Wochenendblues in Chicago, es ist Samstag, neun Uhr, Zeit zum Frühstücken. "Kann ich das Rührei auch mit Erdbeermarmelade haben, anstatt des Ketchups?", fragt Bastian Schweinsteiger. Kriegt er. "Hach, ist das schön!" Ja, das ist es an diesem Morgen in der Luxbar. Drüben im Norden spiegelt sich die Sonne in den gläsernen Hochhausfassaden und lässt die Touristen schwitzen. Hier in "Old Town" sind die Häuser flach, hier ist der Bayer zu Hause. In sechs Stunden wird er mit seiner Mannschaft, Chicago Fire, gegen Atlanta United antreten, mit 33 Grad Hitze wird gerechnet. In der Bundesliga wäre ein Interview am Spieltag verboten. "Hier darf ich selbst entscheiden, was gut für mich ist und was nicht."

Bastian Schweinsteiger: Erinnern Sie sich an unser letztes Gespräch?

ZEIT: Das ist zwei Jahre her. Sie waren mit der Nationalmannschaft unterwegs. Wir trafen uns genau da, wo die Spieler nun wieder zusammen sind, um sich auf den Confed Cup einzustimmen; im Hotel in Frankfurt.

Schweinsteiger: Wir saßen im Hof, es war Sommer. Vor allem erinnere ich mich daran, dass wir unsere Gesprächszeit überzogen hatten und ich zu spät zum Mittagessen kam.

ZEIT: Haben die andern sich lustig gemacht?

Schweinsteiger: Klar gab es Sprüche.

ZEIT: Und das in Ihrer Funktion als Kapitän!

Schweinsteiger: Ich hab’s überlebt.

ZEIT: Wir sprachen damals über Ihre Sehnsucht nach neuen Zielen im Leben.

Schweinsteiger: Die habe ich in den vergangenen zwei Jahren ausreichend gestillt.

ZEIT: Sie haben viel losgelassen, neu angefangen, verließen die Bayern, spielten in Manchester, führten die Nationalmannschaft als Kapitän ins Halbfinale der Europameisterschaft. Seit März leben Sie hier in Chicago...

Schweinsteiger: ...und die deutsche Mannschaft reist ohne mich nach Russland.

ZEIT: Sind Sie traurig?

Schweinsteiger: Ein bisschen wehmütig, aber ich glaube, das ist normal.

ZEIT: Sie spielen ja noch immer Fußball.

Schweinsteiger: Aber das ist was anderes. Ich werde dieses Deutschlandtrikot nie wieder überziehen. Das ist schon einschneidend. Aber ich habe es selbst so entschieden.

ZEIT: Woher kommt diese Leidenschaft, Entscheidungen zu treffen?

Schweinsteiger: Ich mache das einfach gerne, entscheiden.

ZEIT: Manchmal werden sie ja auch für einen getroffen. Wenn Sie es in der Hand haben, dann lieber aus dem Bauch heraus oder lange überlegt?

Schweinsteiger: Lieber in Ruhe. Das war das Traurige bei meinem Abschied aus München. Manchester brauchte eine schnelle Antwort, es blieb nicht viel Zeit zum Loslassen.

ZEIT: War es wirklich Ihr Wunsch, zu gehen?

Schweinsteiger: Wessen denn sonst?

ZEIT: Es wurde spekuliert, die Bayern hätten Ihnen den Abschied nahegelegt.

Schweinsteiger: Ja, ich habe es auch gelesen. Das verstehe ich bis heute nicht: Warum können Journalisten eine Entscheidung nicht einfach mal so akzeptieren, wie sie ist?

ZEIT: Weil wir zu häufig getäuscht werden.

Schweinsteiger: Das kann ich mir in unserem Geschäft gut vorstellen. Aber gerade dann sollte man doch ein Gespür dafür entwickeln, wem man glauben kann und wem nicht. Das Verhältnis zwischen den Bayern und mir, das war ganz besonders.