Müde
und einsam.
Müde,
bis der Verstand schmerzt.
Von den Klippen
rinnt Schmelzwasser.
Taub die Finger,
bebend die Knie.
Jetzt gilt es,
jetzt darfst du nicht loslassen.

Tagebucheintrag des UN-Generalsekretärs Dag Hammarskjöld, 6. Juli 1961

Die Akte, die jahrzehntelang niemand aus dem Regal genommen hat, ist schmal, nicht einmal fingerdick. Ein paar Bogen Papier. Die Blätter sind vergilbt, ihre Kanten stehen über den grauen Schutzdeckel hinaus. Um sie zu lesen, ist Hans Kristian Simensen von Schweden nach New York gereist, in die 42nd Street East, wo hinter einer Tür ohne Namensschild das Archiv der Vereinten Nationen liegt. Der Archivar hat die Akte vom Lager in den Leseraum getragen, reicht sie Simensen, der die Hand nach ihr ausstreckt, doch in diesem Moment zögert der Archivar.

Bisher hatte er schläfrig gewirkt. Jetzt aber ist er ganz wach. Er sieht auf den Aktendeckel. "Ich weiß nicht", sagt er. Für einen Augenblick halten beide Männer die Akte fest, der Archivar umgreift den oberen Rand, Simensen den unteren. "Es tut mir leid", sagt der Archivar. "Ich muss das klären. Die ist im Prinzip noch unter Verschluss."

Simensen lässt los. Durch eine Glasscheibe beobachtet er, wie der Archivar mit Kollegen diskutiert. Die Akte, die Simensen angefordert hat, trägt die Registriernummer S-0793-0017-18 und wurde im Jahr 1961 angelegt, vor fast sechs Jahrzehnten. "Munongo" ist mit feinem Bleistiftstrich auf den Aktendeckel geschrieben. Der Name eines vergessenen Innenministers eines vergessenen afrikanischen Staates, der einst Katanga hieß.

Und doch ist der Inhalt dieser Akte noch heute so brisant, dass sie bislang nicht an die Öffentlichkeit kommen durfte. Weil auch das längst Vergangene die Gegenwart verändern kann.

Sechs Jahre schon reist Hans Kristian Simensen, 55, durch die Archive der Welt, reist durch Schweden, Großbritannien und die Vereinigten Staaten, um eines der größten Rätsel der Nachkriegszeit zu lösen. Im September 1961 stürzte der UN-Generalsekretär Dag Hammarskjöld mit seinem Flugzeug auf dem Weg zu Friedensverhandlungen im Grenzgebiet zwischen dem Kongo und Nordrhodesien ab, dem heutigen Sambia. 16 Menschen kamen mit ihm ums Leben, sein Stab, die Leibwächter und die Crew. Er starb zu einem Zeitpunkt, als der Dritte Weltkrieg fast unausweichlich schien.

Es war das Jahr des Berliner Mauerbaus, die Kuba-Krise hatte schon begonnen. Auch im Kongo standen die Machtblöcke von Ost und West kurz vor der Kollision. Der junge Staat, gerade von Belgien unabhängig geworden, war in drei Teile zerfallen. Stammesführer verweigerten der Zentralregierung die Gefolgschaft, das Militär meuterte. Die Sowjetunion und der Westen versuchten, das Chaos jeweils für sich zu nutzen. Die UN waren der letzte Puffer zwischen ihnen.

Nach dem Absturz von Hammarskjölds Flugzeug kam eine nordrhodesische Untersuchungskommission zu dem Urteil, ein Pilotenfehler habe den Tod des Generalsekretärs verursacht. Mehr als fünf Jahrzehnte lang blieb der Fall Hammarskjöld offiziell geschlossen – bis Simensen und andere ihre Recherchen begannen.

Im Leseraum setzt sich Simensen zurück an seinen Arbeitstisch und wartet auf die Entscheidung. Der Direktor des Archivs ist zu der Aktenprüfung hinzugekommen; Simensen sieht, wie er sich über die geheimen Papiere beugt.

Der Norweger ist Teil einer Gruppe von Privatleuten, die in den vergangenen Jahren neue Zeugen befragt und alte Dokumente gesichtet haben. Anwälte gehören zu ihnen, ein schwedischer Bischof, eine britische Wissenschaftlerin. Sie gaben sich den Namen "Hammarskjöld Inquiry Trust". Henning Mankell, der Bestsellerautor, hat ihre Recherchen finanziert.

Die Rechercheure sind Gerüchten nachgegangen, die zunächst absurd klangen, nach wilder Verschwörungstheorie, die aber über all die Jahre nie verstummten. War der Absturz kein Unfall, sondern Mord? Haben westliche Geheimdienste den UN-Generalsekretär bei einem Anschlag umgebracht? Die Recherchen der Gruppe um Simensen waren so überzeugend, dass sich die UN-Vollversammlung am 29. Dezember 2014 für neue Untersuchungen aussprach. In dem großen Plenarsaal am East River hoben Delegierte aus 193 Ländern ihre Hand. Eine Kommission aus drei Experten wurde ernannt. Auch sie sprachen mit Zeugen, studierten Akten, doch auch sie konnten das Rätsel nicht lösen, und Simensen sucht weiter.

