Martin Ahrends lebt als Schriftsteller in Berlin. © Christine Oppe

"Die Romanverfilmung In Zeiten des abnehmenden Lichts ist nur schön und sonst gar nichts", ereifert sich mein alter Freund Paul, "ein sinkendes Schiff, doch nirgends Panik in Sicht. Diese malerisch marode Villa, diese gepflegten Ostautos mit den so besonderen Sounds. Diese mediokren Gestalten einer alt gewordenen neuen Zeit, aufwendig unscheinbar auch in der Kleidung, kaum zu unterscheiden die Delegierten der SED-Kreis- und Bezirksleitung, der Schule, der Stasi und des Molkereibetriebs, der den Namen des Jubilars trägt, jenes überjährigen Führungskaders, der kein Prolet ist, kein Bürger, sondern irgendwas dazwischen …"

– "Warum darf er es nicht ein bisschen schön haben auf die alten Tage? Sein Lebenswerk ist ringsum in Auflösung begriffen, sein Schiff bis zum Führerstand versunken, davon will der natürlich nichts wissen. So ein netter, dummer alter Mann …" – "Das ist aber kein Angelkahn, der da unter ihm absäuft, das ist ein Staat. Er pflegt sein Selbstmitleid und denkt keine Sekunde an die, denen er Kapitän war. Die auf den Unterdecks sind nur Randerscheinungen in diesem Film. Dazu gehört ein höheres Maß an Ignoranz, als dem Kapitän der Titanic nachgesagt wird. Der Jubilar ist ein Ignorant, aber man ist geneigt, ihm zu vergeben: Er wollte ja nur das Beste für alle. Und genau das regt mich auf. Aus dem Off das große Pathos seiner Generation: Könnte es sein, dass wir unsere schöne Idee vom Sozialismus in den Sand gesetzt haben? Mir kommen die Tränen!" – "Auf der Titanic haben sie auch in Schräglage weiter getanzt …" – "Aber das hatte etwas Tragisches. Im Haus dieses mittleren Funktionärs geht nichts Großes zugrunde, nur eine spießige Kulissenwelt wird aufrechterhalten, nicht mal die Requisiten taugen noch, der große Ausziehtisch bricht voraussehbar mit dem Büfett zusammen. Wenn auch nur zu ahnen wäre, was diese erstarrte, selbstgenügsame Mediokrität unter sich begraben und erstickt hat in den 40 Jahren, wenn zu sehen wäre, wie die nächste Generation beschädigt wird von der Macht der unweisen Greise, dann würde es mich vielleicht etwas angehen, dies sanfte Kammerspiel. Was ist das? Ein Trostfilm für Altkader?"

– "Ich hätte da noch länger zusehen können: Nicht berührt zwar, nichts Neues erfahrend, aber doch milde gelähmt von der durchchoreografierten Stimmigkeit. Ich finde, das ist ein überflüssiger, aber besonders schöner Film: In Zeiten der zunehmenden Ästhetisierung." – "Und ich finde, sowenig wie die Politik oder die Wissenschaften kommen die Künste ohne ethische Setzungen aus, ohne das, wofür einmal die Religionen zuständig waren. Sonst kannst du alles schön finden, was gut gemacht ist."