DIE ZEIT: Herr Zehnder, niemand geht gern ins Spital. Außer vielleicht in Schwyz.

Benno K. Zehnder: Ein kühner Befund.

ZEIT: Mehrmals war ich nun dort – und habe mich seltsam wohlgefühlt. Und lange nicht gemerkt, weshalb. Bis mir, durch einen Gang gehend, erleuchtet nur von einer dünnen Schiene aus künstlichem Licht, die Farben auffielen, die den Flur beleben, helle, leise Farben.

Zehnder: Der sogenannte Ärztegang, gelb, grün, rosa, Türen links, Türen rechts, kein einziges Fenster. Das war meine erste Arbeit im Spital Schwyz, Mai 2002, einst ein dunkler, düsterer Flur. Dem Direktor sagte ich, mein Ziel sei es, diesen Ort farblich so zu gestalten, dass die Menschen, die ihn begehen, sich fühlten, als seien sie am Meer. Worauf der knurrte: Wir brauchen hier kein Meer, Hauptsache, die Patienten werden gesund.

ZEIT: Wie holten Sie den Ozean dann doch nach Schwyz?

Zehnder: Mit Liebe vielleicht. Oder mit Leidenschaft. Mit Beharrlichkeit. Bestimmt mit der Hilfe des Architekten, der mich bestellt hatte, Alfred Suter. Farbe, erklärte ich den Zuständigen, Farbe sei Leben. Farbe, weit stärker als jede Form, berühre die Seele direkt. Ohne Umschweife. Wie die Musik.

ZEIT: Was ist Farbe?

Zehnder: Farbe ist Licht. Licht ist elektromagnetische Strahlung. Ohne Licht keine Farbe. Farben sind nichts anderes als das Licht, das von Gegenständen reflektiert wird. Und wo Farben sind, ist auch Licht, und wo Licht ist, sind Lebensfreude, Mut, Zuversicht.

ZEIT: Es gibt Leute, gesunde Menschen, die kommen ins Spital Schwyz, setzen sich in die Cafeteria oder gehen durch die Gänge, nur um sich am Spiel Ihrer Farben zu erfreuen. Und doch, von Ausnahmen abgesehen, tun Sie, Herr Zehnder, nichts anderes, als einen Schwyzer Flachmaler anzuweisen, Wände farbig zu streichen.

Zehnder: Das stimmt. Doch entscheidend ist, welche Farbe an welcher Stelle in welcher Fläche aufscheint. Das ist der Kern meiner Idee: dass sie, wo möglich, das Wetter, die Zeit, die Stunde, den Tag, das Jahr als Gehilfen begreift. Und so, dargestellt durch nichts als Farbe, die ständige Veränderung zum Ausdruck bringt, das Werden und Vergehen. Mein Tun im Spital Schwyz – und nicht nur dort – ist der Versuch, Durchsichtigkeit, Verletzlichkeit, Vergänglichkeit nachzubilden, erfahrbar zu machen. Je nach Wetter und Jahreszeit inszenieren die Farben sich selbst. Sie kommunizieren. Je nach Tageslicht reflektiert sich die Farbe einer Wand, die vielleicht grün ist, auf der gegenüberliegenden, die gelb ist. Oder umgekehrt. Es entstehen neue Farben, flüchtige, ich nenne sie Erscheinungsfarben, die man nicht festhalten kann. Die man nicht malen kann.

ZEIT: Sie färben gleichsam den Raum zwischen den Wänden.

Zehnder: Der Betrachter steht in der Farbe. Und das, hoffe ich, schafft die Magie, die ich meine.

ZEIT: Seit fünfzehn Jahren bringen Sie Farbe nach Schwyz: Wie trat die Farbe in Ihr Leben?

Zehnder: Mit einem Schlüsselerlebnis kann ich nicht aufwarten. Ich bin, aufgewachsen in Wettingen, das achte von zehn Kindern, mein Vater war Schmied, meine Mutter managte Haus und Alltag. Wie kam die Farbe in mein Leben? Vielleicht durch den Tod der Sau, die wir ein Jahr lang fütterten und dann, drüben bei Vetter Hans, kurz vor Weihnachten schlachteten. Hellrot und dampfend floss das Blut des Schweins, das Minuten zuvor noch gelebt und geschrien hatte, in einen sauberen metallenen Kessel, ein helles stechendes Rot – so viel Farbe, alles die gleiche Farbe. Wegsehen konnte ich nicht. So viel Rot. Und schließlich lag die Sau in heißem Wasser, und wir begannen, ausgerüstet mit eisernen Geräten, die Borsten von der Haut zu schaben. Was für eine zarte Haut ein Schwein doch hat. Dieses durchsichtige Rosa mit unterliegendem Grün.