Der Erfinder der Blauhelme

Er ist der unwahrscheinlichste aller Jäger, scheu, unsicher in fast allem, ein vom Leben Gezeichneter, von vielen Ängsten geprägt. Simensen hat ein Geschichtsstudium abgebrochen, hat Musik komponiert, am Flughafen Göteborg in Schweden bei der Bodenkontrolle gearbeitet. Er leidet, zehn Jahre danach, noch immer unter der Scheidung seiner Ehe. Er meditiert viel, fühlt sich ohne Wurzeln, sowohl in Oslo, wo er geboren wurde, als auch in Göteborg, wo er lebt.

Und doch braucht die Jagd nach der Wahrheit vielleicht gerade jemanden wie Simensen, der in seiner Sturheit beharrlich und unerschrocken ist. Sein Vater hat damals bei den UN im Kongo gearbeitet. Das Land war das Hintergrundrauschen von Simensens Kindheit. Der Kongo hat ihn nie wieder losgelassen. Für ihn ist die Suche nach den Absturzursachen eine Suche, in der er, seltsam genug, am Ende vielleicht sich selbst findet. Seinen Halt.

Während sich die Mitarbeiter des UN-Archivs weiter beraten, schlägt Simensen eine andere, erst seit wenigen Wochen freigegebene Akte auf. Behutsam durchblättert er dünnes Durchschlagpapier, es knistert leise, Telegramme der UN-Mission im Kongo an das Hauptquartier in New York. Sie tragen das Datum jenes Tages im Herbst 1961, an dem Dag Hammarskjöld zu seinem letzten Flug aufbrach, des Tages, den Simensen seit Jahren immer und immer wieder durchlebt.

17. September 1961, gegen 16.30 Uhr: Blaustichig und verwackelt ist der Film, der den Abflug Hammarskjölds zeigt. Die Aufnahme eines UN-Mitarbeiters. Das Vorfeld des Flughafens der kongolesischen Hauptstadt Léopoldville, die heute Kinshasa heißt. Hammarskjöld wird in einem Mercedes mit UN-Wimpel vorgefahren, steigt aus, es ist erstickend heiß, auf der Fahrt aus der Stadt hat er alle Fenster herunterkurbeln lassen. Er schüttelt Hände, trägt einen weißen Anzug. Niemand im UN-Hauptquartier am East River in New York hat damals einen so guten Schneider wie Hammarskjöld. Der ewige Junggeselle. Lange musste er gegen Gerüchte ankämpfen, er sei homosexuell. Hammarskjöld läuft zum Flugzeug, der Albertina, einer viermotorigen DC-6. Der Film zeigt ihn jetzt in Großaufnahme. Hammarskjöld hat die Sonnenbrille abgenommen, er sieht müde aus. Seit drei Tagen ist er im Kongo, und er hat kaum geschlafen.

Die Kongo-Krise 1961

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In den zurückliegenden sechs Amtsjahren ist ihm das fast Unmögliche gelungen. Auf dem Höhepunkt des Kalten Krieges schaffte er es, die Vereinten Nationen neben den beiden Supermächten als dritte Kraft zu etablieren. Er sprach sich öffentlich gegen einen vom amerikanischen Geheimdienst CIA unterstützten Putsch in Guatemala aus und überzeugte die Sowjetunion, nach mehrjährigem Boykott wieder an UN-Sitzungen teilzunehmen.

Der introvertierte Schwede, aus einem alten Adelsgeschlecht stammend, der privat Menschen eher mied, kaum echte Freunde hatte, am liebsten viele Wochen alleine durch Lappland wanderte, galt auf der diplomatischen Bühne als Verhandlungsgenie. In Gesprächen mit der chinesischen Führung in Peking erreichte er die Freilassung gefangener US-Soldaten. Bei Treffen mit Vertretern Israels und Ägyptens gelang es ihm, die Sueskrise zu entschärfen. Es war seine Diplomatie, die es dem amerikanischen Präsidenten Dwight D. Eisenhower 1958 ermöglichte, im Libanon eingeschlossene Marines abzuziehen. Er war der Erfinder der UN-Friedenstruppen, der Blauhelme. Kein UN-Generalsekretär nach ihm entwickelte je wieder einen solchen Einfluss.

Hammarskjöld glaubte an das Wunder der Vereinten Nationen, denen es gelingt, Völker zu versöhnen und unter einer Weltregierung zu vereinen. Zwei große Kriege hatten in den Jahrzehnten zuvor die Menschheit zerrissen. Die UN, hoffte Hammarskjöld, würden die Konflikte der Erde friedlich lösen können. Doch im Labyrinth des Kongo drohte er zu scheitern.

