DIE ZEIT: Der G20-Gipfel rückt näher. Wissen Sie schon, wo Sie eingesetzt werden?

Svenja Moritzen: Ich bin auf der Wache eingeteilt. Aber das kann sich jederzeit ändern. Beim OSZE-Gipfel wurde ich wenige Tage vorher in die Alarmhundertschaft geschoben.

Niels Sahling: Ich bin bei der Bereitschaftspolizei. Meistens entscheidet sich erst kurz vorher, wo wir gebraucht werden. Dass wir als Hamburger nicht die Elbphilharmonie bewachen, ist klar. Wir kennen uns hier aus, wir bekommen wahrscheinlich besondere Aufträge wie Raumschutz oder Demonstrationsbegleitung.

Jan Achtern: Stand jetzt werde ich mit meiner Einheit den Flughafen und die ankommenden Staatsgäste schützen. Wir haben bei der Bundespolizei schon lange eine Urlaubssperre für die Gipfelzeit.

Sahling: Wir sind schon seit sechs Wochen quasi im Ausnahmezustand, seit die Polizeifahrzeuge angesteckt wurden. Wir bewachen seither gefährdete Objekte wie die Messehallen, ohne auswärtige Hundertschaften würden wir das allerdings schon jetzt nicht mehr schaffen.

ZEIT: Warum?

Sahling: Unsere Leute sind auf dem Zahnfleisch gegangen. Gefühlt war der Krankenstand noch nie so hoch.

ZEIT: Das klingt nicht nach großer Vorfreude auf den Gipfel bei Ihren Kollegen.

Die meisten sind froh, wenn’s vorbei ist.

Sahling: Schöner kann man’s gar nicht sagen.

ZEIT: Was haben Sie gedacht, als Sie gehört haben, dass Hamburg die Ehre hat, den G20-Gipfel auszurichten?

Die Ehre?

Sahling: Am Anfang hatten fast alle denselben Gedanken: Warum ausgerechnet hier? In den Messehallen direkt neben dem Schanzenviertel, wie kommt man auf diese Idee? Viele Kollegen haben gesagt: Das können die auf einem Flugzeugträger machen oder auf Helgoland.Viele hätten sich über einen ganz normalen Sommer gefreut, ohne Urlaubssperre. Aber wenn man den Politikern zuhört, die sagen, für diese Riesendelegationen gibt es anderswo gar nicht den Platz, hat man ein bisschen Verständnis.

ZEIT: Ein bisschen?

Sahling: Bei manchen Staatsoberhäuptern würde ich persönlich sagen: Das ist schon gruselig, wer da kommt. Aber dass die sich alle an einen Tisch setzen und überhaupt mal reden, ist wichtig für die Welt.

ZEIT: Sie können also die Leute verstehen, die gegen den Gipfel demonstrieren?

Achtern: Ja, klar. Das ist bei fast jeder Demo so. Die Anwohner bei den Castor-Transporten etwa, das ist doch klar, dass die dagegen sind. Was ich nicht verstehe, ist, wenn Straftaten passieren. Wenn Steine aus einer Menschenmenge fliegen, der Wasserwerfer dreimal angedroht wird und die Mütter trotzdem ihre kleinen Kinder in die erste Reihe schieben.

Sahling: Ich freue mich nicht, dass Trump, Erdoğan und Putin herkommen. Das sind Menschen, die dafür sorgen, dass die Weltgemeinschaft komplett aus den Fugen gerät. Damit bin ich nicht einverstanden. Aber ich kann als Polizist nicht sagen, kümmert euch doch selbst drum.

Moritzen: Viele Menschen verstehen nicht, dass wir lediglich der Puffer sind.

Sahling: Wir sind der Staat zum Anfassen. Oft lassen Bürger ihren Frust über die Politik an uns aus. Beim Gipfel wird die komplette Innenstadt brachliegen, verkehrstechnisch. Und wir werden an der Absperrung stehen. Dann heißt es: Warum komm ich hier nicht durch, ich komm doch hier immer durch!