Müde
und einsam.
Müde,
bis der Verstand schmerzt.
Von den Klippen
rinnt Schmelzwasser.
Taub die Finger,
bebend die Knie.
Jetzt gilt es,
jetzt darfst du nicht loslassen.

Tagebucheintrag des UN-Generalsekretärs Dag Hammarskjöld, 6. Juli 1961

Die Akte, die jahrzehntelang niemand aus dem Regal genommen hat, ist schmal, nicht einmal fingerdick. Ein paar Bogen Papier. Die Blätter sind vergilbt, ihre Kanten stehen über den grauen Schutzdeckel hinaus. Um sie zu lesen, ist Hans Kristian Simensen von Schweden nach New York gereist, in die 42nd Street East, wo hinter einer Tür ohne Namensschild das Archiv der Vereinten Nationen liegt. Der Archivar hat die Akte vom Lager in den Leseraum getragen, reicht sie Simensen, der die Hand nach ihr ausstreckt, doch in diesem Moment zögert der Archivar.

Bisher hatte er schläfrig gewirkt. Jetzt aber ist er ganz wach. Er sieht auf den Aktendeckel. "Ich weiß nicht", sagt er. Für einen Augenblick halten beide Männer die Akte fest, der Archivar umgreift den oberen Rand, Simensen den unteren. "Es tut mir leid", sagt der Archivar. "Ich muss das klären. Die ist im Prinzip noch unter Verschluss."

Simensen lässt los. Durch eine Glasscheibe beobachtet er, wie der Archivar mit Kollegen diskutiert. Die Akte, die Simensen angefordert hat, trägt die Registriernummer S-0793-0017-18 und wurde im Jahr 1961 angelegt, vor fast sechs Jahrzehnten. "Munongo" ist mit feinem Bleistiftstrich auf den Aktendeckel geschrieben. Der Name eines vergessenen Innenministers eines vergessenen afrikanischen Staates, der einst Katanga hieß.

Und doch ist der Inhalt dieser Akte noch heute so brisant, dass sie bislang nicht an die Öffentlichkeit kommen durfte. Weil auch das längst Vergangene die Gegenwart verändern kann.

Sechs Jahre schon reist Hans Kristian Simensen, 55, durch die Archive der Welt, reist durch Schweden, Großbritannien und die Vereinigten Staaten, um eines der größten Rätsel der Nachkriegszeit zu lösen. Im September 1961 stürzte der UN-Generalsekretär Dag Hammarskjöld mit seinem Flugzeug auf dem Weg zu Friedensverhandlungen im Grenzgebiet zwischen dem Kongo und Nordrhodesien ab, dem heutigen Sambia. 16 Menschen kamen mit ihm ums Leben, sein Stab, die Leibwächter und die Crew. Er starb zu einem Zeitpunkt, als der Dritte Weltkrieg fast unausweichlich schien.

Es war das Jahr des Berliner Mauerbaus, die Kuba-Krise hatte schon begonnen. Auch im Kongo standen die Machtblöcke von Ost und West kurz vor der Kollision. Der junge Staat, gerade von Belgien unabhängig geworden, war in drei Teile zerfallen. Stammesführer verweigerten der Zentralregierung die Gefolgschaft, das Militär meuterte. Die Sowjetunion und der Westen versuchten, das Chaos jeweils für sich zu nutzen. Die UN waren der letzte Puffer zwischen ihnen.

Nach dem Absturz von Hammarskjölds Flugzeug kam eine nordrhodesische Untersuchungskommission zu dem Urteil, ein Pilotenfehler habe den Tod des Generalsekretärs verursacht. Mehr als fünf Jahrzehnte lang blieb der Fall Hammarskjöld offiziell geschlossen – bis Simensen und andere ihre Recherchen begannen.

Im Leseraum setzt sich Simensen zurück an seinen Arbeitstisch und wartet auf die Entscheidung. Der Direktor des Archivs ist zu der Aktenprüfung hinzugekommen; Simensen sieht, wie er sich über die geheimen Papiere beugt.

Der Norweger ist Teil einer Gruppe von Privatleuten, die in den vergangenen Jahren neue Zeugen befragt und alte Dokumente gesichtet haben. Anwälte gehören zu ihnen, ein schwedischer Bischof, eine britische Wissenschaftlerin. Sie gaben sich den Namen "Hammarskjöld Inquiry Trust". Henning Mankell, der Bestsellerautor, hat ihre Recherchen finanziert.

Die Rechercheure sind Gerüchten nachgegangen, die zunächst absurd klangen, nach wilder Verschwörungstheorie, die aber über all die Jahre nie verstummten. War der Absturz kein Unfall, sondern Mord? Haben westliche Geheimdienste den UN-Generalsekretär bei einem Anschlag umgebracht? Die Recherchen der Gruppe um Simensen waren so überzeugend, dass sich die UN-Vollversammlung am 29. Dezember 2014 für neue Untersuchungen aussprach. In dem großen Plenarsaal am East River hoben Delegierte aus 193 Ländern ihre Hand. Eine Kommission aus drei Experten wurde ernannt. Auch sie sprachen mit Zeugen, studierten Akten, doch auch sie konnten das Rätsel nicht lösen, und Simensen sucht weiter.