Nur wenige Wochen nachdem Belgien das Land in die Unabhängigkeit entlassen hatte, spaltete sich die südlichste Provinz ab, Katanga. Belgische Truppen und weiße Söldner stützten dort das Regime des ehemaligen Geschäftsmannes Moïse Tschombé. Katanga war für den Westen wegen seiner Rohstoffe von enormem Interesse. 80 Prozent des Urans, das die USA damals für ihre Atombomben nutzten, kamen aus Katanga. Die Bergwerke betrieb das belgisch-britische Unternehmen Union Minière. Die Zentralregierung des Kongo drohte, Katanga zurückzuerobern, zur Not mit Unterstützung der Sowjetunion. Moskau entsandte Hunderte "technische" Berater.

Die UN intervenierten, um das Schlimmste zu verhindern. Binnen 48 Stunden hatte Hammarskjöld eine 17.000 Mann starke Blauhelm-Truppe aufgestellt. Einheiten aus Irland, Indien und Malaysia sollten die Söldner zwingen, Katanga zu verlassen. Doch die Kämpfer, bezahlt von Tschombé und den Minenbesitzern, wehrten sich. Die Blauhelme umzingelten den Präsidentenpalast Katangas, lieferten sich Schlachten um die Flughäfen und Radiostationen, wurden aus der Luft bombardiert und schließlich am Boden von den Söldnern zurückgedrängt. So wurden die UN-Soldaten, die gekommen waren, um Frieden zu stiften, selbst in einen Krieg verwickelt.

Kurz vor dem Abflug liest Hammarskjöld noch ein Telex, so ist es in dem Amateurfilm zu sehen. Im Stehen zieht er den langen Papierstreifen durch die Hände. Letzte Meldungen aus Katanga. Die UN-Truppen sind an vielen Orten kurz davor, sich zu ergeben.

Hammarskjöld will an diesem Abend mit Katangas selbst ernanntem Präsidenten Moïse Tschombé über einen Waffenstillstand verhandeln. Der Gesprächsort: die Stadt Ndola, rund 1.700 Kilometer entfernt, im britisch kontrollierten Nordrhodesien, knapp hinter Katangas Grenze. Dort soll er Tschombé treffen. Hammarskjöld winkt auf der Rolltreppe noch einmal, fährt sich durchs Haar, dann steigt er in die Maschine. Er nimmt wie immer ganz hinten Platz, mit einigen Sitzreihen Abstand zu seinen Beratern.

Ein Foto des toten Hammarskjöld

"Ich kann Ihnen die Akte leider nicht geben." Im Leseraum der UN ist der Archivdirektor an Simensens Tisch getreten. "Ich habe mir die Akte durchgesehen, es geht nicht."

"Warum nicht?", fragt Simensen.

Die zwei Männer stehen sich gegenüber, beide angespannt. "Ich dachte, alle Dokumente zu Hammarskjöld sind freigegeben", sagt Simensen. Ban Ki Moon, bis vor Kurzem Generalsekretär, habe das doch öffentlich erklärt. Simensen schaut verständnislos. Er recherchiert einen potenziellen Mordfall. Munongo, um dessen Akte es geht, der Innenminister Katangas, war ein Gegner Hammarskjölds, er ist einer der Hauptverdächtigen.

Der Direktor entschuldigt sich noch einmal. In der Akte seien viele Papiere mit dem Vermerk "Top Secret". Er rät Simensen, einen offiziellen Antrag zu stellen, in dem er begründet, warum die Akte freigegeben werden sollte. Die Prüfung dieses Antrags könne allerdings dauern. Das Archiv sende ihn weiter an die Abteilung, in der die Akte einst erstellt worden sei, auch die Rechtsabteilung müsse konsultiert werden – Jahre könnten vergehen. Man merkt es dem Direktor an, er würde gerne helfen, darf aber nicht.

Simensen ist der Letzte der Recherchegruppe, der noch nicht aufgegeben hat. Die anderen sind müde geworden. Seine Wohnung in Göteborg verwandelte sich im Laufe der Jahre zu einem Hammarskjöld-Archiv. Bücher über den Generalsekretär füllen die Regale, in seinem Computer ist die vermutlich weltweit größte Datensammlung zum Fall gespeichert.

Eine Woche lang ist er nun in New York, um Dokumente zu prüfen, die in den vergangenen Monaten freigegeben wurden. In eine Haltevorrichtung auf seinem Lesetisch hat er seine Kamera eingespannt. Er liest die Papiere kurz an, fotografiert sie und liest sie zu Hause dann ausführlich. So entstehen Hunderte Fotos an einem Tag. Eine Geduldsarbeit, bei der es wenig Erfolg gibt und viel Ernüchterung.

Röntgenbilder der Toten liegen jetzt vor ihm, von den UN im vergangenen Jahr freigegeben. "Die kannte ich noch nicht", sagt Simensen. Sie zeigen Oberschenkel und Brustkörbe, in die Gewehrkugeln eingedrungen sind.

Ein Foto des toten Hammarskjöld. Seine Leiche ist als einzige fast unversehrt, der Anzug, den er beim Abflug trug, ist noch weiß. Ein paar Meter vom Flugzeugwrack entfernt lehnt er mit dem Rücken gegen einen Termitenhügel. Im Kragen seines Anzugs steckt eine Spielkarte, auch in seiner linken Hand. Zwei Pik-Asse, Symbole des Todes. Jemand muss sie dort nachträglich deponiert haben.

