Ich sitze beim Friseur und sage: "Ich möchte bitte gut auf Selfies aussehen." Leider bekomme ich nicht die Antwort, die ich mir erhofft hatte. "Wie sieht man denn gut auf Selfies aus?", fragt die Friseurin.

Wüsste ich auch gern, ehrlich gesagt.

Die Friseurin heißt Zoe, sie hat knallrot gefärbte Haare und einen Nasenring. Ich glaube, dass sie mich für einen Deppen hält. Während sie mir die Haare schneidet, sagt sie kein Wort. Mir ist die Stille unangenehm, also erkläre ich ihr, was das mit dem Selfie soll.

Ich will Influencer werden. Dafür brauche ich eine stylishe Frisur.

Influencer sind Leute, die in sozialen Netzwerken wie Facebook, YouTube oder Instagram sehr viele Follower haben, also Menschen, die ihnen folgen und ihre Beiträge – die Posts – betrachten, weswegen die Influencer diese Follower mit ihren Posts wohl beeinflussen können. Deswegen zahlen ihnen Unternehmen Geld dafür, dass sie ihre Produkte benutzen und anpreisen. Influencer kann theoretisch jeder sein, auch ein Autor oder Journalist. Meistens sind es jedoch Sportler, Musiker, Fitness- oder Modeblogger. Topstars der Branche sind Sami Slimani und Pamela Reif, ein Lifestyle-Blogger und ein Model, ihnen folgen Millionen Menschen. Aber auch mit weniger Followern kann man als Werbeträger Geld verdienen – als Einsteiger angeblich vier- bis fünfstellige Beträge für eine einzige Produktkampagne.

Ich will das auch, den Ruhm, das Geld. Vier Wochen gebe ich mir Zeit, um rauszufinden, ob ich das Zeug zum Influencer habe. Das ist nicht lange, und ich möchte mindestens 1.000 Follower gewinnen. Ich werde mit hoher Intensität vorgehen müssen, jede Chance nutzen, die sich mir bietet. Das könnte schwierig werden, weil ich tagsüber in einer Redaktion arbeite. Aber wer weiß, wenn ich erfolgreich bin, kann ich den Journalismus vielleicht hinter mir lassen. Seien wir ehrlich, der Branche geht es eh nicht gut.

Ich werde mein Glück auf Instagram versuchen. Das ist die Königsdisziplin für Influencer. Man arbeitet fast ausschließlich mit Bildern – nur die schönsten setzen sich durch. Auf Instagram sieht alles besser aus als im echten Leben. Bisher war ich noch nicht auf Instagram und gab auch nie viel auf Aussehen und Wirkung. Bisher bin ich allerdings auch nicht berühmt.

Erste Woche

Ich beginne bei null, eigentlich im Minusbereich. Ich habe keine Bilder, und niemand folgt mir. Wo fange ich an? Ein Freund hat mir mal auf Instagram ein Mädchen gezeigt, mit dem er eine Nacht verbracht hatte. Sie ist schlank und schön und postet viele Fotos von sich und ihrem Essen. Ich folge ihr und beginne ihren Followern zu folgen. Kaum jemand folgt mir zurück.

Ich poste Bilder von meinen schwarzen Desert-Boots und fotografiere mein Weißwurst-Frühstück. Ich versehe die Posts mit Hashtags wie #menswear und #foodporn, denn nur wenn man sie so thematisch kennzeichnet, können sie gefunden werden. Trotzdem bemerkt mich niemand. Mir wird klar: Auf Instagram bin ich absolute Unterschicht.

Aber es gibt eine Lösung für uns Abgehängte. Eine Hilfestellung für Verlierer: den Hashtag #follow4follow. Damit findet man Nutzer, die garantiert zurückfolgen, wenn man sie abonniert. Ich bin nicht wählerisch, und so kann ich meine Gefolgschaft schnell vergrößern. Nach ein paar Tagen habe ich 50 Follower. Meine Posts von Essen und schönen Gebäuden bekommen sogar das eine oder andere Like in Form eines kleinen Herzchens. Das fühlt sich gut an, aber jetzt muss ein Selfie her. Die Leute sollen den Mann hinter dem Instagram-Auftritt kennenlernen.

Ich versuche ein Bild von mir zu machen, bin aber auf der Arbeit und möchte nicht, dass die Kollegen es mitbekommen. Einmal werde ich fast auf der Toilette erwischt, wie ich vor dem Spiegel posiere. Am Ende des Tages habe ich nur eine Sammlung missglückter Selfies. Geschlossene Augen, offene Münder, beunruhigend intensive Blicke.

Schon nach wenigen Tagen bin ich total gestresst. Ich habe zwar geschafft, ein Selfie zu posten, und dafür ein Like und einen netten Kommentar bekommen – muss nun aber während der Arbeit ständig mit meiner Gefolgschaft interagieren, neuen Leuten folgen und deren Posts liken. Das ist angeblich wichtig für Influencer, damit das "engagement" nicht abnimmt.