem Gift verunreinigt, vor über zwei Jahrzehnten wurde es erstmals hier im Trinkwasser nachgewiesen. Wer regelmäßig arsenhaltiges Wasser zu sich nimmt, riskiert Herzerkrankungen, Diabetes, Lungen-, Blasen- und Hautkrebs. Konsumieren Babys und Kleinkinder es, begleiten Entwicklungsschäden sie ein Leben lang.

Uddin trinkt noch immer das Wasser aus seinem Brunnen, so wie viele andere Menschen auch. "Man hat mir gesagt, ich solle mir besseres Wasser beschaffen", sagt er. Also bohrte er sich einen anderen Brunnen – auch der war verunreinigt. "Ich weiß, dass dieses Wasser nicht gut für meine Gesundheit ist. Aber was soll ich denn machen?" Seine Familie, bis hin zu den Enkelkindern, trinkt das Wasser ebenfalls. Uddin blickt zum Himmel: "Ich habe keine Alternative."

So wie Uddin ergeht es 40 Millionen Menschen, ein Viertel der Bevölkerung Bangladeschs. Das Gift ruft nur wenig offensichtliche Symptome hervor, langfristig aber greift es zahlreiche Organe an. Die Folgen sind meist tödlich. Das Monatsmagazin der Weltgesundheitsorganisation WHO publizierte Schätzungen, wonach in Bangladesch jährlich bis zu 43.000 Menschen an den Folgen einer Arsenvergiftung sterben. Obwohl die Beweislast erdrückend ist, redet die Regierung Bangladeschs das Problem klein: Höchstens 200 Todesfälle würden auf Arsen zurückgehen.

In dieser Geschichte geht es um behördliches Versagen und mangelnde Verantwortlichkeit, sie ist ein Beispiel für ein Problem, bei dem die Lösungen auf dem Tisch liegen, aber trotzdem nicht umgesetzt werden. So furchtbar die Folgen einer Arsenvergiftung auch sind – es dauert Jahre, wenn nicht gar Jahrzehnte, bis sie spürbar werden. Das macht es für die Politik, für Geldgeber, für internationale Hilfsorganisationen einfach, das Problem schlicht zu ignorieren. "Stille Killer sind nichts, was politische Entscheider in Alarmstimmung versetzt", sagt Habibul Ahsan von der Universität Chicago, der ebenfalls für das Forschungsprojekt arbeitet.

Theoretisch müsste sich das Problem des vergifteten Wassers meistern lassen. Die Fakten sind seit über 20 Jahren bekannt, die Langzeitfolgen der Vergiftung gut dokumentiert. Sogar mehrere Lösungswege gäbe es. Die Brunnen müssten tiefer gehen, tiefer als 150 Meter, dann ließe sich sauberes Wasser fördern. Auch das Filtern von Oberflächenwasser ist möglich. Langfristig am besten wäre es, ganze Gemeinden mit zentral gefiltertem Leitungswasser zu beliefern – aber dieses Angebot gibt es erst in einer Handvoll Dörfern. Geologen rechnen vor, dass man nur fünf bis zehn Jahre bräuchte, um die am stärksten betroffenen 20 Millionen Menschen mit sauberem Wasser zu versorgen.

Totar Bagh

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Trotzdem ist bislang wenig geschehen. Die Zahl der Betroffenen ging nur marginal zurück. Denn die Herausforderungen sind weniger technischer, sondern vielmehr bürokratischer Natur. "Was Geologen und Ingenieure für ihre Lösungen brauchen, ist wohlbekannt. Doch wir benötigen mehr Ressourcen – und zielgerichtete Anstrengungen, diese zu nutzen", sagt Kazi Matin Ahmed, Geologe an der Universität Dhaka.

Der Bau von Tiefbrunnen ist für Dorfbewohner wie Uddin viel zu teuer. Sie leben in Häusern mit Betonfußboden, wo zwischen Töpfen und Pfannen kleine Kocher stehen und Möbel Mangelware sind. Das Arsenproblem ist zu groß, als dass Einzelne es lösen könnten. Der Staat und ausländische Geldgeber müssten einspringen. Und genau genommen wäre das gerecht. Sie waren es, die das Problem überhaupt erst geschaffen haben.

Als in den 1970er Jahren in Bangladesch Tausende an Krankheiten wie Cholera und Diarrhöe starben, rief dies das Kinderhilfswerk Unicef und die WHO auf den Plan. Sie setzten sich zum Ziel, Entwicklungsländern zu sauberem Trinkwasser zu verhelfen. Zusammen mit der Regierung Bangladeschs warben sie für Brunnen. Die Menschen sollten nicht länger das schmutzige Oberflächenwasser trinken müssen. Als perfekte Lösung erschienen einfache, mit Handpumpen zu bedienende Brunnen – kostengünstig und fast wartungsfrei. Die Regierung unterstützte das Projekt, Gemeinden und Privatwirtschaft halfen beim Bau.

Damals schien das eine gute Idee zu sein: Statt Symptome zu behandeln, setzte man bei der Ursache an. Landesweit wurde gebohrt, erst von Regierung, Unicef und anderen Nichtregierungsorganisationen, später von einzelnen Familien in Eigenregie. In den 1990er Jahren gab es in Bangladesch geschätzte zehn Millionen Brunnen. Die Wasserqualität wurde vom Britischen Geologischen Dienst getestet – doch dieser vergaß bei der Analyse ausgerechnet die todbringende Substanz Arsen. Obwohl zuvor im benachbarten indischen Bundesstaat Westbengalen Arsen im Wasser gefunden worden war, untersuchte in Bangladesch niemand das Wasser auf das Gift. Viel zu spät stellte man fest, dass der Arsengehalt in Millionen Brunnen die von der WHO als ungefährlich eingestufte Menge um das Zehnfache, das Zwanzigfache, teilweise sogar um das Fünfzigfache überstieg.