Wenn sich die "Freunde des Falcon" auf dem Parkplatz eines großen Supermarktes am Stadtrand von Buenos Aires treffen, kommen sie alle: Claudio mit seinem leuchtend orangefarbenen Ford Falcon, Luis mit seinem Modell aus den Siebzigern, das so hellblau in der Sonne leuchtet wie die kleine argentinische Flagge auf dem Dach. Und natürlich Humberto, fast 90, mit der Perle des Clubs, einem silbergrauen 1967er Falcon, der aussieht wie neu und doch knapp 800.000 Kilometer auf dem Tacho hat. Über 50 Old- und Youngtimer sind es insgesamt. Von der ersten Baureihe von 1963, die noch amerikanischen Straßenkreuzern gleicht, bis zum letzten Modell von 1991 mit den eckigen Scheinwerfern. An diesem Frühlingstag Ende Mai feiert der Club sein 20-jähriges Bestehen. Nur die dunkle Vergangenheit des Falcon hat hier keinen Platz.

Um die zu erleben, muss man nach Núñez fahren, in den Norden von Buenos Aires. Dort befindet sich der Gebäudekomplex der Esma, einer ehemaligen Militärschule. In den siebziger und achtziger Jahren brachten die Schergen der argentinischen Militärdiktatur ihre Opfer hierher, um sie zu foltern, bevor sie die Gefangenen in Flugzeuge steckten, um sie, noch lebend, über dem Río de la Plata abzuwerfen. "Verschwundene" werden die 30.000 Opfer der Diktatur von General Videla in Argentinien genannt, die oft auf offener Straße entführt und nie wieder gesehen wurden. An jedem letzten Samstag im Monat, wenn sich auch die "Freunde des Falcon" treffen, führen hier Überlebende Besuchergruppen über das Gelände und erzählen vom Schrecken der Diktatur. Auch sie sprechen über den Falcon: Damals war er der Standardwagen von Polizei und Militär und wurde als Zivilfahrzeug häufig für Entführungen eingesetzt, meistens in Grün. Der "Falcon verde" wurde so zum Symbol von Menschenrechtsverletzungen und staatlicher Willkür. Im ganzen Land gab es Foltergefängnisse, manche wurden erst vor Kurzem entdeckt oder als solche anerkannt. Im Jahr 2014 kam heraus, dass auch im Ford-Werk in Pacheco während der Militärdiktatur Mitarbeiter gefoltert wurden.

Kann man ein solches Fahrzeug trotzdem feiern? Diego Moro hat damit offenbar kein Problem. Er verkauft am Rande der Feier des Falcon-Clubs in einem blauen Pavillon Mate-Becher, Tassen und T-Shirts mit aufgedruckten Bildern des Falcon, des argentinisch-amerikanischen Klassikers. Moro, Ende 40, ist so etwas wie der Sprecher des Clubs. Er trägt eine dunkelblaue Fleecejacke mit dem Ford-Emblem. Seine Erzählung über den Falcon ist eine nostalgische Geschichte aus der guten alten Zeit. Und er nimmt sich gern Zeit, davon zu berichten.

Die ersten Falcon wurden noch in den USA gefertigt und 1961 in Einzelteilen nach Buenos Aires gebracht. Anfang der sechziger Jahre expandierte die amerikanische Autoindustrie mit kraftstrotzenden Karossen nach Südamerika, die den Traum von Freiheit versprachen. Für die "Freunde des Falcon" hält dieses Versprechen noch immer, mehr als fünfzig Jahre später. Chrysler brachte damals den Valiant nach Argentinien, General Motors baute dort erst den Chevrolet 400, später den Chevy. Der Ford Falcon wurde als "Freund aus Eisen" vermarktet, als hochmotorisiertes, sportliches Fahrzeug für die ganze Familie. Ursprünglich in den USA gebaut und designt, wurde der Falcon schnell zu einem typisch argentinischen Wagen im oberen Preissegment, der vollständig im Werk in General Pacheco produziert wurde, 30 Kilometer außerhalb der Hauptstadt. Hier liefen bis 1991 knapp 500 000 Falcon vom Band. Sportliche Wagen aus den Sechzigern und Siebzigern wie der Chevy oder der Falcon haben auch heute noch viele Fans in Argentinien, auch weil importierte Neuwagen deutlich teurer sind. Zwischen den Fans entstand eine Rivalität, die auch durch den Rennsport gefördert wurde. Manche sagen sogar, Ford gegen Chevrolet sei vergleichbar mit dem Superclásico im Fußball, River gegen Boca. Aber kein Auto spaltet die argentinische Gesellschaft bis heute so wie der Falcon.

Eine Zeugin erzählt, wie Militärs ihre Opfer aus dem Kofferraum eines Falcon zerrten

In der ehemaligen Militärschule Esma erzählt Ricardo Camuñas einer Besuchergruppe seine Geschichte. Er hatte zur Zeit der Diktatur Kontakt zu einem Anwalt, der sich für Menschenrechte engagierte. Dann parkten zwei Männer vor dem Haus, in dem er mit Freunden zu Abend aß, und spähten ihn aus. Einige Tage später wurde er am Hauptbahnhof Retiro in Buenos Aires entführt. "Ich spürte einen Schlag, dann warfen sie mich zu Boden und traten mich", erzählt er den Besuchern. Dann verbanden sie ihm die Augen, setzten ihn in ein Auto und fesselten ihn. Wohin sie ihn bringen würden, konnte Camuñas damals nicht ahnen. Inzwischen weiß er, er war Gefangener in der Esma.

