Es sind erst wenige Tage vergangen, seit der ehemalige FBI-Chef James Comey unter Eid öffentlich schilderte, wie Donald Trump versucht hat, die Russland-Ermittlungen des US-Geheimdienstes zu beeinflussen. Und jetzt haben auch noch die Generalstaatsanwälte zweier US-Bundesstaaten den Präsidenten verklagt – wegen möglicher Interessenkonflikte. Trotzdem stehen laut Umfragen nach wie vor 38 Prozent aller wahlberechtigten Amerikaner und 80 Prozent der Republikaner hinter ihm. Man fragt sich, was eigentlich noch geschehen muss, damit sie Donald Trump die Gefolgschaft verweigern.

Um die Getreuen zu verstehen, fährt man am besten zu Sergio Gabriel nach Connecticut. Er ist einer jener 38 Prozent. Die ganze Russland-Sache, sagt er, interessiere ihn nicht. Gabriel ist Augenarzt. Er lebt in einem großen Haus in einer kleinen Stadt, seine Frau kümmert sich um die drei Kinder, während er bis spätabends arbeitet.

Es geht ihm eigentlich gut, und dennoch ist er vom Leben enttäuscht. Seine Kinder gehen nicht auf private, sondern auf öffentliche Schulen. Die Sommerurlaube verbringen sie bei den Schwiegereltern auf dem Land und nicht in Europa. Sie haben zwar gerade das Wohnzimmer renoviert, aber ein neuer Wintergarten war zu teuer.

Wie viele weiße Arbeiter ist auch Gabriel irgendwie enttäuscht von Amerika. Denn selbst als Arzt, findet er, ist man heute nicht mehr das, was man früher mal war. Früher, das ist für Gabriel eine Zeit, als die staatlichen Krankenversicherungen für ärztliche Leistungen mehr zahlten, weil nicht so viele illegale Einwanderer die Kassen belasteten. Was ihn an Trump begeisterte, war, dass er wie ein echter Mensch spricht, geradeheraus und nicht wie einer dieser verbogenen Politiker.

Wie die weißen Arbeiter fühlt sich auch Gabriel gefangen in einem unfairen System, in dem eine politische Elite Regeln setzt, die zu seinem Nachteil sind. Zu dieser Elite gehört für ihn in gewisser Weise auch James Comey. Denn der ehemalige FBI-Direktor seziert Trumps Worte so kleinlich, so übertrieben bürokratisch, und sieht in ihnen nicht das, was sie nach Gabriels Meinung sind: Worte eines "no bullshit"-Unternehmers, der sich nichts vormachen lässt.

Dass Trump den Kampf mit Leuten wie Comey nicht scheut, rechnet Gabriel ihm hoch an. Und so kommt es, dass auch dieser erfolgreiche 40-jährige Arzt, Sohn italienischer Einwanderer, trotz allem immer noch hinter Trump steht. Seine Patienten sollen das aber nicht wissen, daher will er seinen richtigen Namen nicht in der Zeitung lesen.

Viele von Trumps getreuen Anhängern sagen, der Präsident könne gar nicht erfolgreich sein, weil der sogenannte "deep state", der von Beamten und ihren linken Helfeshelfern durchsetzte Staat, ihn nicht lasse. Das ist die Erklärung, die auch der rechte Fernsehsender Fox News seinem Publikum seit Wochen anbietet. So behauptete der prominente Moderator Tucker Carlson nach Comeys Anhörung, Amerikas Linke wolle den Präsidenten unbedingt als angeblichen Landesverräter aus dem Amt jagen. Deshalb versuche sie seit Monaten, der Öffentlichkeit einzureden, Trump habe mit den Russen gemeinsame Sache gemacht und Comey befohlen, die Ermittlungen gegen seinen ehemaligen Sicherheitsberater Michael Flynn einzustellen. Die Beweise dafür, so der Fernsehmann, seien aber bislang nicht erbracht. Faktisch kann man das so sehen. Doch Carlson hat seine Argumente so kunstvoll zusammengefügt, dass sie nur ein einziges Opfer zulassen: den vom "deep state" verfolgten Trump.

In diesem aufgeheizten Umfeld kann es darum leicht passieren, dass es ein unwahrer Tweet eines rechten Bloggers bis in die Abendsendung von Fox News schafft. Darin wurde behauptet, Comey habe während seiner Anhörung gesagt, der Präsident habe niemals versucht, die Russland-Ermittlungen zu stoppen. In der Welt der Trump-Anhänger kommt es aber nicht auf die Wahrheit an, noch darauf, was Comey wirklich kundgetan hat. Wichtig für sie ist, dass sich mit dem Tweet eine tiefere Botschaft im Gedächtnis der Fox-News-Zuschauer festsetzt: Trump ist unschuldig. Und damit diese Botschaft deutlich wird, darf man bei ihrer Präsentation mit der Wahrheit ruhig kreativ umgehen.

Kann Trump in den Augen der fest zu ihm stehenden 38 Prozent überhaupt etwas falsch machen? Ja, wenn man Sergio Gabriel fragt, auch wenn seine Antwort paradox klingt. Für den Augenarzt aus Connecticut, der die Russland-Beschuldigungen doch im Grunde für eine linke Verschwörung hält, hätte Trump seinen Kredit verspielt, sollte herauskommen, dass er tatsächlich irgendetwas mit dieser Russland-Sache zu tun hat. Ansonsten sieht er in seinem Präsidenten den tapferen Außenseiter, der es wagt, den Kampf mit einem korrupten Establishment aufzunehmen.

Solange sich Gabriel und die 38 Prozent nicht von Trump abkehren, so lange hält ihm auch die Republikanische Partei die Stange. Zum einen braucht sie die Trump-Getreuen, um bei den Halbzeitwahlen im November 2018 die Mehrheit im Kongress zu behalten. Zum anderen will die Partei jetzt, solange ihr die Mehrheit sicher ist, möglichst viel von ihrer eigenen Agenda umsetzen. Und das wird nur klappen, wenn sie nicht ständig ihren eigenen republikanischen Präsidenten infrage stellt.

Darum hatten viele Republikaner nach Comeys Anhörung eine fast gleichlautende Erklärung für Trumps fragliches Verhalten parat: Es sei keine gute Idee gewesen, tönten sie, dass der Präsident mit Comey über die Russland-Ermittlungen gesprochen habe, aber er sei halt noch unerfahren.

Allerdings tat sich keiner der namhaften republikanischen Senatoren mit einer klaren Verteidigung Trumps hervor. Es schien sie zu beunruhigen, dass sich Trump weiter unablässig mit seinen Tweets in die Diskussion über die Russland-Ermittlungen einmischte. Ein frustrierter Republikaner brachte im Fernsehen die Sorge auf den Punkt: Trump werde möglicherweise der erste Präsident sein, der nur deshalb scheitere, weil er ständig in unangemessener Weise über eine Ermittlung rede, die ihn eigentlich entlasten würde, wenn er die anderen ihre Arbeit machen ließe.