Man sieht der Zahl erst einmal nicht an, dass sie etwas Besonderes sein könnte. Aber für die britischen Brexit-Hardliner, die die Europäische Union (EU) um jeden Preis verlassen wollen, ist sie zu einer magischen Größe geworden: 15 Prozent. Den Hardlinern machte die Zahl Hoffnung für ihre nächste Schlacht, den für die kommende Woche geplanten Beginn der Austrittsverhandlungen in Brüssel.

15 Prozent – so hoch war im vergangenen Jahr der Anteil unter den aus Deutschland exportierten Autos, der auf die Insel ging. David Davis, der Minister für den Austritt aus der EU, erklärte diesen Umstand im Vorfeld zum Kernstück der britischen Verhandlungsstrategie, mit der er seinem Land den freien Zugang zum Binnenmarkt sichern möchte, ohne dass es sich anderen lästigen EU-Verpflichtungen wie jener unterwerfen müsste, EU-Bürgern Arbeits- und Niederlassungsfreiheit zu gewähren.

Davis sagte: "Die deutsche Autoindustrie hängt am Tropf des britischen Konsumenten." In den Verhandlungen, so das Kalkül, möchte er sich den Freihandelsstatus nach der vorherigen Aufkündigung des Binnenmarktes einfach zurückholen – und zwar mit Hilfe aus Berlin. "Wenn im Ärmelkanal die Zollschranken hochgehen, verlieren Tausende von Arbeitern bei BMW und Mercedes ihre Jobs", sagte er. Die Bundeskanzlerin werde sich sicher persönlich für Großbritanniens Freihandelsstatus einsetzen.

Tatsächlich besteht dieses Argument zum Großteil aus Wunschdenken. Schon die Bereitschaft, sich wohlwollend mit ihm zusammenzusetzen, scheint im Rest Europas nicht sehr ausgeprägt zu sein. Dafür dürfte auch Davis’ Art verantwortlich gewesen sein, die hochrangige Politiker in Berlin, Paris und Brüssel als großspurig kritisierten.

Hatten die Briten bis Ende vergangener Woche bestenfalls einen halb garen Plan für ihre Brexit-Verhandlungen, ist mit den Parlamentswahlen auch dieser faktisch nicht mehr umzusetzen. Premierministerin Theresa May verlor ihre absolute Mehrheit, sie steht nun an der Spitze einer Minderheitsregierung, und die Labour-Opposition hat viel mehr Parlamentssitze errungen, als erwartet worden war. Noch in der Wahlnacht gab Davis kleinlaut zu, dass ein harter Brexit nun wohl vom Tisch sei. "Dafür gibt es im Parlament keine Mehrheit mehr", sagte er. Derzeit ist nicht einmal mehr klar, ob die Verhandlungen zum Brexit wie geplant in der kommenden Woche beginnen können. Die Regierungspartei hat zwar nach wie vor die meisten Sitze, aber auch unter den Tories gibt es viele, die den harten Brexit-Kurs ablehnen. Hinzugewonnen haben dagegen unter anderem die Liberalen, die von vornherein gegen den EU-Ausstieg waren. Für May bedeutet das: Im schlimmsten Fall ist die Regierung handlungsunfähig, erneute Neuwahlen später im Jahr sind nicht ausgeschlossen.

Selbst wenn sich die Briten offiziell unbeeindruckt geben: Ihnen bleiben zur Begründung ihrer Position nur noch alte, teils seit Langem widerlegte Argumente. So wie die einer kleinen Gruppe von Wirtschaftsexperten und Forschern, die sich "Ökonomen für den Freihandel" nennen. Die warnen nun umso lauter vor den Folgen eines weichen Brexits und versuchen, Mays alte Position zu stärken. Durch ihre Forschungen während der vergangenen Jahre wollen sie Belege dafür gefunden haben, dass die konsequente Abnabelung von Europa große Chancen mit sich bringe. David Paton von der Universität Nottingham hat zum Beispiel untersucht, welche Kosten der Wirtschaft durch Brüssels Vorschriften entstehen. "Jedes einzelne britische Unternehmen ist zur Einhaltung von Richtlinien verpflichtet, obwohl nur acht Prozent von ihnen mit EU-Ländern Handel treiben", erklärt er. Bei einem Austritt, so die Schlussfolgerung, wären 92 Prozent aller Firmen die Kosten für den EU-Verwaltungskram los, was "Einsparungen in einer Größenordnung von rund zwei Prozent der gesamten Wirtschaftsleistung" bedeute, so der Professor.