17. September 1961, im Tower des Flughafens von Ndola. Später Abend. Während Hammarskjöld in der Albertina auf 5.000 Meter Höhe unterwegs ist, wartet der britische Hochkommissar am Verhandlungsort auf ihn. So wird er es wenige Jahre später in seinen Memoiren erzählen. Lord Cuthbert James McCall Alport, damals 49 Jahre alt, früh ergraut, galt in den fünfziger Jahren als Nachwuchshoffnung der britischen Konservativen, doch höhere Ämter blieben ihm verwehrt.

Die Verhandlungen sollen im Büro des Flughafen-Direktors von Ndola stattfinden, so hat es Alport arrangiert. Aus Sicherheitsgründen soll Hammarskjöld das Gelände nicht verlassen. Die weißen Siedler Nordrhodesiens verabscheuen die Vereinten Nationen, sie werfen Hammarskjöld Verrat an der weißen Rasse vor. Alport lässt zwei Panzerwagen der Polizei auffahren, damit niemand von draußen durch die Fenster schauen kann. Er bereitet persönlich den Tisch für die beiden Delegationen vor, stellt die Stühle auf, rückt sie zurecht, sodass jede Seite auf exakt gleicher Höhe sitzt, verteilt Bleistifte und Papier.

Bereits am Vortag hat Alport einen Mitarbeiter nach Katanga geschickt, um den Rebellenführer Moïse Tschombé nach Ndola zu bringen. Am Nachmittag sind sie in Ndola gelandet. Als Tschombé erfuhr, dass Hammarskjöld noch nicht angekommen war, wurde er ungehalten. Alport brachte ihn und seine Begleiter in einem Nebengebäude unter. Was Alport in seinen Memoiren nicht erwähnt: Sein "Mitarbeiter" war in Wahrheit ein Agent des MI6, des britischen Auslandsgeheimdienstes. So steht es in einem Schreiben, das die Gruppe um Simensen im Nachlass Alports an der Universität Essex fand. Was er ebenfalls verschweigt: Mit ihm wartet ein amerikanischer Luftwaffen-Attaché im Tower. Auf dem Rollfeld stehen zwei amerikanische Militärflugzeuge, ausgestattet mit modernsten Kommunikationsgeräten. Vermutlich sollen sie den Funkverkehr in der Umgebung abhören.

Bis heute weigert sich die britische Regierung, die Archive des MI6 für die Aufklärung des Falles zu öffnen. Großbritannien hält seine Geheimdienstakten generell unter Verschluss, gleichgültig, wie lange die Ereignisse zurückliegen. Nur wenige Länder auf der Welt sind derart restriktiv. In den USA gilt eine Sperrfrist von 50 Jahren, in besonderen Fällen bis zu 75 Jahren. Bis heute erklärt die US-Regierung zum Hammarskjöld-Fall, sie verfüge über keine relevanten Aufnahmen oder Abschriften, was sehr unwahrscheinlich ist.

Vermutete Flugroute der "Albertina"

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Hammarskjölds DC-6 wird von Per Hallonquist geflogen, dem 35-jährigen Chefpiloten der schwedischen Charter-Airline Transair. Allen ist klar, dass der Flug gefährlich wird. Erst am Morgen ist die Albertina über Katanga beschossen worden. Hallonquist unternimmt alles, um die Route zu verschleiern. Vor dem Start gibt er am Tower in Léopoldville einen Flugplan mit falschem Ziel ab, verzichtet während des Fluges auf Funksprüche. Ein zusätzlicher Funkoffizier an Bord soll im Notfall auf Schwedisch morsen, weil das in Katanga niemand versteht.

Der "Lone Ranger"

Alle in der Maschinen wissen um den Kampfpiloten, "Lone Ranger" genannt, der einsame Jäger, ein belgischer Söldner, der seit Wochen die UN-Truppen aus der Luft attackiert. Er fliegt einen zweistrahligen Düsenjet und ist Teil der Luftwaffe Katangas. Sie ist klein, besteht nur aus einem halben Dutzend Maschinen, ist aber bislang die einzige Luftstreitmacht im Kongo.

Hammarskjöld hat deshalb Tage zuvor Kampfjets aus Äthiopien angefordert, um seine Reise nach Ndola abzusichern. Die britische Regierung hätte nun die Überflugrechte für Kenia erteilen müssen, was sie aber verweigerte. Stattdessen, so das Versprechen, werde sie dafür sorgen, dass der Belgier am Boden bleibt. Tatsächlich bombt er an diesem 17. September so heftig wie nie zuvor. Der "Lone Ranger" attackiert Transportflugzeuge der Vereinten Nationen und die Stellungen der Friedenstruppen.

