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Eine Szene, die mich sehr beeindruckt hat: Nachts verbrennen SA-Milizen unter Goebbels’ Leitung Bücher auf einem Platz, anwesend ist auch Erich Kästner. Auch seine Bücher werden hier verbrannt.

Es muss eine tragische Erfahrung für einen Schriftsteller sein, mitanzusehen, wie seine Bücher vernichtet werden. Diese "Gelegenheit" entging mir leider. Im jüngst publizierten Jahresbericht des Türkischen Verlegerverbands findet sich eine ähnliche Geschichte der Büchervernichtung:

Vor Jahren, nachdem ich wegen Zensur bei einer Zeitung gekündigt hatte, schrieb ich den Artikel Man muss sich an die Einsamkeit gewöhnen, darin warf ich meinen Kollegen ihr Schweigen vor. Der Text wurde in das Lesebuch der 8. Klasse für den Türkischunterricht aufgenommen. Der Text enthält keinerlei politische Anspielungen, dennoch reichte mein Name, um das Buch zu inkriminieren. Das türkische Bildungsministerium ordnete die Vernichtung der 900.000 Exemplare mit meinem Text an. Die Bücher wurden vernichtet, mein Text wurde gestrichen und das Buch neu gedruckt, das kostete die öffentliche Hand 500.000 Euro. Ich war nicht dabei, als die Bücher vernichtet wurden, konnte aber immerhin eines als Andenken retten.

Heinrich Heine schrieb einst: "Dort wo man Bücher verbrennt, verbrennt man auch am Ende Menschen." Das war 1821. In der Türkei geschah es in umgekehrter Reihenfolge. Im Sommer 1993 forderte in Sivas ein Mob die Scharia und setzte das Hotel in Brand, in dem Schriftsteller und Intellektuelle tagten, 33 von ihnen kamen dabei um.

Jetzt sind die Bücher dran.

Laut Bericht des Verlegerverbands wurden im Laufe von nur einem Jahr 30 Verlage mit der Begründung "Bedrohung für die nationale Sicherheit" geschlossen. Hunderttausende Bücher wurden konfisziert. Tausende Menschen wurden verhaftet, weil sie angeblich Bücher von Mitgliedern illegaler Organisationen besitzen. Laut Anklageschrift befinden sich unter diesen "Organisationsmitgliedern" unter anderem Camus, Althusser, Spinoza.

Im letzten Jahr sagte ein Vizerektor zur Rechtfertigung der Entlassung von Wissenschaftlern, die einen Friedensappell unterzeichnet hatten: "Den Fortbestand der Türkei sichert das ungebildete, unwissende Volk."

Nicht das Land, aber offensichtlich die Regierung stützt sich für ihren Fortbestand auf dieses Volk. Darum werden Schriftsteller verhaftet und Bücher vernichtet. In dem Land, wo dessen Staatspräsident sagt: "Manche Bücher sind effektiver als Bomben", verwundert das nicht.

Mörderisch indes ist wiederum das Schweigen angesichts all dieser Vorgänge. Es ist also wieder einmal Zeit, "sich an die Einsamkeit zu gewöhnen". Ein interessantes Detail zum Schluss: Seit Monaten führt ein Buch die Bestsellerlisten in der Türkei an: Stefan Zweigs Schachnovelle. Warum wohl?

Aus dem Türkischen von Sabine Adatepe