Die Anführer der globalisierten Welt sitzen nicht in Parlamenten, sie sitzen in Amtsstuben wie der von Pawel Adamowicz: einem kahlen Büro in einem Rathaus aus Backstein, mit schwarzem Schreibtisch und schwerem Ledersessel, an der Wand ein Stadtwappen mit zwei goldenen Löwen und eine Robe mit bestickter Bordüre.

Adamowicz, 52 Jahre alt, ein Hüne mit Halbglatze und schwarzer Brille, ist der Bürgermeister von Danzig. Die berühmte Stadt an der polnischen Ostseeküste hat 450.000 Einwohner und auf den ersten Blick wenig Schwierigkeiten. Die Arbeitslosigkeit liegt bei nicht mal vier Prozent. Die Zahl der Touristen steigt. Der Wohlstand wächst. Trotzdem macht sich Adamowicz Sorgen. Um sein Land und, ganz grundsätzlich, um die Europäische Union. Deren Grundwerte seien in Gefahr, sagt er: Rechtsstaatlichkeit, Demokratie, Solidarität. Und weil sich die nationalkonservative polnische Regierung darum wenig kümmere, ergreife Adamowicz selber die Initiative.

Als Hunderttausende Menschen nach Europa flohen und Polens Regierung verkündete, sie werde keine muslimischen Flüchtlinge akzeptieren, weil das die Sicherheit des Landes gefährde, da bot Adamowicz an, in Danzig ein paar Syrer oder Afghanen aufzunehmen. Danzig ist die einzige Stadt in Polen, die so etwas wie eine offizielle Integrationspolitik betreibt. Es gibt sogar einen "Rat der Migranten".

Adamowicz ist kein Einzelfall. In vielen Ländern beginnen Bürgermeister heute, Aufgaben zu übernehmen, die traditionell ein Nationalstaat erledigte. Diese Bürgermeister betreiben Außenpolitik, sie schmieden Städte-Allianzen über Grenzen hinweg, sie wollen Probleme lösen, wo ihre nationalen Regierungen nicht weiterkommen. Anfang Juni lud Adamowicz Bürgermeister aus anderen EU-Städten nach Danzig ein, um zu beraten, wie eine gemeinsame Flüchtlingspolitik aussehen und wie man das Geld dafür organisieren könne. Noch in derselben Woche trafen sich in Barcelona Bürgermeister und Stadträte aus Spanien und Griechenland, aus Chile und Indien, Brasilien und den USA, um "in Zeiten von Hass und autoritärer Regime für Menschenrechte, Demokratie und Gemeinwohl einzutreten". Das Bündnis nennt sich Fearless Cities, "Städte ohne Angst".

Die neue Macht der Städte erlebt man auch in den Vereinigten Staaten. Dort haben sich mehr als 300 Städte und Gemeinden zu den "Städten der Zuflucht" zusammengeschlossen. Sie weigern sich, die Abschiebepolitik der US-Regierung mitzutragen und mit den Beamten des Bundes zu kooperieren. Sie sehen einander als natürliche Verbündete.

Ein Mann hat das schon vor Jahren geahnt: Benjamin Barber, Politikwissenschaftler aus New York, ehemals Berater von US-Präsident Clinton. In Zeiten, in denen sich die Nationalstaaten in Interessenkonflikten verhedderten, so hoffnungslos, dass kaum Spielraum für pragmatische Politik bleibt, in solchen Zeiten wächst die Macht von Lokalpolitikern wie Pawel Adamowicz weit über die Stadtmauern hinaus. So beschreibt es Barber 2013 im Bestseller "If Mayors ruled the World" ("Würden Bürgermeister die Welt regieren"). Seine These: "Das 20. Jahrhundert ist das Jahrhundert der Nationalstaaten. Das 21. Jahrhundert ist das Jahrhundert der Städte." Im vergangenen Jahr gründete er sogar ein "Weltparlament der Bürgermeister".

