In meinem Viertel in Berlin sind seit den neunziger Jahren zahlreiche Stolpersteine mit kurzen biografischen Angaben, Todesdatum und Sterbeort ermordeter jüdischer Anwohner gesetzt worden. In letzter Zeit beobachte ich, dass sie in kurzen Abständen poliert und zum Glänzen gebracht werden.

Es hat Jahrzehnte gedauert, bis der planmäßige Mord an sechs Millionen europäischen Juden von der deutschen Gesellschaft als Teil der eigenen Geschichte angenommen wurde. Das Holocaust-Mahnmal machte diese Entwicklung schließlich zur Jahrtausendwende auf beeindruckende Weise sichtbar. Gedenkorte für andere Opfergruppen folgten: für Homosexuelle (2008), Sinti und Roma (2012) und Behinderte (2014), allesamt haben sie ihren Platz im Tiergarten gefunden.

Man muss kein Zeithistoriker sein, um die große Leerstelle im offiziellen Gedenken zu erkennen: die nach Millionen zählende Gruppe all jener, die in Polen und der Sowjetunion durch Erschießung oder Hunger ermordet wurden, weil sie als "slawische Untermenschen" galten.

1939 vernichtet das Deutsche Reich, noch im Bündnis mit Stalin, den polnischen Staat. Am 22. Juni 1941 beginnt das "Unternehmen Barbarossa". In einem "Blitzkrieg" will die Wehrmacht das sowjetische Territorium bis zum Ural erobern und auf Dauer besetzen. Der Tod von 30 Millionen Menschen ist einkalkuliert: Nicht nur die Repräsentanten von Staat und Partei und die "bolschewistische Intelligenz", auch "überflüssige Esser" in den Städten sollen sterben, die große Masse soll versklavt werden.

Die Gewalt richtet sich gegen Soldaten wie Zivilisten. Drei Millionen sowjetische Kriegsgefangene kommen ums Leben. Rund eine Million Tote fordert die Blockade Leningrads (St. Petersburgs). Die Stadt soll nicht erobert werden, man will die Einwohner durch Hunger töten. Auch in anderen Städten und ländlichen "Kahlfraßzonen" krepieren Hunderttausende. Um den Partisanenwiderstand zu brechen, wird die Bevölkerung ganzer Regionen, meist Frauen und Kinder, ermordet oder zur Zwangsarbeit deportiert – ein Schicksal, das sie mit Millionen anderen Männern und Frauen teilen.

In seiner berüchtigten Posener Rede hat SS-Führer Heinrich Himmler 1943 nicht nur den "Anstand" der SS-Männer beim Judenmord gerühmt. Er sprach auch über den Umgang mit der slawischen Bevölkerungsmehrheit. Seine Worte waren Programm: "Ob beim Bau eines Panzergrabens zehntausend russische Weiber an Entkräftung umfallen oder nicht, interessiert mich nur soweit, als der Panzergraben für Deutschland fertig wird."

Das alles ist inzwischen gut erforscht. Seit den neunziger Jahren haben Ausstellungen das Thema auch aus der Welt der Fachleute herausgetragen. Deutsche Politiker haben in beeindruckenden Reden über diese Verbrechen gesprochen. Und doch bleiben sie für die Öffentlichkeit bis heute schreckliche Einzeltaten, so sie überhaupt zum Allgemeinwissen zählen. Dass sie einen für die NS-Herrschaft konstitutiven, mit dem Holocaust eng verbundenen Verbrechenskomplex bilden, ist weitgehend unbekannt. Noch immer, scheint es, wirkt der Kalte Krieg in den Köpfen nach: Allzu lange galten in der Erinnerung an den Krieg im Osten die Deutschen als Opfer und "die Russen" als Täter. Die eigene Leidensgeschichte schob sich vor das Leid der anderen.

Der 75. Jahrestag des Überfalls auf die Sowjetunion war der Bundesregierung 2016 gerade mal eine provisorische Freiluftausstellung an einer zugigen Ecke des Potsdamer Platzes wert. Kurzzeitig durfte man hoffen, es werde mehr daraus. Doch es wurde nichts. Ein Jahr später sind die Tafeln fort, während unweit in Potsdam, so hat es der Bund kürzlich beschlossen, die Garnisonkirche wiedererrichtet werden soll – ein Symbolbau des preußischen Militarismus und seiner Vermählung mit der NS-Ideologie, in dem nach 1939 für den "Endsieg" gebetet wurde.

Umso dringender braucht es endlich – endlich! – ein weithin sichtbares Denkmal für die Opfer der nationalsozialistischen Lebensraumpolitik. Einen Erinnerungsort im Tiergarten, dort, wo auch der anderen Ermordeten gedacht wird. Einen großen Stolperstein, der deutlich macht: Diese Menschen sind für uns keine Opfer zweiter Klasse.