Die Fotos lösten eine Woge der Solidarität aus: Flüchtlinge, zusammengepfercht in überfüllten Booten, durchnässte Männer und Frauen, die sich an Land schleppen, erschöpfte Familien in eilig errichteten Auffanglagern. Boat-People hießen die Geflüchteten rasch, doch nicht über das Mittelmeer kamen sie, sondern aus dem kommunistischen Vietnam, zum Teil auch aus Kambodscha. Die Hilfsbereitschaft der Westdeutschen war überwältigend. Sie spendeten generös, engagierten sich als Seenotretter und nahmen die Vietnamesen ohne komplizierte Asylverfahren auf. Die Boat-People waren die erste größere Gruppe außereuropäischer Flüchtlinge, die in die Bundesrepublik kam. Und erstaunlicherweise traten seinerzeit, 1979 und 1980, allen voran Christdemokraten dafür ein, mehr Schutzbedürftige einzufliegen und dauerhaft zu integrieren. Angela Merkels beherztes Eingreifen 2015 hatte also auch in ihrer Partei Vorläufer.

Wie in den vergangenen Jahren dauerte es damals eine Weile, bis dieses Engagement einsetzte. Bereits 1975, nachdem das kommunistische Nordvietnam über den Süden gesiegt hatte, verließen viele das Land. Die USA nahmen die meisten Flüchtlinge auf und drängten die Bundesrepublik, einige Tausend zu akzeptieren. Doch die sozialliberale Regierung unter Bundeskanzler Helmut Schmidt (SPD) zeigte sich reserviert. Lediglich 1.300 Vietnamesen gelangten in den folgenden drei Jahren in die Bonner Republik.

Ende 1978 stiegen die Flüchtlingszahlen rasant an. Rund 1,5 Millionen Menschen vegetierten schließlich in den Auffanglagern der Nachbarländer, viele starben auf hoher See. Angesichts der erschütternden Medienberichte verlangten Unionspolitiker mehr finanzielle Hilfe und bevorzugtes Asyl. Am 24. November 1978 machte der niedersächsische Ministerpräsident Ernst Albrecht (CDU) einen spektakulären Vorstoß: Er beschloss, sofort 1.000 Boat-People nach Niedersachsen einfliegen zu lassen. Albrechts konservativer Innenminister Wilfried Hasselmann begleitete den Flüchtlingstransport aus den Lagern. Bei der Ankunft in Niedersachsen begrüßten Spitzenpolitiker die Neuankömmlinge feierlich. Die damaligen Zeitungsbilder stehen den Handy-Selfies mit Angela Merkel in nichts nach. Ernst Albrecht begründete seinen Einsatz mit christlicher Nächstenliebe.

Sein Engagement zeigte, was möglich war. Auch andere CDU-Politiker forderten von der Regierung Schmidt nun eine rasche Aufnahme von Indochina-Flüchtlingen. Bundestagspräsident Richard Stücklen (CSU) plädierte 1979 sogar dafür, Flüchtlingen, die mit ausländischen Booten wie der französischen Île de Lumière gerettet wurden, Asyl zu gewähren. Im europäischen Parlament forderte die christdemokratische Europäische Volkspartei den Einsatz weiterer Schiffe vor den Küsten Südostasiens.

Es blieb nicht bei Worten. Tatsächlich nahmen CDU-regierte Länder anfangs mehr Flüchtlinge auf als SPD-regierte. Niedersachsen tat sich besonders hervor. Doch auch Baden-Württembergs Ministerpräsident Lothar Späth verdoppelte 1979 die Quote, gab gesondert Gelder für ein Hilfsschiff des Deutschen Roten Kreuzes und richtete ein Koordinationsbüro für private und öffentliche Initiativen ein. Ebenso stellten die unionsregierten Länder Schleswig-Holstein, Rheinland-Pfalz und Bayern Plätze oberhalb der Quoten bereit.

Die christdemokratischen Solidaritätsaktionen jener Monate erinnern eher an das Engagement linker Gruppen. Der Ring Christlich-Demokratischer Studenten (RCDS) startete 1979 den Aufruf "Helft den Vietnamesen", die Junge Union warb für Wohnraum, Arbeit und Patenfamilien. Sie verkaufte sogar Reis, um Geld einzutreiben, und forderte unter ihrem Vorsitzenden Matthias Wissmann, 50.000 Flüchtlinge aufzunehmen und eine "Luftbrücke" einzurichten. Gemeinsam mit dem CDU-Abgeordneten Elmar Pieroth gründete Wissmann das Vietnam-Büro e. V., das unter anderem Spenden sammelte und Jobangebote für die eingeflogenen Vietnamesen einholte.

Wie ist diese Hilfsbereitschaft zu erklären?

Entscheidend war, dass die CDU und die geflüchteten Vietnamesen denselben Feind hatten: den Kommunismus. Die Bilder verzweifelter Familien und Berichte von Vergewaltigungen erinnerten viele Christdemokraten zudem an die Vertreibung der Deutschen aus den früheren Ostgebieten. Viele, wie Helmut Kohl, damals Unionsvorsitzender, begründeten ihre Appelle mit der deutschen Fluchterfahrung. Aus demselben Grund prangerten Vertriebenensprecher wie Herbert Hupka und Herbert Czaja die Zustände in Vietnam an.

Keine geringe Rolle spielte, dass die Vietnamesen und Ostasiaten als fleißig und vergleichsweise gebildet galten. So trat die Union 1980 zwar auch vehement für die Unterstützung der von Kommunisten verfolgten Afghanen ein, aber nicht für deren Aufnahme in Deutschland.

Zeitgleich mit den Meldungen aus Vietnam lief im deutschen Fernsehen die amerikanische Serie Holocaust. Ihr Erfolg wirkte sich auch auf die Flüchtlingsdebatte aus: In etlichen Berichten war nun von den Boat-People als den "Juden des Ostens" die Rede. Die CDU-Abgeordneten des Vietnam-Büros argumentierten: "Untätig zu bleiben macht uns mitschuldig an einem neuen Holocaust, denn in der Zwischenzeit ertrinken nach Schätzungen etwa 2.000 Menschen pro Tag."