Was für das zentralisierte Frankreich lange die Pariser Buchhandlung La Hune bedeutet hat, beginnt hierzulande der Writers’ Thursday im First Floor über dem Borchardt zu werden. Hier lädt der Schriftsteller und Journalist Rainer Schmidt etablierte und junge Autoren zum Lesen ein. Während der Blick in den Pausen auf benutzten Gläsern in weichen Lichtinseln ruht, finden sich für halb fertige Gedanken mühelos Sparringspartner. Es gibt von allem zu viel, sagte ich. Kiepenheuer & Witsch-Verleger Helge Malchow stimmte gleich zu, als hätte ich seinen Gedankenstrom gehackt.

"Es wird mehr geschrieben als gelesen", sagte er, "heute hat ja praktisch jeder Deutsche sein Buch. Das ist auch logisch, wir leben in einer Kultur des Narzissmus. Lesen ist viel anstrengender, weil man sich auf andere einlassen muss. Deshalb ist es so wichtig zu kuratieren." Ich hatte einen Umschlag mit einer Tom-Petty-CD dabei, die ich dem Amazon-Händler enttäuscht zurückschicken wollte. Die Runde fing im Handumdrehen an zu kuratieren. "Ich kenne ihn ganz gut", sagte die Künstleragentin und Autorin Heike-Melba Fendel, "er hatte mal diese Band The Traveling Wilburys, mit Bob Dylan, die haben zwei Superalben gemacht, cheesy, aber ehrlich und erdig." – "Guter, abgehangener Mainstreamrock", sekundierte Malchow. In eine Ecke verschanzt, diskutierte Sven Regener den Schriftzug seines aktuellen Buchcovers, dann schwenkte die Unterhaltung zu einem Porträt des Verlegers Gerhard Steidl im New Yorker. Schließlich ging es in den Lesesaal.

Die Debütantin Fatma Aydemir las aus ihrem Roman Ellbogen, in dem die Heldin Hazal mit Freundinnen vor einer Berliner Disco Schlange steht. Sie beobachten eine Gruppe Franzosen, die schon im Vorfeld devot ihre Pässe zücken. "Wir sind doch keine Hurenopfer", trösten sie sich: "Wenn wir aus Polen oder Spanien oder so wären und schmutzige Turnschuhe hätten, wären wir schon drin." Nicht nur "kurzhaarige Tussis" werden abgewiesen, auch unsere Mädchen in ihren unbequemen Schuhen und viel zu engen, nervös zurechtgezupften Kleidern haben Pech. Sie suchen den Blick des Türstehers, doch er lässt sie eiskalt abblitzen: "Schönen Abend noch." Im Rundumschlag trifft ihr Frust alles, was auf "deutschen Pflastersteinen" herumläuft, Leute mit satten Gesichtern, die ihren Damenbart nie rasieren, Bild lesen und ab zwanzig nur noch Wein trinken. Heimkehren ist keine Option, weil bei den assimilierten türkischen Eltern das Porzellanservice mit zwölf passenden Tellern wartet.

Marcel Beyer las aus Das blindgeweinte Jahrhundert. Auch er widmete sich der deutschen Tristesse. Im Kassenbereich der Bauhaus-Filiale wartet "ein knuffiger Keramikwichtel. Über dem Teppichgeschäft eine Kampfsportschule. Keine planende Hand hat sie zusammengebracht." Beyer vertieft sich in handelsübliche Schlafsysteme und die damit einhergehende Matratzenphilosophie. Eine Frau möchte ihr anstehendes Ableben durch eine große Party feiern, um nicht wie jede andere zu sterben: "Keiner weiß, was er anziehen soll. Flüstern ist untersagt." Das skurrile Motiv erinnert an Botho Strauß: Überhaupt knüpfen die männlichen Leser im Vortragshabitus gern an das Würdevolle deutscher Großschriftsteller an.

Während Fatma Aydemir erhobenen Hauptes in jedes Fettnäpfchen stolziert, lässt sich Dirk Kurbjuweit in seinem historischen Roman über Emma Herwegh gediegene Wörter wie "Möbelschreiner" und "Altlasseide" auf der Zunge zergehen. Kuratieren ist schön und gut, aber das Neue findet oft hinter dem Rücken der Türsteher statt. Und wer die Sprache wie Aydemir unzensiert zum Sprudeln bringt, hat die Lacher für sich.

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