Über Galeristen, die besonders für ihr gutes Auge und ihre Liebe zur Kunst geschätzt werden, heißt es häufig: "Eigentlich auch ein Künstler." Das ist als Auszeichnung gemeint, aber oft auch die Wahrheit. Viele Galeristen, besonders jene, die während des letzten Jahrhunderts Kunst- und Ausstellungsgeschichte geschrieben haben, sind zuerst Künstler gewesen. Zum Beispiel das Ehepaar Konrad und Dorothee Fischer. 1967 beendeten sie ihre jungen Künstlerkarrieren und eröffneten eine Galerie für Minimal Art und Konzeptkunst in Düsseldorf, um der Leere im Nachkriegsdeutschland etwas entgegenzusetzen und progressive Freunde wie Sigmar Polke und Gerhard Richter und amerikanische Neuentdeckungen wie Bruce Nauman oder Sol LeWitt auszustellen. Heute gehört die Galerie zu den bedeutendsten in Deutschland, auch weil Konrad und Dorothee Fischer sich nie von Traditionen oder Trends beeinflussen ließen.

Ihre Kompromisslosigkeit wird in der Familiengeschichte fortgesetzt. Als Dorothee Fischer vor zwei Jahren starb, übernahm ihre Tochter Berta die Direktion der Galerie mit Räumen in Düsseldorf und Berlin. Und sie wagt seitdem, was ihren Eltern nicht gelungen ist: Sie ist erfolgreiche Galeristin und zugleich Künstlerin. Die Frage, ob sie ihre Karriere aufgeben sollte, hat sich für sie nie gestellt. Dem gängigen Schema trotzend, hat sie auch als Künstlerin Erfolg, und die Galerie zu übernehmen bedeutete keinen weichen Ausstieg, sondern ist nur ein zweites Standbein für sie. Fischers bunte, oft schwebende Skulpturen aus dünnen Plastikfolien oder Acrylglas erzielen Preise zwischen 20.000 und 35.000 Euro. Sie wird von der Galerie Barbara Weiss in Berlin vertreten. Auch die ist viel mehr eine Institution als ein gewöhnlicher Ausstellungsraum – wie die Galerie Konrad Fischer.

Man fragt sich natürlich sofort, ob es einer Person gelingen kann, auf beiden Seiten des Marktes und der Kunstproduktion zu stehen. Berta Fischer ist eine zierliche Frau Anfang vierzig, ihr Gestus erinnert an Astrid Lindgrens Heldin Pippi Langstrumpf – die allerdings wirklich groß geworden ist. Sie will weder verstehen noch einsehen, warum man sich entscheiden sollte: "Ich habe mir fest vorgenommen, darauf zu achten, dass die Kunst nicht zu kurz kommt. Meine Karriere und die Arbeit als Künstlerin sind mir sehr wichtig. Ich bewahre mir dadurch meinen Freiraum", sagt sie an einem heißen Nachmittag Ende Mai, in ihrer Berliner Galerie sitzend. Am Morgen war sie noch in ihrem Atelier und hat den Transport einer neuen Arbeit für die Galerie Barbara Weiss vorbereitet, die damit auf die Messe Art Basel reisen wird.

In Deutschland ist man sehr streng und unbeweglich.
Berta Fischer

Auf eine Rolle festgelegt zu werden ist für Fischer ein lokales Problem. "In Deutschland ist man sehr streng und unbeweglich. In Amerika gibt es längst eine Tradition von erfolgreichen Künstlern, die gleichzeitig Galeristen sind." Viel braucht es dazu nicht: Fischer glaubt an gute Organisation, gutes Zeitmanagement und ein eingespieltes Galerieteam. Nicht mehr und nicht weniger. Sie versteht sich als Delegierende, die nicht ständig anwesend sein muss. Das ist eine Fähigkeit, die man Künstlern gewöhnlich nicht zuschreibt, die ihre Eltern aber an sie weitergegeben haben.