Das gläserne UN-Hochhaus in New York sieht im Jahr 2017 auf befremdliche Art exakt so aus wie auf den Fotografien aus dem Jahr 1961. Es ist nicht mehr das höchste Gebäude am East River, das ist jetzt einer der Trump-Türme, aber wie damals leuchtet die grüne Glasfassade in die Stadt hinein. Besuchergruppen aus aller Welt gehen durch das Viertel und stoßen an vielen Ecken auf die Erinnerung an Dag Hammarskjöld. Nicht alle wissen wohl, wer er war, und doch laufen sie hier über einen Platz, der nach ihm benannt wurde, queren eine Straße, die seinen Namen trägt, sehen die Dag-Hammarskjöld-Bibliothek, passieren ein Bürogebäude, auf dem in Goldbuchstaben "Dag Hammarskjöld" steht, ein Café, das schlicht "Dag" heißt.

Im UN-Hochhaus befindet sich das Büro des Generalsekretärs heute wie damals in der 38. Etage. "Es ist eine große Schande, wie die Vereinten Nationen mit seinem Tod umgegangen sind", sagt ein hochrangiger UN-Mitarbeiter, der darum bittet, ihn anonym zu zitieren.

Niemand hier glaubt noch an einen Pilotenfehler. Doch hinter den Kulissen hätten Großbritannien, die USA und Belgien gegen die Wiederaufnahme offizieller Ermittlungen votiert, klagt ein weiterer UN-Mitarbeiter: "Wir hoffen, dass der neue Generalsekretär António Guterres mehr Druck macht." Dem Koreaner Ban Ki Moon, der bis Ende 2016 die UN geführt hat, habe es in seiner Amtszeit am nötigen Mut gefehlt.

Die UN-Verwaltung in New York ist in sich gespalten. Die einen in der Zentrale drängen auf aggressivere Aufklärung und stärkeren öffentlichen Druck auf die Mitgliedstaaten. "Wie können wir noch Loyalität von unseren Mitarbeitern erwarten", klagt ein Abteilungsleiter, "wenn uns egal ist, wer unseren Generalsekretär umgebracht hat?"

Das andere Lager mahnt zu Zurückhaltung. Es gibt Karrieristen, die Konflikte mit wichtigen Mitgliedstaaten vermeiden wollen und deshalb kein großes Interesse haben, die wahre Absturzursache zu ermitteln. Die UN, heißt es oft, sind nur so stark, wie ihre Mitgliedstaaten es ihr erlauben. Viele Mitarbeiter der Vereinten Nationen fühlen sich ihren Herkunftsländern stärker verpflichtet als dem Staatenbund. Sie wachen über die eigenen nationalen Interessen – und über die Geheimnisse im UN-Archiv.

Simensen sitzt den fünften Tag in Folge im Archiv, studiert Flugpläne, lässt sich die Akte mit den Verträgen zwischen Charterlinien und der UN-Mission im Kongo zeigen, bekommt nur einen kleinen Teil davon zu sehen, weil der Archivar zwar die ganze Akte bringt, die meisten Dokumente aber herausnimmt. Sie sind weiterhin als Geheimsache deklariert. Hilflos muss Simensen mitansehen, wie ihm wichtige Antworten vorenthalten werden. Mit dem kläglichen Rest an Dokumenten geht er wieder an seinen Tisch und fotografiert das Verbliebene.

18. September 1961, 0.10 Uhr, im Büro des Flughafen-Direktors von Ndola. Der britische Hochkommissar Lord Alport hat am immer noch leeren Konferenztisch Platz genommen und wartet weiter. Endlich meldet der Tower, es gebe Funkkontakt zur Albertina. Per Hallonquist, der Pilot, bittet um Landeerlaubnis. Der Lotse weist ihn an, auf 1.800 Meter zu sinken. Hallonquist meldet, er sehe unter sich die Flughafen-Beleuchtung.

Aus nie geklärten Gründen gibt es keine Tonbandaufzeichnungen dieses Funkverkehrs. Die Polizisten, die den Flughafen bewachen, sehen über sich die DC-6. Ihre Signallichter sind aktiviert, das Cockpit ist erleuchtet. Die Maschine überfliegt den Flugplatz von Osten nach Westen, zieht für die Landung eine letzte Schleife – und bleibt verschwunden.

0.20 Uhr. Lord Alport wird vom Tower informiert, der Funkkontakt sei abgerissen. Er wartet weitere drei Stunden, dann beschließt er, schlafen zu gehen. Im Flughafenbüro gibt es nur harte Holzstühle, also läuft er über das Vorfeld, wo die Maschine steht, mit der er gekommen war, er steigt die Treppe hinauf, zieht Jackett und Krawatte aus und legt sich auf die Sitze.

Dem Flughafen-Direktor und dem Lotsen hatte Alport zuvor erklärt, er glaube, Hammarskjöld habe sich kurzfristig dazu entschieden, die Verhandlungen platzen zu lassen, und einen anderen Ort angesteuert. Diese Aussage wird dazu führen, dass niemand nach der Albertina sucht, niemand von ihrem Verschwinden alarmiert ist, selbst dann nicht, als Polizisten dem Flughafen-Direktor berichten, sie hätten einen seltsamen hellen Blitz am Horizont gesehen.

Erst nach 15 Stunden wird das Wrack gefunden. Es befindet sich nur 15 Kilometer vom Flughafen entfernt.

Auf wessen Seite standen die USA?

