Als 2012 auf der anderen Seite des Mittelmeeres immer mehr Menschen in Schlauchbooten die Flucht nach Europa antreten, müssen Behördenmitarbeiter im 3.000 Kilometer entfernten Berlin eine Entscheidung treffen. Es geht darum, was wichtiger ist: die deutsche Bürokratie oder die Not der Flüchtlinge. Vor dem Problem stehen später Beamte im ganzen Land. Fünf Mitarbeiter der Berliner Unterbringungsleitstelle (BUL) des Landesamts für Gesundheit und Soziales (Lageso) aber könnte ihre Entscheidung in der Frage ins Gefängnis bringen. Im schlimmsten Fall drohen ihnen zehn Jahre Haft.

Das Lageso war bis Ende Juli 2016 zuständig für alle Belange von Flüchtlingen in Berlin. Mitarbeiter der BUL kümmerten sich darum, dass jeder Flüchtling ein Dach über dem Kopf hat. Über Monate stand das Lageso in der Kritik, weil es seine Aufgabe nicht schnell genug erfüllte. Die Berliner Staatsanwaltschaft aber geht jetzt dem Verdacht nach, einige Mitarbeiter hätten verbotene Abkürzungen genommen und Steuergelder in Millionenhöhe veruntreut. Das belegen Unterlagen, die der ZEIT vorliegen.

Die Angestellten und Beamten der BUL sollen demnach unter anderem Aufträge an Betreiber von Flüchtlingsheimen gegeben haben, ohne diese vorher öffentlich auszuschreiben. Außerdem sollen sie den Betreibern zinslose Darlehen gewährt haben, damit diese die Heime einrichten und ausstatten konnten, in einigen Fällen in Höhe von mehr als 100.000 Euro.

An einem Herbstmorgen im vergangenen Jahr ließ die Berliner Staatsanwaltschaft die Privatwohnungen der fünf BUL-Mitarbeiter vom Landeskriminalamt durchsuchen. "Das war der größte Schock meines Lebens", sagt einer von ihnen. Die Ermittler durchwühlten Schränke und Schubladen, sie beschlagnahmten Computer, Handys und Unterlagen.

In den nächsten Wochen könnte Anklage erhoben werden. Das Landgericht Berlin würde den Vorwürfen der Staatsanwaltschaft nachgehen. Ein Richter müsste über das Verhalten deutscher Behördenmitarbeiter in der Flüchtlingskrise urteilen.

Wie konnte es dazu kommen?

Die ZEIT hat mit den betroffenen Mitarbeitern, mit ehemaligen und aktuellen Angehörigen des Lageso gesprochen, interne Prüfberichte und vertrauliche Schreiben wurden ausgewertet. Die Recherchen dokumentieren die Geschichte einer Krise, die im Lageso bereits im Jahr 2012 beginnt.

Schon damals sind die Berliner Flüchtlingsheime nahezu voll belegt, einige bereits überfüllt. Schnell ist klar: Berlin ist auf weitere Flüchtlinge nicht vorbereitet. Aber schon 2013 bringt die BUL 6.062 Flüchtlinge unter, doppelt so viele wie ein Jahr zuvor. 2014 sind es bereits 9.458, so belegen es interne Unterlagen. Wie soll die Verwaltung das schaffen?

In diesen drei Jahren arbeiten in der BUL im Regelfall zwischen fünf und acht Mitarbeiter daran, neue Unterkünfte aufzutreiben. Das läuft damals so: Private Betreiber wie Pewobe und Gierso oder Wohlfahrtsverbände wie die AWO bieten dem Land in Gebäuden, die ihnen gehören oder die sie gemietet haben, Unterkünfte für Flüchtlinge an. Bevor ein Heimbetreiber den Zuschlag bekommt, müssen die Mitarbeiter der BUL prüfen, ob das Gebäude geeignet ist: Sind mindestens sechs Quadratmeter Wohnraum pro Flüchtling vorhanden? Gibt es Brandschutzvorrichtungen? Sind ausreichend Küchen, Bäder und Gemeinschaftsflächen vorhanden? Liegt die geplante Unterkunft nicht in einem reinen Wohngebiet, aber auch nicht in einem reinen Gewerbegebiet, sondern in einem Wohnmischgebiet?

Fast alle Angebote, die bei den Mitarbeitern der BUL eingehen, müssen sie ablehnen, berichten sie. Irgendein Kriterium bleibt stets unerfüllt. In den seltenen Fällen, in denen Gebäude und Umgebung geeignet sind, handeln sie mit dem Betreiber eine Summe aus, die er pro Tag und Flüchtling vom Land Berlin bekommt. Der Betreiber stattet die Unterkunft dann mit Betten und Schränken aus, engagiert einen Wachdienst und sorgt dafür, dass die Flüchtlinge, die dort einziehen, täglich etwas zu essen bekommen. Doch bis es so weit ist, dauert es oft sechs bis zwölf Monate, berichten die Behördenmitarbeiter.

Aber sie kämpfen damals, so ihr Eindruck, nicht nur gegen die deutsche Bürokratie, sondern auch gegen ihre eigene politische Führung. Denn der Bezirk, in dem eine neue Unterkunft eröffnet werden soll, muss dem zustimmen. Politiker aus dem jeweiligen Bezirk versuchen aber häufig, das zu verhindern, aus Angst vor dem Unmut der Wähler. So berichten es Mitarbeiter aus dem Lageso.