Auf ihre Aufgabe in der Galerie konnte Berta Fischer sich langsam einstellen. Als ihre Mutter Dorothee nach dem Tod des Vaters 1996 die Galerie bis 2015 allein weiterführte, war Fischer beratend und unterstützend im Hintergrund tätig. Ihre Mutter legte aber auch immer großen Wert darauf, dass ihre Tochter eigene Wege ging und sich eine Existenz neben der Galerie der Eltern aufbaute. So bedeutete es einen Ausbruch für Berta Fischer, nach dem Abitur Künstlerin zu werden und Künstlerin zu bleiben. Also in Karlsruhe und nicht wie ihre Eltern in Düsseldorf zu studieren, Medienkunst statt Malerei zu wählen und die ersten Jahre zu verheimlichen, wer ihre Eltern waren.

Dass sie sich bewusst freigekämpft hat, erklärt, warum es Fischer scheinbar mühelos gelungen ist, auch die Rolle der Galeristin zu übernehmen: Es gibt keine geplatzten Träume. Eigene Wege zu gehen und gleichzeitig Galeristin zu sein funktioniert in Fischers Fall aber auch, weil der Weg der Galerie schon geebnet war. Nichts muss sie neu aufbauen. Sowohl in Düsseldorf als auch in Berlin wird sie von einem jahrzehntelang eingespielten Team unterstützt, das ihr den Rücken frei hält und ihr den schwierigsten Teil des Geschäfts abnimmt: Verkaufen.

Auf Kunstmessen steht sie natürlich trotzdem selbst am Stand und führt Verkaufsgespräche. Aber diese sind, wie sie selbst sagt, eher Austausch geteilter Leidenschaft. In diesen Momenten überschneiden sich ihre Rollen gelegentlich, weil Sammler sie eben auch als Künstlerin kennen. Und in dieser Doppelfunktion spielt Berta Fischer Gewinne für ihre eigene Galerie Konrad Fischer ein – und für die Galerie Barbara Weiss, die ihre Kunst vertritt.

Unfair oder genial?

Man kann das unfair finden oder genial, jedenfalls hat die Personalunion von Galeristin und Künstlerin einen entscheidenden Vorteil: Sie könnte über die aktuelle Inhaltsleere auf Kunstmessen hinweghelfen. Denn ein Künstler versteht die Kunst, handwerklich, aber auch geistig, und kann den Entstehungs- und Entwicklungsprozess einer Arbeit sofort nachvollziehen. Berta Fischer weiß, wie es sich anfühlt, Kunst zu machen: "Man hat ein schärferes Auge", sagt sie, "und kann die Arbeiten der Künstler differenzierter beurteilen."

Die größte Herausforderung für Fischer ist nicht die Doppelbelastung oder das Spiel mit den Rollen. Es ist die Verantwortung, die sie für dieses sehr große, so traditionsreiche Haus übernommen hat. Eine Tradition, die jetzt von ihr am Leben gehalten werden muss. Fischer will vor allem, dass die Balance zwischen Alt und Neu gelingt, dass sie vorwärtsgehen und trotzdem Haltung bewahren kann. Sie hat neue Künstler wie Edith Dekyndt ins Programm aufgenommen, mit denen ihre eigene Handschrift als Galeristin erkennbar wird. Sie hat neue Mitarbeiter eingestellt und versucht, dem Geist ihrer Eltern treu zu bleiben: "Es soll weiter in erster Linie um den Glauben an die Kunst gehen und nicht um den Druck, sich anpassen zu müssen." Fischer will keine Kunst ausstellen nur um des kommerziellen Erfolges willen. Muss sie auch nicht. Der langjährige Erfolg der Galerie und die Erfahrungen als Künstlerin schützen sie davor, sich von der Unbeständigkeit des Marktes bestimmen zu lassen. Davor, die Nerven und den Spaß am Kunstmachen und Ausstellen zu verlieren. In diesem Jahr feiert die Galerie Konrad Fischer fünfzigjähriges Bestehen. Ein Ende ist nicht in Sicht. Es gibt ja Berta Fischer.