Als mit dem Ende des Kalten Krieges die Archive Osteuropas zugänglich wurden, setzte ein Boom in der Forschung zur Ermordung der Juden Europas ein. Er lässt bis heute nicht nach. Alte Kontroversen sind obsolet, neue Fragen haben sich herausgebildet, auch die nach der gesamteuropäischen Dimension des Massenmords. Nun sind gleich zwei Bücher erschienen, die ein länderübergreifendes Panorama entwerfen und in denen die Verantwortung Deutschlands außer Frage steht.

Der deutsche Historiker Christian Gerlach, Professor in Bern, legt mit seinem Buch Der Mord an den europäischen Juden eine Synthese vor: Sie bündelt die historiografischen Erkenntnisse der letzten zweieinhalb Jahrzehnte über Entscheidungsabläufe im Mordprozess, die Rolle einzelner Institutionen des NS-Staates, die bürokratischen Zuständigkeiten, die Handlungsspielräume der beteiligten Akteure, die gesellschaftliche Mitwirkung und die Interessen der europäischen Länder an der Verfolgung und Ermordung der Juden. Das ist eine enorme Leistung, weil die Fülle der Studien selbst für Spezialisten kaum mehr zu überblicken ist. Gerlachs Buch ist aber auch deshalb bedeutend, weil es zahlreiche Stränge zusammenführt, die die Dynamik des Massenmords an den Juden im deutsch besetzten Europa beschleunigt, gebremst oder auf andere Weise beeinflusst haben. Er fragt beispielsweise nach den Bezügen zu den sowjetischen Kriegsgefangenen, über die bis heute kaum monografisch geforscht worden ist, und dies, obwohl sie nach den europäischen Juden die größte Opfergruppe deutscher Politik im Zweiten Weltkrieg bildeten; gestorben sind sie unter Aufsicht der Wehrmacht, die sie verhungern ließ.

Ferner möchte er wissen, welchen Einfluss der Kriegsverlauf auf Verfolgung und Ermordung der Juden hatte und inwiefern die von den Deutschen betriebene sogenannte Partisanenbekämpfung darauf einwirkte. Auch um den Zusammenhang zwischen dem ausgeklügelten deutschen Zwangsarbeitsprogramm und antijüdischen Maßnahmen geht es ihm. Und an seine eigenen Forschungen über Weißrussland knüpft er an, wenn er die deutsche Strategie der Aushungerungspolitik gegenüber der zivilen Bevölkerung in den sowjetischen Großstädten in Bezug zur Mordpolitik gegenüber den europäischen Juden setzt.

Gerlach stieß in den vergangenen Jahren mit seinen Thesen über "Hitlers Grundsatzentscheidung zum Judenmord", über den "Hungerplan" und die "partizipatorische Gewalt" in der Historiografie wiederholt Debatten an. Kritisch gesehen wurde seine Neigung, ökonomische, überhaupt rationale Antriebskräfte in den Vordergrund zu stellen. Im neuen Buch, das ohne Zweifel ein Standardwerk ist, rückt er keineswegs von seinen Thesen ab. Es gelingt ihm nun, auch "populärrassistische", also ideologische Aspekte einzubeziehen. In drei großen Kapiteln, in denen er jeweils chronologisch neu ansetzt, untersucht er in ruhigem Ton, den er (von Einleitung und Schlussteil abgesehen) auch durchzuhalten versteht, zunächst die Phasen antijüdischer deutscher Politik von der Vertreibung über deren radikale Ausweitung im Wege sogenannter Territorialpläne bis hin zur organisierten Massenvernichtung. Es geht ihm um den Verlauf, die Akteure und die Strukturen des Mordprozesses. "Logiken" der Verfolgung untersucht er im zweiten Teil und knüpft mit dem Begriff direkt an Raul Hilbergs herausragendes Werk Die Vernichtung der europäischen Juden an, das er intensiv diskutiert. Die "europäische Dimension" ist das Thema seines dritten Teils. Er kann zeigen, dass die deutsche Politik in den einzelnen Ländern auf Helfer angewiesen war. Von dort kam nicht selten Unterstützung, weil sich mit der Vertreibung und Ermordung der Juden länderspezifische Interessen umsetzen ließen, in Rumänien beispielsweise die "Rumänisierung" der gerade annektierten Gebiete.

Freilich fiel das Verhalten der einzelnen Staaten denkbar unterschiedlich aus. Manche beugten sich dem Druck, aber nicht immer mussten die Deutschen überhaupt Druck ausüben. Und manche Länder schützten zumindest ihre eigenen jüdischen Staatsbürger, gaben staatenlose Juden aber der Verfolgung preis. Gerlach beleuchtet nichtdeutsche Verwaltungen, Hilfspolizeieinheiten und politische Organisationen, ebenso das Verhalten der nichtjüdischen Bevölkerung in den besetzten und verbündeten Ländern. Das Leid und die Erfahrung der Verfolgten blendet Gerlach nicht aus. Wenngleich er die mobilisierende Kraft des Antisemitismus ausdrücklich für "nicht messbar" und daher für kaum erforschbar hält, präsentiert er eindrucksvolle Quellen aus Sicht der Opfer, anhand derer er klar vor Augen führt, dass vermeintlich rationale nicht von ideologischen Aspekten des Gewaltgeschehens zu trennen sind, sondern unmittelbar damit verknüpft waren.

Anders liegt die Deutung von Götz Aly, Holocaust-Experte auch er, Autor vieler Bücher über den Nationalsozialismus und wiederholt Schöpfer hitzig diskutierter Thesen. Mit Christian Gerlach verfasste der Berliner Politikwissenschaftler und Historiker ein Buch über den Mord an den ungarischen Juden. Seiner ganz auf ökonomische und zweckrationale Zusammenhänge gerichteten Interpretation blieb er in seinem Buch Warum die Deutschen? Warum die Juden? treu. Als dessen zweiten Teil versteht er nun sein neues Werk Europa gegen die Juden.