Simensen gibt auf, für dieses Mal. Er wird in New York die Wahrheit nicht finden. Nach einer Woche hinterlässt er im UN-Archiv eine Liste mit den Akten, deren Freigabe er beantragt. "Ich bin hochzufrieden", sagt er trotzdem. Er hat 1.401 Dokumente fotografiert, zu Hause in Göteborg will er sie auswerten. Simensen kann nun immerhin nachweisen, dass damals auch die USA darauf hinwirkten, dass Hammarskjöld keine Jets aus Äthiopien zum Schutz gegen den "Lone Ranger" bekam. Er hat Telegramme gesehen, mit denen die belgischen Minenbetreiber die UN unter Druck setzten: Die US-Industrie verlange "dringend" nach ihrem Kobalt.

Offiziell unterstützten die USA unter Präsident John F. Kennedy Hammarskjölds Mission im Kongo. Die CIA half zeitgleich allerdings den abtrünnigen Rebellen in Katanga. Nach dem Besuch in New York fragt sich Simensen mehr denn je: Auf wessen Seite standen die USA damals wirklich?

18. September 1961, 0.20 Uhr, außerhalb von Ndola, das "Waldschutzgebiet West". Eine Gruppe Köhler verbringt die Nacht im Busch, nah an ihren Meilern. Gegen Mitternacht sehen viele von ihnen, wie ein kleines Flugzeug ein größeres verfolgt, in niedriger Höhe. Einige beobachten, wie das kleinere über dem größeren fliegt. Das obere leuchtet mit einem Lichtstrahl auf das untere Flugzeug. Sie hören Schüsse und sehen, wie im größeren Flugzeug ein Feuer ausbricht. "Ich lag auf dem Boden und hörte den Lärm zweier Flugzeuge", gibt der Köhler Farie Mazabisa später vor der rhodesischen Untersuchungskommission zu Protokoll.

Kommission: Konnten Sie die Flugzeuge deutlich sehen?

Mazabisa: Ja, ich konnte die Lichter sehen.

Kommission: Wie viele Lichter?

Mazabisa: Ich habe nicht darauf geachtet. Ich hab bloß hochgeguckt, und da waren zwei Flugzeuge. Und das eine war höher und war über dem anderen. So flogen sie über mich hinweg. Dann hab ich mich wieder hingelegt.

Kommission: Erinnern Sie sich, was für eine Art von Lichtern Sie gesehen haben?

Mazabisa: Sie waren blau, weißlich, blau-weiß-rot.

Kommission: Blau-weiß-rot. Blinkten die Lichter?

Mazabisa: Einige blinkten, andere blinkten nicht.

Kommission: Welche blinkten?

Mazabisa: Das weiß ich nicht mehr.

Kommission: Aber Sie erinnern sich, dass einige von ihnen blinkten?

Mazabisa: Ja, das tue ich. Nach einigen Minuten hörte ich eine mächtige Explosion, bang, und ich bin aufgestanden und sah ein sehr großes Licht. Weil die Explosion sehr nah war und ich Angst bekam, nahm ich mein Fahrrad und fuhr weg.

Ein anderer Köhler wird später gegenüber der Kommission aussagen, er habe kurz nach der Explosion zwei Jeeps zur Absturzstelle fahren sehen, mit vier Weißen. Das Wrack habe zu diesem Zeitpunkt nur leicht gebrannt. Erst als die Jeeps die Absturzstelle wieder verlassen hätten, sei das starke Feuer ausgebrochen. Diese Beobachtung könnte erklären, warum vier der 15 Toten Schusswunden aufweisen. Womöglich wurde auf die Männer noch nach dem Absturz geschossen. Auch die seltsame Tatsache, dass manche halb verbrannt waren, während Hammarskjölds Leichnam fast unversehrt abseits des Flugzeugs lag, ergäbe dadurch Sinn. Gegen neun Uhr am Morgen nach dem Absturz geht einer der Anführer der Köhler zum örtlichen Polizeiposten und berichtet von den Ereignissen der Nacht. Es ist ein Schritt, der Mut erfordert. Die Polizisten sind Weiße, die Köhler haben Angst. Seit Monaten verfolgt das weiße Apartheid-Regime in Nordrhodesien die schwarzen Protestbewegungen.

Die Polizisten nehmen die Aussage zur Kenntnis, machen aber keine Anstalten, die Männer ausführlicher zu befragen. Und die Mitglieder der rhodesischen Untersuchungskommission, die Wochen später doch noch Gespräche mit den Männern führen, nehmen diese nicht ernst. Über die Aussage des Köhlers Farie Mazabisa heißt es im Abschlussbericht der Kommission: "in sich widersprüchlich" und "unzuverlässig".

Die Köhler sagen damals auch, sie hätten erst am Nachmittag nach dem Absturz Polizisten und Feuerwehrmänner zur Absturzstelle fahren sehen. Am Wrack des Flugzeugs finden die Suchmannschaften einen Überlebenden, den amerikanischen Personenschützer Harold Julien, von schweren Verbrennungen gezeichnet. Ein Polizeiinspektor namens Allen befragt ihn.