Im dortigen Dokumentationszentrum verweisen heute Ausstellungsstücke und Videos auf die enge Verbindung zwischen dem Falcon und der Diktatur. In einem Film ist eine Zeugin zu sehen. Sie war als Kind in der Esma zu Besuch, weil sie mit der Tochter des Gefängnischefs befreundet war, der mit seiner Familie im Erdgeschoss wohnte. Das Video zeigt ihre Aussage in einem Gerichtsprozess: Sie beschreibt, wie sie durch das Fenster der opulenten Dienstwohnung beobachten konnte, wie Militärs ihre Opfer mit vorgehaltener Waffe aus dem Kofferraum eines Falcon verde zerrten und in ein Gebäude brachten, wo sie verschwanden. Viele tauchten nie mehr auf.

Der Ford von Diego Moro, dem Sprecher des Falcon-Clubs, ist nicht grün, sondern weiß. Das hier ist sein Alltagswagen, sagt er, zu Hause hat er einen zweiten stehen, den schon sein Großvater fuhr. Dieser hier, Baujahr 1991, war serienmäßig ausgestattet mit Zentralverriegelung und Klimaanlage. Er fährt ihn noch häufig, trotz der 280.000 Kilometer, die er auf dem Tacho hat. Inzwischen hat Moro seinen Falcon auf Erdgasantrieb umgerüstet – auch in Argentinien ist Benzin teuer geworden.

Das Auto selbst treffe doch keine Schuld, sagen die Liebhaber des Wagens

Im Jahr 2012 beschlagnahmten die Behörden in einer Lagerhalle einer Marinebasis in Bahía Blanca in der Provinz Buenos Aires 43 Ford Falcon der Baujahre 1976 bis 1982, die das Militär für Entführungen nutzte. Die Autos dienten als Beweismittel in einem der Prozesse, die sich auch heute noch mit den Verbrechen der Diktatur auseinandersetzen. In offiziellen Akten zu dem Fall schreibt das Justizministerium von "unzähligen" Zeugen, die den Einsatz des Falcon für den Staatsterrorismus belegten. "Die Militärs nutzten dieses Automodell für Entführungen und Verschleppungen von zahllosen Personen", heißt es dort. Als Symbol habe der Falcon Schrecken in der Bevölkerung verbreitet. "Sah man einen Falcon auf der Straße, war dies häufig ein Hinweis darauf, dass die Einsatzgruppen dort aktiv waren."

Spricht man Diego Moro auf dieses dunkle Kapitel seines geliebten Falcon an, wird er einsilbig. Er zögert kurz und sagt: "Was passiert ist, ist passiert. Es ist schade, weil es die Geschichte des Autos etwas verdunkelt." Aber da könne man nichts machen. Seine Erklärung der Dinge ist einfach: "Damals waren eben alle Fahrzeuge von Polizei und Militär von Ford. Sogar die Lastwagen. Ford hat damals einfach die öffentliche Ausschreibung gewonnen. Wenn Chevrolet gewonnen hätte, würden wir heute eben über Chevrolet sprechen." Das Auto selbst treffe keine Schuld.

Für Omar Estela sind das Ausflüchte. "Natürlich hat das Auto keine Schuld", sagt er, "aber es stört mich, dass die Leute immer noch ignorieren, dass der Falcon ein Folterinstrument war." Der Bildhauer mit dem langen weißen Bart sitzt in seinem Atelier im Viertel Barracas und gießt heißes Wasser in seinen Mate-Becher. Bekäme er einen Falcon geschenkt, er nähme ihn nicht an, sagt er. Während der Diktatur engagierte sich Estela in der Studentenbewegung und wurde kurzzeitig selbst in einem Falcon verhaftet, kam jedoch kurz darauf wieder frei. "Ich hatte deshalb eine besondere Abneigung gegen das Auto", sagt er. Anfang der 2000er Jahre kaufte er dann gemeinsam mit anderen Künstlern einen grünen Falcon aus Polizeibeständen. Im Kofferraum fanden sie ein Hemd einer Polizeiuniform, am Rückspiegel baumelte ein Rosenkranz. Die Künstler machten sich an die Arbeit: Sie zerlegten den Wagen in all seine Einzelteile und malten ihn weiß an. "Den Falcon auseinanderzusägen, das war, wie ein wildes Tier zu erlegen", sagt Estela. Der erlegte Ford ist jetzt als Kunstwerk in einem Kulturzentrum am Esma-Gelände ausgestellt, "Ideologische Täter" nannten sie es.

Diego Moro ärgert sich darüber, dass Falcon-Fahrer unter Generalverdacht gestellt werden. Das Auto, ein Werkzeug der Folterer? Als sein Großvater seinen Wagen kaufte, habe man sich über "diese Dinge", wie er es nennt, keine Gedanken gemacht. Es war einfach ein schönes Auto mit hohem Wiederverkaufswert. "Das Ganze ist ein Thema, das Ausländer mehr interessiert als die Leute von hier", sagt Moro mit festem Blick. Aber dann hält er inne. Wenn man erwähne, dass man einen Falcon fahre, könne man schon mal schief angesehen werden, sagt er dann. "Die Leute fragen einen: Du fährst einen Falcon? Ist er grün?" – "Nein", sagt er dann. "Es ist einfach ein Falcon."