Es ist noch nicht allzu lange her, da sprang einem der SPD-Chef – bildlich gesprochen – mit dem Hintern ins Gesicht, wenn man ihn fragte, was seine Partei von Jeremy Corbyn lernen könne. Was solle sie schon lernen von einem Labour-Chef, den die eigene Fraktion ablehne, blaffte er. Der mit ultralinken Positionen die Mitte vergraule, als politischer Esoteriker durch sozialdemokratische Welten wandele? Der SPD-Chef hieß damals Sigmar Gabriel. Und in Corbyn sah er einen britischen Zausel.

Nun hat dieser ultralinke Zausel den Konservativen eine derbe Schlappe beschert und Labour in den Windschatten der Tories geführt. Ein Sensationserfolg. Umgehend verkündete Gabriels Nachfolger Martin Schulz, sich "in wenigen Tagen" mit Corbyn treffen zu wollen. Noch gibt es zwar keinen Termin, doch die Dringlichkeit des Vorhabens zeigt, dass die SPD neu zu denken begonnen hat: Könnte die Frage, die Gabriel auf die Palme brachte, Schulz ins Kanzleramt führen? Was also könnte die SPD von Corbyn lernen?

1. Haltung zeigen

Im Wettstreit um den Vorsitz der britischen Sozialdemokraten warnte Ex-Premier Tony Blair einst, die Partei stehe vor der Vernichtung, falls der linke Spinner Corbyn gewählt werde. Das hielt Corbyn genauso wenig auf wie der Versuch zahlreicher Labour-Abgeordneter, ihn zu stürzen, kaum dass die Basis ihn im Herbst 2015 gewählt hatte. Corbyn blieb, was er immer schon war: ein Urlinker, der die Monarchie, New Labour, Sparhaushalte sowie Studiengebühren ablehnt; der einen Nato-Austritt, die Verstaatlichung von Energie- und Transportunternehmen sowie hohe Steuern für Reiche begrüßt. Weder seine skeptische Partei noch die ätzende Presse konnten ihm etwas anhaben. Und als es darauf ankam, war Corbyn in den Augen vieler plötzlich ein Politiker mit klarer Haltung. Jemand, dem man Respekt zollt.

In einer Welt, in der sich Umfragen, Strategien und politische Machtpläne immer rascher verflüchtigen, gewinnt der Anschein, echt zu sein, immer mehr an Bedeutung. Das gilt für den Traditionslinken Jeremy Corbyn in Großbritannien genauso wie für den sozialliberalen Reformer Emmanuel Macron in Frankreich. Diese Erkenntnis hat sich auch in der SPD festgesetzt; nicht die Nato-Austritts-Pläne oder die Verstaatlichungssehnsüchte will sie daher von Corbyn übernehmen. Aber sein ebenso unbeirrbares wie entschlossenes Eintreten für das, woran er glaubt.

2. Echte Alternativen anbieten

Martin Schulz glaubt an Europa. Und er glaubt daran, dass man mit dem Thema Gerechtigkeit Wahlen gewinnen kann. Und weil er an beides glaubt, will er einen Wahlkampf führen, der sich von der Kampagne Corbyns in einem wichtigen Punkt unterscheidet. Corbyn hat bei seiner Gerechtigkeitsdebatte den britischen Arbeiter im Sinn, also die eigene Nation. Schulz denkt an ganz Europa. Ein Risiko. Und die Chance, eine echte Alternative zu Merkel zu bieten. Die politische Linke, jene Kraft, die sich sowohl die internationale Solidarität als auch die Gerechtigkeit auf ihr Banner geschrieben hat, bringt bis heute kaum den Mut auf, die beiden Anliegen zu verbinden. In der Flüchtlingsfrage verharrt sie in nationaler Schockstarre, in der EU-Politik in nationalem Kleinmut. Letzteres, immerhin, will der Kanzlerkandidat im Wahlkampf beenden.

Schulz wirft Kanzlerin Merkel und Finanzminister Wolfgang Schäuble vor, mit ihrer Sparpolitik Europa gespalten zu haben. Im Wahlkampf wird der Kandidat dafür werben, Griechenland einen Teil der Schulden zu erlassen. Seine Kampflinie wird sein, Merkel als diejenige zu attackieren, die zwar von einem stärkeren Europa spricht, aber nichts dafür zu leisten bereit ist, was die Deutschen etwas kosten könnte.