Allen: Das letzte Mal, als wir von euch gehört haben, befandet ihr euch über dem Flughafen. Was ist passiert?

Julien: Es ist explodiert.

Allen: War das über der Landebahn?

Julien: Ja.

Allen: Was ist dann passiert?

Julien: Da war eine große Beschleunigung. Große Beschleunigung.

Allen: Und dann?

Julien: Dann stürzten wir ab.

Allen: Was passierte dann?

Julien: Da waren viele kleine Explosionen um uns herum.

Allen: Wie bist du rausgekommen?

Julien: Ich hab den Hebel des Notausstiegs gezogen und bin rausgelaufen.

Allen: Und die anderen?

Julien: Sie waren in der Falle.

Julien wird ins Krankenhaus von Ndola gebracht und spricht auch an den folgenden Tagen immer wieder von Explosionen in der Luft. Die nordrhodesische Untersuchungskommission wird später behaupten, Julien habe deliriert. Sein behandelnder Arzt widerspricht dem öffentlich. Fünf Tage nach dem Absturz stirbt Julien überraschend an Nierenversagen.

Simensen hat eine neue Spur. Wieder verschließt er seine Wohnung in Göteborg und setzt sich ins Flugzeug. Die Geschichte des 17. September 1961 ist verwirrend, sie besteht aus vielen Hauptsträngen und noch mehr Nebensträngen, aber, sagt Simensen, es gebe einen Ort, wo sie alle zusammenlaufen: London.

War Ndola eine Falle?

Ließen die Briten die Albertina abschießen, um ihre wirtschaftlichen Interessen in Afrika zu schützen? Nahmen sie Rache für den Sueskanal? Hammarskjöld hatte verhindert, dass die Briten 1956, in der Ägypten-Krise, den Sueskanal besetzten – und damit das Ende des Empire besiegelt. Simensen will in London Hinweisen nachgehen, wonach es die Briten waren, die Hammarskjöld das Treffen mit Tschombé an der Grenze vorschlugen. War Ndola eine Falle?

"Ich glaube nichts, solange ich keinen Beleg dafür gefunden habe", sagt Simensen, der sich nicht zu Verschwörungstheorien hinreißen lassen will.

Wie ein graues Schlachtschiff ragt der wuchtige Betonbau der National Archives aus dem Londoner Vorstadtidyll. Jeden Morgen pilgern Studenten und Doktoranden in das Gebäude. Simensen kommt seit Jahren regelmäßig hierher. Ständig gibt das Archiv neue Dokumente frei. Bei einigen läuft die Geheimhaltung nach 30 Jahren ab, bei anderen nach 55 Jahren. In London wie in New York übernachtet Simensen bei Freunden. Auch hier spannt er jeden Morgen seine Kamera in die Haltevorrichtung ein – und ärgert sich jeden Nachmittag, dass er wieder zu wenig Batterien mitgenommen hat.

"Ah!", zuckt er beim ersten Foto zusammen. "Das Klicken des Verschlusses wird immer lauter. Hoffentlich stört sich niemand daran." Über Stunden fotografiert er stoisch Akten des Außenministeriums. FCO 141/6727, FCO 141/6728, FCO 141/6729, FCO 141/6730.

17. September 1961, gegen 21 Uhr, Zypern, der Stadtrand von Nikosia, ein Gebäudekomplex mit einem Antennenfeld davor. Die Abhörstation der National Security Agency (NSA). Seit einigen Monaten arbeitet der 27-jährige Amerikaner Charles Southall hier als Dechiffrier-Experte. Er hat an diesem Abend frei, erhält aber einen Anruf eines Nachrichtenoffiziers: "Komm rüber heute Nacht! Wir erwarten etwas Interessantes!"

Zurück in der Abhörzentrale, versammelt sich Southall mit einigen Offizieren um den Lautsprecher. So wird er es später, nach seinem Ausscheiden bei der NSA, mehrfach öffentlich erzählen. Die Männer warten. Dann, gegen Mitternacht, plötzlich Geräusche. Sie hören die Aufzeichnung einer Außenstation aus Afrika. Im Hintergrund rauscht ein Düsentriebwerk, ein Mann, vielleicht der Pilot: "Ich sehe ein Transportflugzeug. Es ist im Sinkflug. Seine Lichter sind alle an. Ich werde runtergehen und es anfliegen."

Das müsse der "Lone Ranger" sein, sagt ein Nachrichtenoffizier. "Wir kennen ihn! Er wird wahrscheinlich auf Hammarskjölds Flugzeug warten." Southall hat schon häufiger vom "Lone Ranger" gehört. Einmal hat er eine Akte über ihn gesehen mit dem Kürzel L.R. Nach einer Weile meldet sich wieder die Stimme des Piloten: "Ja, es ist die Transair DC-6. Es ist das Flugzeug." Die Offiziere im Abhörzentrum hören das Feuer von Bordkanonen und erneut die Stimme: "Ich habe es getroffen! Da sind Flammen! Es geht runter! Es stürzt ab!"

