Es gibt eine gute Nachricht: Die Zeit des völligen Stillstands scheint vorbei. Nur hat die Sache einen Haken: Die politische Wendezeit beginnt als Fahrt auf der Achterbahn, deren Loopings selbst die hartgesottensten Mägen in schwindelige Orientierungslosigkeit schleudern.

Architekt dieser Rollercoaster-Route ohne erkennbare Streckenführung ist die neue, türkise Volkspartei. Die Bewegung, die sie in die Politik bringen will, zeigt sich bisher vor allem als Taumeln von Meinungsschwenk zu Meinungsschwenk, vollzogen innerhalb weniger Tage oder auch nur Stunden.

"Hast führt zu schlechten Lösungen", begründete der schwarze Wissenschaftsminister Harald Mahrer am vergangenen Mittwoch die Absage seiner Partei an die Bildungsreform – die seit eineinhalb Jahren verhandelt wird. Das eigentlich schon vereinbarte Paket schien plötzlich tot. Gescheitert am Widerstand der ÖVP, in der die Gesamtschule östlich von Salzburg als Menetekel gilt.

Schon am Sonntagnachmittag war alles wieder ganz anders: SPÖ-Bildungsministerin Sonja Hammerschmid war der Triumph ins Gesicht geschrieben, als sie neben Harald Mahrer eine Einigung verkünden konnte. Ob die Grünen, die für die notwendige Zweidrittelmehrheit im Nationalrat zustimmen müssen, den neuen Vorschlag annehmen, war bis Redaktionsschluss am Montagnachmittag noch nicht fix.

Auch in Sachen Gesundheit überschlugen sich die Kehrtwenden. Erst wurde eine Einigung zwischen SPÖ und ÖVP bei den seit fast drei Jahren verhandelten Primärversorgungszentren bekannt gegeben. Unvermittelt machte die Kurz-Partei aber eine Vollbremsung, weil sie neuerlich Rücksprache mit Ärztevertretern einlegen wollte. Nur einen Tag später, am vergangenen Freitag, hieß es dann wieder: Man wolle das Gesetz doch noch vor dem Sommer zur Abstimmung bringen.

Das Muster zieht sich durch viele Bereiche. Eine konsistente Linie ist nicht erkennbar. Die neue ÖVP ist derzeit wie ein All-you-can-eat-Buffet im Touristenresort auf Mallorca: Für jeden ist laut Reiseprospekt etwas dabei, doch weiß man nicht so recht, was davon wie lange auf dem Gabentisch verbleibt und wie verdaulich die Häppchen sind.

Was steckt hinter all dem Ja und Nein, Heute-vielleicht und Morgen-doch-auch-wieder-nicht? Nur eine große Show, um dem Noch-Koalitionspartner und der Opposition Macht zu demonstrieren? Oder hat Sebastian Kurz seine Truppe doch nicht so fest im Griff, wie es den Anschein erwecken sollte?

Alle großen Heilsbringer der vergangenen Jahre sind in Österreichs Politik gescheitert. Der Glanz des Neuen war stets rasch ermattet. Vom immer wieder versprochenen Aufbruch blieb am Ende nur der Kater, einzig Neustarts wurden laufend verkündet. Wie oft sich dieses Ritual seit der letzten Nationalratswahl im Jahr 2013 wiederholt hat, will keiner mehr nachzählen – Gesichter wurden ausgetauscht, mit großen Erwartungen aufgeladen, am Ende änderte sich wenig. Die oberste Maxime der Koalitionspartner blieb, die jeweils wichtigsten Projekte gegenseitig zu blockieren.

Doch es wäre verkürzt, im aktuellen Schlingerkurs der ÖVP nur taktisches Kalkül zu vermuten. Gerade in der Bildungsreform haben wohl auch interne Kräfte an ihr gezerrt. Die Begehrlichkeiten aus den Teilorganisationen an Sebastian Kurz nehmen zu. Die wenige Wochen alte Erscheinung einer ÖVP neu kann die jahrzehntelang gewachsenen Strukturen doch nicht so einfach zertrümmern. Am Verhandlungstisch waren sich die Parteien in Sachen Schulreform nämlich einig – auch Harald Mahrer, der beim Koalitionspartner als verlässlicher Verhandler gilt, stimmte zu. Aber nicht mit allen in der ÖVP schien das Ergebnis akkordiert. Dass nun eine Modellregion maximal 5.000 AHS-Unterstufenschüler betreffen darf, zurrt fest, dass eine Gesamtschule derzeit praktisch nur in Vorarlberg möglich ist. Das dürfte auch die Vertretung der Lehrer ein wenig besänftigen – einen der großen Machtblöcke in der Volkspartei. Seit Ende der 1960er Jahre dominieren die Christlichen Gewerkschafter die Personalvertretung der AHS-Lehrer, die eine Gesamtschule strikt ablehnen.

Dass die Reform nun kommt, hat im Zweifel aber einen angenehmen Nebeneffekt: Eine Entscheidung gegen die eigenen Gewerkschafter kann die Parteispitze als Leadership vermarkten – und in der Rolle des Vermarkters fühlt sich nicht zuletzt der frühere PR-Mann Harald Mahrer besonders wohl.

Um die Inhalte dieser neuen Volkspartei Kurzscher Prägung geht es bisher hingegen nicht. Wofür sie steht, will man erst im September bekannt geben. Bis dahin dominiert die Show, und in dieser hätte das Image des Betonierers in der Bildungsreform gestört. Mit einer solchen Hypothek wollte man nicht in den Wahlkampf ziehen.

Bei all der Inszenierung kommt Sebastian Kurz eines sehr gelegen: Sein Noch-Koalitionspartner SPÖ schafft es nicht, über sich selbst zu sprechen. Die Visionen, die Christian Kern in seinem Plan A verkündete, haben die meisten schon wieder vergessen. Die Genossen kennen im Moment nur ein Thema: Wie halten wir es mit den Freiheitlichen? Die Orientierungslosigkeit reicht weit, die Risse gehen tief. Wie dem entgegenzusteuern ist, weiß derzeit noch keiner. Der Wahlkampf wird lang und kehrtwendenreich.