Schulz ficht es nicht an, dass Merkels Popularität auch darauf basiert, stets als oberste Hüterin der deutschen Schatztruhe zu agieren. Er will sich selbst als derjenige präsentieren, der es ernst meint mit einem Europa, das zusammenwächst. Der offen ist für die Vorschläge des französischen Präsidenten Emmanuel Macron zu einem gemeinsamen EU-Finanzminister und einem Euro-Zonen-Budget. Der bereit ist, mit deutschem Geld andere in Europa so zu stärken, dass am Ende auch Deutschland davon profitiert. Der darauf setzt, dass deutsche Wähler verstehen, man könne einem 70-jährigen Griechen die Mindestrente nicht von 150 auf 120 Euro im Monat kürzen. Politische Gegner, Interessenverbände, Teile der Presse werden ihn dafür geißeln: als Hasardeur, der all denen Geld hinterherwirft, die nicht reformieren wollen. Als Schulden-Schulz. Wenn es so weit ist, wird Schulz den Corbyn machen: sich nicht irritieren lassen, bei seiner Linie bleiben, leidenschaftlich und unbeirrt kämpfen. Selbst wenn er am Ende verlieren sollte, werden er und die SPD etwas gewonnen haben: Selbstachtung.

3. Die Jugend begeistern

Von Beginn des Wahlkampfes an hat Corbyn auf jene Klientel gesetzt, die am unberechenbarsten ist und bei der wichtigsten Abstimmung der vergangenen 50 Jahre, dem Brexit-Referendum, einfach mal zu Hause blieb: die Jugend. Danach hatten die Jungen ein schlechtes Gewissen, und das half Corbyn. Ein hocheffizienter Online-Wahlkampf brach die nationale Kampagne immer wieder auf lokale Anliegen herunter, sodass Labour passgenau jene Wähler ansprechen konnte, die für seine Botschaften empfänglich waren. Das Netz und die Jungwähler ließen Corbyn plötzlich so erscheinen, wie er selbst sich wohl noch nie gesehen hat: modern.

Schulz’ Chancen, Jungwähler hinter sich zu scharen, sind nicht schlechter als die Corbyns. Als das Projekt EU durch den Vormarsch der Rechtspopulisten gefährdet erschien, formierte sich eine breite gesellschaftliche Front gegen die Wilders, Le Pens und Petrys. Ganz vorne mit dabei: Europas Jugend. Viele Junge traten in die SPD ein. Nicht zuletzt deshalb, weil die Sozialdemokraten plötzlich mit einem Kanzlerkandidaten aufwarteten, der in Europafragen größere Glaubwürdigkeit besaß als Merkel: Schulz. Von den 18.000 Neumitgliedern, die die SPD binnen weniger Wochen verbuchen konnten, waren zwei Drittel jünger als 30 Jahre. Von der Anfangseuphorie mag manches verflogen sein. Doch mit einem proeuropäischen Wahlkampf, der transnationale Gerechtigkeit ins Zentrum rückt, will die SPD die Jugend neu begeistern und ihrem Wahlkampf etwas geben, was er dringend braucht: Emotionalität.

Corbyns junge Anhänger erwiesen sich als enorm effektive Wahlhelfer: Wer die Jugend gewinnt, gewinnt schon mal im Internet. Damit das gelingt, hat die SPD sozialdemokratisches Neuland betreten: Bei einem Hackathon versammelte sie erstmals Hacker im Willy-Brandt-Haus. Das ist zwar noch nicht modern, aber immerhin schon mal ambitioniert.

4. Nie aufgeben!

Corbyn hat es geschafft, binnen 40 Tagen einen 25-Punkte-Rückstand um 23 Punkte abzuschmelzen. Der Rückstand von Schulz ist geringer – und die Zeit bis zur Wahl länger. Allerdings ist Angela Merkel nicht Theresa May. Eine Erkenntnis jedenfalls bleibt sensationell: Auch Zausel können gewinnen. Mögen sie nun Corbyn heißen oder Schulz.

Diesen Artikel finden Sie als Audiodatei im Premiumbereich unter www.zeit.de/audio