Barbers Buch ist ein Abgesang auf den Nationalstaat als politische Einheit. Denn der Staat definiert sich über seine Grenzen, soll heute aber weltumspannende Probleme lösen: die Steuerung von Flüchtlingsbewegungen zum Beispiel oder den Kampf gegen die Erderwärmung. Viele nationale Regierungen kapitulieren vor diesen Jahrhundertaufgaben. Staaten driften auseinander in der Migrationspolitik, in Wirtschafts- und Währungsfragen. Populistische Staatschefs greifen die liberale Weltgemeinschaft an, schüren Handelskonflikte, ziehen neue Grenzmauern hoch.

Geplant war es anders. Nach dem Zweiten Weltkrieg haben die Nationalstaaten viele Institutionen erschaffen, um grenzüberschreitende Probleme zu lösen: die Vereinten Nationen, die Welthandelsorganisation, die Weltbank, den Weltgerichtshof. Und die G20, jenes lockere Bündnis der führenden 20 Industrienationen, das sich Anfang Juli in Hamburg trifft. Nur stecken diese Institutionen heute in einer Krise des Wollens und Könnens.

Zeitgleich ist die Gegenbewegung zu beobachten: Je weiter sich Staaten voneinander entfernen, umso enger rücken nun Städte zusammen. Was sie eint, sind handfeste Nöte und Interessen. Wer glaubt, Deutschland oder die USA hätten ein Feinstaubproblem, litten an Wohnungsnot, kämpften mit wachsenden sozialen Spannungen, der irrt. Nicht die Länder haben diese Probleme – ihre Städte haben sie. Und diese sind es, die den Großteil der Flüchtlinge auf ihre Viertel verteilen und die Konflikte lösen müssen, die dabei entstehen. Da wundert es nicht, dass Berlin und New York sich in vielem näherstehen als Berlin und Brandenburg. Dass sich Danzig und Malmö ähnlicher sind als Polen und Schweden.

Also werden Städte gerade zum global vernetzten Experimentierfeld für pragmatische Politik, zur Brutstätte für Innovationen.

Am Rande der Konferenz, zu der Danzigs Bürgermeister Pawel Adamowicz seine Kollegen aus Europas Rathäusern geladen hat, steht Andreas Schönström, der Bürgermeister von Malmö, ein Sozialdemokrat mit strengem Seitenscheitel. Seine Stadt liegt direkt an der Öresundbrücke, über die monatelang jene Flüchtlinge kamen, die der Staat Dänemark nicht haben wollte – und nach Schweden eskortierte. "Eigentlich ist das Limit in meiner Stadt längst erreicht", erzählt der Bürgermeister. "Aber die Flüchtlinge sind nun mal da, ich kann doch nicht rumsitzen und nichts tun." Er muss ausbaden, was die Staatschefs nicht geregelt bekommen. Und zusehen, dass er die Menschen unterbringt. Die Wohnungen, die Malmö nun dringend braucht, die sollen die Flüchtlinge selbst bauen, schlägt er vor. So bekämen sie ein Zuhause – und einen Job.

Ob der Plan aufgeht? Er wisse es nicht, sagt er. Aber er wolle es zumindest versuchen. Später steht er auf der Bühne und ruft: "Lasst uns eine Rebellion starten!" Die anderen Bürgermeister und Stadträte klatschen.

Benjamin Barber ist vor wenigen Wochen gestorben, seine Beobachtungen aber sind aktueller denn je. "Lasst die Städte vollbringen, was die Staaten nicht vermögen", rief er den Bürgermeistern in seinem Buch zu. Nie sind seiner Idee mehr von ihnen gefolgt als heute. Wo die gemeinsamen Erfahrungen noch nicht reichten, um sich zusammenzuschließen, kommt nun der Turbo in die Vereinigungsbewegung der Metropolen: Donald Trump.