Gestattet, dass ich euch duze. Dies ist ein Streit unter Radfahrern, und unter uns ist diese Anrede sonst ja auch üblich.

Diesen Sonntag werdet ihr wieder für ein paar Stunden den Straßenverkehr lahmlegen. Das ist für euch eine große Sache, die Hamburger Fahrradsternfahrt, ein gut dreißig Jahre altes Ritual aus der Anfangszeit der Umweltbewegung. Früher habe ich dieses Unternehmen mit Sympathie betrachtet und selbst auch einige Male einen Konvoi der Sternfahrt angeführt. Inzwischen frage ich mich, was das soll.

Ist es wirklich eine gute Idee, als Radfahrer immer noch in der Pose der verfolgten Minderheit aufzutreten?

Kein Thema der Verkehrspolitik wird in Hamburg so intensiv diskutiert wie der Radverkehr, seit zwei Jahren gibt es eine Fahrradförderung, die diese Bezeichnung auch verdient – und ihr tut immer noch, als müsstet ihr auf die Straße gehen, um mit euren Interessen und Bedürfnissen endlich gesehen zu werden. Mag sein, dass es angenehm ist, sich der eigenen Stärke zu vergewissern. Aber seid ihr darüber nicht hinaus?

Welche Botschaft wollt ihr transportieren? Symbolische Aktionen müssen einfach und klar sein, und die Sternfahrt hat eine klare Symbolik: Ihr nehmt den Autos den Platz weg und beansprucht ihn für euch. "Heute gehört die Straße uns", heißt es in einem eurer älteren Aufrufe.

Ihr gegen die Autofahrer – ist das der richtige Gegner? Und glaubt ihr wirklich, diesen Konflikt könntet ihr gewinnen?

Von mir aus könnt ihr gerne von autofreien Städten träumen und für sie werben. Nur solltet ihr eine Vorstellung davon haben, wie ihr eure Ziele erreichen wollt. Und ihr solltet wissen, wer eure Gegner und wer eure Verbündeten sind.

Um mit den Gegnern zu beginnen: Die Autofahrer sind es nicht. Manche von ihnen fahren selbst Rad, andere wollen, dass ihre Kinder sicher auf dem Fahrrad unterwegs sind. Wiederum andere gönnen euch sichere Wege, auch wenn sie selbst sie nicht nutzen.

Vor allem haben Auto- und Radfahrer gemeinsame Interessen. Wenn Hamburg nicht an Blech und Abgasen ersticken soll, darf der Autoverkehr nicht so schnell wachsen, wie die Stadt es tut. Aus diesem Grund hat sich eine politische Mehrheit für Velorouten und Radwegebau gefunden. Aus diesem Grund lobt der ADAC die Hamburger Fahrradpolitik bei jeder Gelegenheit. Aufgeklärte Autofahrer wissen das, sie sind nicht eure Gegner, ihr braucht sie als Verbündete.

Je mehr Radfahrer, desto weniger Autos und desto weniger Stau: Ihr könnt den Autofahrern Platz verschaffen – und mit welcher Botschaft wendet ihr euch an sie? Wir nehmen euch den Platz weg! Haltet ihr das für klug?

Echte Gegner habt ihr auch. In Eimsbüttel gibt es eine Bürgerinitiative, die gerade ihre Liebe zum historischen Kopfsteinpflaster entdeckt, sofern es sich auf einer Veloroute befindet. In Eppendorf gibt es Geschäftsleute, die sogar in den Medien offen aussprechen, dass sie einen Unfallschwerpunkt vor dem eigenen Laden, durch den vor allem Radfahrer zu Schaden kommen, nicht weiter schlimm finden. Die CDU bemüht sich, zur Partei dieser Fundamentalopposition zu werden. Ihr Verkehrspolitiker Dennis Thering rügt bei jeder Gelegenheit die angebliche "Intimfeindschaft zum Autoverkehr" der Grünen und die "beispiellose Anti-Autofahrer-Politik" des Senats. Inzwischen, sagt Thering, gehe es bei der Verkehrspolitik von Rot-Grün anscheinend nur noch darum, Autofahrer aus der Stadt zu ekeln.

