Hanna Jacobs, 28, ist Vikarin im niedersächsischen Selsingen. Im Wechsel mit der katholischen Theologin Alina Oehler schreibt sie, wie sie als junge Geistliche ihre Kirche verändern will. © Hannes Leitlein

Früher dachte ich immer, Pastoren sind ganz besonders gute Menschen, die nie einen Fehler machen. Dann habe ich deinen Vater kennengelernt." Als ein junger Pfarrer in ihr Leben trat, stellte meine Mutter überrascht fest, dass der Heiligenschein moralischer Überlegenheit, den manche Kirchenmitglieder so gerne auf das Haupt ihrer Geistlichen projizieren, bei näherer Betrachtung verschwand. Ein engagierter Pfarrer ist kein perfekter Mensch. Zum Glück! Das Gegenteil zu behaupten wäre theologisch unlauter, sollte doch die Überzeugung, dass wir Christenmenschen gerechtfertigte Sünder sind, Bestandteil der lutherischen DNA sein. Trotzdem sind Pastorinnen und Pastoren angehalten, "einen vorbildlichen Lebenswandel zu führen". So steht es in der Kirchenverfassung der Landeskirche Hannovers. Nur wie genau sieht ein vorbildlicher Lebenswandel aus? Reicht es, keine Kollektengelder zu veruntreuen, oder wird von mir erwartet, dass ich kurz vor Ladenschluss noch geduldig zuhöre? Ich denke an meinen Lebenswandel und überprüfe, ob ich zum Vorbild taugen möchte.

Die Gesetze meiner Kirche sind, anders als die Zehn Gebote, nicht in Stein gemeißelt. Gott ändert sich nicht, Gesellschaften und die Bedingungen, unter denen Kirche lebt, verändern sich sehr wohl. Und so befand man im Landeskirchenamt, dass es nach einem halben Jahrhundert Zeit für eine Verfassungsrevision sei. Unter www.kirchenverfassung2020.de kann sich jeder über die Änderungen informieren. Ich ziehe meinen Hut vor so viel Transparenz. Neugierig gucke ich, welchen Lebenswandel die neue Verfassung von mir fordern wird. Ich bin angehalten, mich "innerhalb und außerhalb des Dienstes so zu verhalten, dass dessen glaubwürdige Ausübung nicht beeinträchtigt wird". Als Teil der Generation Y, für die Authentizität zu den wichtigsten Werten gehört, kann ich mit "glaubwürdig" deutlich mehr anfangen als mit der Überforderung, "vorbildlich" sein zu müssen. Ich möchte glaubhaft sein, wenn ich von der Vergebung Gottes spreche. Und was macht mein Reden und Handeln glaubwürdiger als das fröhliche Eingeständnis, dass ich nicht perfekt bin, sondern simul iustus et peccator.

Doch das ist eben auch nur meine Interpretation dessen, was ich unter einer glaubwürdigen kirchlichen Mitarbeiterin verstehe. Meine Gemeindeglieder mögen das ganz anders sehen. Denn es ist nicht an mir, zu definieren, ob ich mein Leben und Arbeiten vorbildlich oder glaubwürdig gestalte. Diese Qualitäten werden mir von außen zugeschrieben. Ob ich dieses Gesetz erfülle, hängt also erheblich von der Wahrnehmung anderer Menschen ab. Nun kann für manche ein schwuler Pastor seinen Dienst nicht glaubwürdig versehen, seine Porsche fahrende Kollegin dafür sehr wohl. Für andere verhält es sich genau andersherum. Das "Was die Leute sagen" ist darum keine allzu brauchbare Maxime dafür, wie ich mein Amt auszuüben habe. Die urlutherische Orientierung am eigenen Gewissen und der Bibel hingegen macht frei. Wäre es nicht wunderbar, wenn sich mit der Zeit herumspräche, dass die Menschen bei der Kirche ganz besonders frei sind?