Es gibt Bücher, die man mit ernster Miene konsumiert, und erst wenn man sie weggelegt hat, hört man ihren Witz. Die umgekehrte Wirkung gibt es auch; beispielsweise bei Hajo Schumachers Solange du deine Füße auf meinen Tisch legst ... Man kann die 237 Seiten nur deshalb nicht in einem Zug lesen, weil die Gesichtsmuskulatur über Stunden anhaltendes Gelächter schlecht verträgt.

Das Buch fällt ins kolumnistische Unterhaltungsgenre (es geht aus Zeitungskolumnen des Autors hervor) und unterscheidet sich zunächst durch stilistischen Schliff und Pointenfülle von den 3.000 oder 4.000 anekdotisch-autobiografischen Brevieren des normalen Familienwahnsinns, die der Buchmarkt zuverlässig liefert. Noch vor ein paar Jahren wurden sie eher von Frauen verfasst. Mittlerweile berichten auffällig viele Männer vom Dasein zwischen Beruf und Vokabelnabfragen, dem Spagat zwischen Vorbild und Kumpel. Offensichtlich ist das Rollenmodell des postpatriarchalen Vaters noch eine Spur ungeklärter als das der modernen Mutter. Darum geht es in diesem Buch. Vater kocht sonntagabends. Die Gattin möchte, wenn überhaupt Fleisch, dann Fisch. Die Söhne, 23 und 11 Jahre alt, akzeptieren Fisch allenfalls in Stäbchenform, halten ideologiegestützte Vorträge über vegane Ernährung und fallen dann zurück in die McDonald’s-Phase. So oder ähnlich ...

Hajo Schumacher, Jahrgang 1964, promovierter Politologe, lange im Berliner Büro des Spiegels tätig, jetzt freier Publizist und dank seiner Schlagfertigkeit regelmäßiger Talkshow-Gast, formuliert gern lässig-flapsig. Wahrscheinlich braucht man deshalb eine Weile, um hinter all den vergnüglichen Anekdoten die Sorgfalt der Versuchsanordnung zu erkennen. Schumacher gibt keine Ratschläge, keinen einzigen. Sein Buch umkreist all die Ratlosigkeiten, Widersprüche und normativen Inkonsistenzen, die Familie, und erst recht Erziehung, heute zur Expedition in unausgewiesenes Gelände machen. Wenn sich schon die sonntägliche Menüfolge nicht auf eine kulturell verbindliche Ordnung berufen darf, wie sieht es dann mit iPhone-Regeln und elterlichen Geldzuwendungen aus? Oder mit der "Grundsatzfrage: Sollen ausgezogene Kinder den Wohnungsschlüssel ihrer Eltern behalten dürfen"? Mit den Widersprüchen steigt nicht nur der Chaosfaktor, sondern auch die Erfahrungsintensität. Kurzum: Unter den 3.000 oder 4.000 Büchern, die es über Väter, Nachwuchs und Gattinnen so gibt, zählt dieses zu den fünf unbedingt lohnens- und empfehlenswerten.

Hajo Schumacher: Solange du deine Füße auf meinen Tisch legst ... Eichborn Verlag, Köln 2017; 240 S., 16,– €, als E-Book 11,99 €