Merkt ihr etwas? Dem Mann liegt an einer Polarisierung, Autofahrer gegen Radfahrer. Seid ihr gut beraten, ihn dabei zu unterstützen?

Vielleicht ist euch nicht klar, wie fragil die rot-grüne "Fahrradstadt" ist. Ein paar Prozent mehr für die SPD bei der letzten Wahl, ein paar Prozent weniger für die Grünen, und das große, zusammenhängende Radwegenetz aus halbwegs gut befahrbaren Velorouten wäre geblieben, was es war: ein Vorsatz für die ferne Zukunft. Jetzt wird es gebaut.

Aber interessiert ihr euch überhaupt für Politik? Bei der Fahrradsternfahrt, habe ich erfahren, soll es einen "Promi-Block" geben. Katharina Fegebank und Martin Bill von den Grünen fahren mit, außerdem Heike Sudmann von den Linken und ein "Herr Pochert von der SPD".

Der Mann heißt Lars Pochnicht und ist der Fahrradpolitiker der größten Bürgerschaftsfraktion, vielleicht solltet ihr ihn mal kennenlernen. Wie wollt ihr die Überlegungen und Interessen eurer Verbündeten verstehen, wenn ihr nicht mit ihnen sprecht?

Ihr könntet mit ihm zum Beispiel über die Critical Mass reden, eure neueste Aktionsform. Natürlich macht es Spaß, im Pulk den Feierabendverkehr aufzumischen, aber letztlich ist das Ganze organisierte Schadenfreude auf Kosten von Autofahrern: Wir halten euch auf, und ihr könnt nichts dagegen tun, ätsch! Trägt das dazu bei, eine vernünftige Radverkehrspolitik mehrheitsfähig zu machen?

Auch über Radwege könntet ihr mit ihm reden. Drei Meter breit sollen sie schon sein, heißt es neuerdings beim Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Club (ADFC). In zwanzig Jahren wird das möglicherweise sinnvoll sein, heute würde man sich als Fahrradfahrer auf solchen Wegen einsam fühlen. Wie wollt ihr politische Mehrheiten für Ideen finden, die man nicht einmal Radfahrern erklären kann?

Viel fordern, um möglichst viel zu erhalten – das ist eine Strategie für Tarifverhandlungen. Aber Tarifparteien müssen sich einigen, Politiker und Interessenverbände müssen es nicht. Womit wollt ihr drohen, mit einem Fahrradstreik?

Fragt man Dirk Lau vom ADFC nach seinen Ansprechpartnern in der Politik, bekommt man erstaunliche Antworten. Beim ADFC betrachtet man die Regierungspartei SPD als Gegnerin. "Wie Beton" seien die Hamburger Sozialdemokraten, sagt Lau. Eine Fahrradstadt, die diese Bezeichnung verdiene, sei mit der SPD nicht zu machen.

Mit wem dann? Lau hofft auf ein "breites gesellschaftliches Bündnis". Offenbar soll es sich um ein Bündnis handeln, das auf politische Mehrheiten nicht angewiesen ist.

Eine gesellschaftliche Bewegung für den Radverkehr gibt es wirklich. Mag sein, dass sie einmal mehrheitsfähig wird. Das Auto verliert als Statussymbol und Fetisch an Bedeutung, die wachsenden Lebenshaltungskosten zwingen viele Haushalte, es abzuschaffen. Die neuen Radwege, die gerade entstehen, machen das Fahrradfahren weniger gefährlich, und die neuen Elektroräder machen es attraktiv für Leute, denen es an Fitness fehlt. Gut möglich, dass Fahrradfahrer in absehbarer Zukunft tatsächlich so etwas wie eine kritische Masse bilden, gegen die eine fahrradfeindliche Politik nicht länger durchsetzbar ist. Und, wer weiß, vielleicht wird diese Masse irgendwann drei Meter breite Radwege brauchen und erkämpfen.

Bitte seid so gut, das nicht zu verhindern, indem ihr jetzt eure Verbündeten verprellt.