Enric Marco ist ein Lügenbaron in Gestalt eines kämpferischen Proletariers. Ein spanischer Arbeiter, der sich eine Opferrolle auf den Leib schneiderte und damit zum Helden aufstieg. In den Jahren des größten Erfolgs, kurz vor seinem Fall 2005, absolvierte er Hunderte Auftritte, gab unzählige Interviews und hielt sogar eine Rede vor dem spanischen Parlament, in der er, wie immer, an die Gräuel der nationalsozialistischen Konzentrationslager erinnerte. Er hatte das KZ Flossenbürg überlebt und wusste davon erschütternd zu erzählen. Bis ein Historiker herausfand, dass er nie in Flossenbürg gewesen war und sich seine Leidensgeschichte ausgedacht hatte. Die spanische Öffentlichkeit war entsetzt, der Skandal schlug international Wellen.

Jetzt hat der spanische Schriftsteller Javier Cercas einen "Roman ohne Fiktion" über den Fall Marco geschrieben. Hat monatelang mit Marco gesprochen, dessen Version des eigenen Lebens nachrecherchiert und diese Recherche gleich ins Buch mit eingebaut. "Ich wollte dieses Buch nicht schreiben", lautet der allererste Satz von Der falsche Überlebende, und damit ist klar: Das Ringen mit dem Stoff gehört selbst zum Stoff, aus dem Cercas sein Buch komponiert. Er umspinnt seinen Gegenstand damit auf ähnliche Art wie der Franzose Emmanuel Carrère, dessen autobiografisch gefilterte Biografie-Puzzles zuletzt vielfach gefeiert worden sind.

Cercas ist früh von Marcos spektakulärem Fall fasziniert. Doch er scheut zunächst das sumpfige Terrain, auf das ihn eine fragwürdige Lebensbeichte locken könnte. Und als er Marco für ein zaghaftes Vorgespräch trifft, widert ihn dessen mangelnde Reue an: Das falsche NS-Opfer behauptet nach wie vor, nur aus hehren Motiven gelogen zu haben, um das Angedenken wachzuhalten. Er fühlt sich zu Unrecht verstoßen. Und Cercas muss Marco erst klarmachen, dass sein Buchprojekt nicht etwa dessen Rehabilitation im Sinn hat. Marco lässt sich dennoch darauf ein. Zu welchem Zweck? Auch darüber kann Cercas bis zuletzt nur mutmaßen. Denn am Ende seiner Recherche hat er immer noch einen Lügner vor sich.

Erstaunlich, wie genau es Cercas trotzdem gelingt, Marcos gefälschtes Leben nachzuerzählen. Dessen erste Sternstunden spielen zur Zeit des Spanischen Bürgerkrieges. Marco ist ein jugendlicher Anarchist in Barcelona und kämpft gegen die vorrückenden Truppen des späteren Diktators Franco. So viel scheint unstrittig. Ein paar heroische Episoden hat Marco allerdings später dazuerfunden, viel später, als er sich gegen Ende der Franco-Zeit eine Backstory zusammenfabulierte, die ihn als unermüdlichen Untergrund-Aktivisten gegen das Regime zeigte. Diese Legende ermöglichte ihm sogar, 1978 zum Generalsekretär der anarchistischen Gewerkschaft CNT aufzusteigen. Immer wieder gibt Cercas zunächst Marcos Version der Vergangenheit wieder, klopft sie dann Stück für Stück ab und behält mitunter nur wenige haltbare Teile zurück.

Statt im Untergrund aktiv zu sein, hatte sich Marco, wie fast alle seine Landsleute, still mit der Diktatur arrangiert. 1941 meldete er sich sogar freiwillig für ein Programm, das spanische Arbeitskräfte in die deutsche Kriegsindustrie vermittelte. Er diente den Deutschen Werken in Kiel, kam dort allerdings einige Zeit ins Gefängnis, bevor er 1943 nach Barcelona zurückkehrte, um ein unauffälliges Leben als Automechaniker zu beginnen. Erst Ende der neunziger Jahre fiel ihm ein, den freiwilligen Einsatz in Deutschland nicht nur zur Zwangsarbeit und den Knastaufenthalt zur politischen Haft umzudeuten, sondern dem Ganzen auch noch das KZ-Kapitel anzufügen. Und je länger er damit durchkam, desto schillernder wurden die Schilderungen seiner Entbehrungen im KZ.

Gewissenhaft scheidet Cercas Wahrheit und Lüge. Aber natürlich belässt er es nicht dabei. Er deutet Marco psychologisch als einen Underdog aus desolaten Verhältnissen, der sich jene Liebe und Bewunderung erschleichen wollte, die ihm das Schicksal vermeintlich vorenthalten hatte. Er parallelisiert Marcos Geschichte mit der seines Heimatlandes und entdeckt dabei die groteske Mutation eines gewöhnlichen Jasagers. Er vergleicht Marco mit Don Quijote, der sich ja ebenfalls als heroisches Zerrbild seiner selbst neu entwarf. Und er lotet aus, inwieweit er selbst als Schriftsteller womöglich ähnliche Betrugsmanöver anwendet wie sein Gegenüber. In einem fiktiven Zwiegespräch darf Marco seinem Biografen Cercas sogar unterstellen, ihn insgeheim zu bewundern – für die nietzscheanische Entschlossenheit, mit der er die Wahrheit verachtete, um stattdessen das Leben bei den Hörnern zu packen.

Nicht jede Spur, die Cercas verfolgt oder auslegt, ist gleich spannend. Manches Motiv wendet er etwas zu häufig hin und her. Aber seine Schnüffelei nach allen Seiten, sein unorthodoxes Netz aus Bericht, Erzählung, Essay und Biografie bringt am Ende doch fette Beute. Vielleicht brauchte es, um Marcos Räuberpistole so facettenreich auseinanderzufalten, eben doch einen Romanautor.

Javier Cercas: Der falsche Überlebende, Roman; Verlag S. Fischer, Frankfurt am Main 2017, 496 S.; 24,00 Euro