Charles Southall ist im vergangenen Jahr gestorben. Nach seinem Ausscheiden aus dem aktiven Dienst hatte er immer wieder Nachforschungen angestellt, hatte vergeblich an die NSA appelliert, die Tonbandaufzeichnungen von damals freizugeben. Die Gruppe der Hammarskjöld-Rechercheure hat ihn getroffen, jahrelang hat er sie unterstützt.

Trotzdem bleiben Zweifel. Der "Lone Ranger" genannte belgische Söldner hätte vermutlich auf Französisch gefunkt. Southall, der neben Englisch auch Französisch beherrschte, aber war sich nie sicher, welche Sprache der Pilot sprach. War es womöglich ein anderer Flieger?

Es gibt in dieser Geschichte viele offene Enden. Es gibt die Aussage eines schwedischen Fluglehrers, der im September 1961 in Äthiopien stationiert war und einen Fetzen Funkverkehr des Towers von Ndola mitgehört haben will. Auch in seiner Version gibt es ein zweites Flugzeug, das die Albertina verfolgt.

Ein zweiter amerikanischer NSA-Spezialist, im Jahr 1961 nicht wie Southall auf Zypern stationiert, sondern auf Kreta, will gehört haben, wie die Albertina beim Landeanflug von einem US-Kommando vom Boden aus beschossen wurde.

In den siebziger Jahren offenbarte sich ein belgischer Söldner, der sich Beukels nannte, einem früheren französischen UN-Botschafter. Er sei der "Lone Ranger" gewesen und habe Hammarskjöld abgeschossen. Aber versehentlich. Der Plan sei gewesen, das Flugzeug abzudrängen und den Generalsekretär zu entführen.

Im Februar 2017 ernennt der UN-Generalsekretär António Guterres eine Art Sonderermittler, der den Hinweisen, dass Hammarskjöld ermordet wurde, nachgehen soll. Es ist ein pensionierter Richter aus Tansania. Er bekommt von den UN ein Budget von 300.000 Dollar. Es ist nicht klar, was er genau tut. Er scheut die Presse und scheint wenig geeignet, um in den Machtzentralen der USA und Großbritanniens politischen Druck auszuüben. Im September soll er seinen Bericht vorlegen.

In London packt Simensen nach einer Woche seine Kamera wieder ein. 865 Fotos wird er mit nach Göteborg nehmen. Es waren keine aufregenden Entdeckungen dabei, aber viele neue Details, die Lücken in seiner Dokumentensammlung füllen. In einigen Monaten wird er zurückkommen. Dann werden neue Akten freigegeben sein. Simensen setzt auf die Unvollkommenheit des Systems. Irgendwann, da ist er sicher, wird einem Archivar ein Fehler unterlaufen und ihm das entscheidende brisante Dokument in den falschen Ordner rutschen.

Oft fragt er sich, was mit der Weltorganisation geschähe, wenn er beweisen könnte, dass die USA oder Großbritannien den Generalsekretär ermorden ließen. Wäre es das Ende der UN? Würden sie im Streit der Mitgliedstaaten vollends auseinanderfallen? Oder würde der Tod Hammarskjölds nach all den Jahren dazu beitragen, dass sie neu erstünden? Weil sie in den Zeiten von Trump und Putin die einzige Chance sind, die Welt vor einer weiteren Katastrophe zu bewahren?

1963 wurde die abtrünnige Provinz Katanga wieder an den Kongo angeschlossen. Die Minen allerdings verblieben im Besitz der Westmächte, bis heute.

Hammarskjölds Nachfolger als UN-Generalsekretär wurde der birmanische Diplomat Sithu U Thant. Ihm gelang es nicht, dem Bedeutungsverlust der UN aufzuhalten.

Dag Hammarskjöld bekam nachträglich den Friedensnobelpreis zugesprochen. Für die Familie des Piloten, der die Albertina steuerte, blieb dagegen nur die Schande. Denn die offizielle Erklärung, bis heute, lautet, Per Hallonquist habe den Absturz verschuldet.

"Meine Mutter hat nie wieder seinen Namen genannt", sagt Sven-Göran Hallonquist, 65, sein Sohn. Er ist Physiklehrer in Stockholm, steht kurz vor der Rente. Ein großer ergrauter Mann, der in seiner kleinen Wohnung aussieht wie ein Riese im Kaninchenbau. Umgeben von Wänden aus Büchern und Stapeln an Zeitschriften. An der Seite seine Frau, die ihn stützt. "Jetzt erzähl doch schon", ermuntert sie ihn oft. Und Hallonquist erzählt: wie seine Kindheit endete mit dem Tod des Vaters. Da war er zehn Jahre alt. Wie sie sich die geräumige Stadtwohnung nicht mehr leisten konnten. Wie er eines Tages aus dem Zimmer gerufen wurde, um im Hof mitansehen zu müssen, wie die Schwester seines Vaters alle seine Unterlagen zu einem Scheiterhaufen auftürmte und sie dann verbrannte.

"Ich will von niemandem eine Entschuldigung", sagt Hallonquist. "Ich werde keine Regierung verklagen. Ich würde nur gerne wissen, warum mein Vater gestorben ist."

Es wäre an der Zeit.