Als Stanislaw Tillich sich in Leipzig einen Platz im Stuhlkreis sucht, werden in Berlin nach dem Kirchentagsauftritt von Barack Obama noch die letzten Absperrgitter vorm Brandenburger Tor beiseitegeräumt. Die Enttäuschung ist Tillich anzusehen. Dass Sachsens Ministerpräsident Zehntausende Besucher in den großen Saal der Leipziger Kongresshalle locken würde, hätte auch der optimistischste Organisator nicht erwartet. Dass die "Bibelarbeit" des Regierungschefs aber nur 18 Zuhörer in den Saal zog, war für alle Beteiligten dann doch eine besondere Übung in Demut und Bescheidenheit. Und es war bei Weitem nicht die einzige.

Während der Kirchentag in der Hauptstadt kontrovers diskutierte wie lange nicht mehr, Tausende zu den Gottesdiensten nach Berlin-Mitte kamen, geschah einige hundert Kilometer entfernt auf den "Kirchentagen auf dem Weg" ein mittleres Drama: Mehr als 1.700 Veranstaltungen an Martin Luthers Lebensstationen in Wittenberg, Leipzig, Eisleben, Dessau, Halle, Jena, Weimar, Erfurt und Magdeburg sollten für die Evangelische Kirche in Deutschland die Höhepunkte des Reformationsjahres sein. Mit großen Zahlen und daumendicken Konzepten sicherte sich die EKD für das Projekt Fördermillionen von Städten und Ländern. Und dann blieben die Hallen leer, standen Referenten vor Zuschauerreihen, die nicht mal ein Klassenzimmer gefüllt hätten. Was ist da nur schiefgegangen?

Wer eine Antwort auf diese Frage sucht, landet bei Christian Wolff. "Es war ja ein ganz schöner Flop", sagt der 67-Jährige. Wolff spricht schnell, Ärger und Wut sind ihm anzuhören. Bis 2014 war Christian Wolff Pfarrer der Thomaskirche in der Leipziger Innenstadt. In der predigte auch Martin Luther mal zu Pfingsten. Wolff weiß, wie man große Veranstaltungen organisiert, wie man die Gemeindemitglieder begeistert, aber auch, wie man die Kirchenarbeit aus der Nische in die Mitte einer Stadt holt, in der die Mehrheit ja nicht gläubig ist. Er ist am Kirchentagswochenende viel durch Leipzig gelaufen. Seine Laune verbesserte das nicht: "Ich habe nur sehr wenige Menschen getroffen, die extra wegen des Kirchentages zu uns gekommen waren. Von den vielen Musikern einmal abgesehen."

Wolff setzte sich an den Computer und bloggte seine persönliche Kirchentagsabrechnung, die für Diskussionen in Leipzigs Kirchen- und Kulturszene sorgte. Seine Analyse: Nur wenige Sachsen hätten sich mit dem Kirchentag identifiziert, weil er "von oben durchgedrückt" wurde. Mit "oben" meint Wolff die Organisatoren vom Verein Reformationsjubiläum, einem Zusammenschluss von Kirchentag und EKD. Programmangebote aus den Gemeinden hätten die kirchlichen Event-Profis abgelehnt. Die Kirche sei ihm an diesem Wochenende vorgekommen wie ein Kaufhaus, dem die Kunden fehlten. "Die Geschäftsführer kümmerten sich allein darum, das Schaufenster noch ein bisschen schöner zu dekorieren."

Bis zu 50.000 Protestanten hatte Leipzig erwartet. Es sollte der größte der kleineren Kirchentage werden. Kosten allein in Leipzig: mehr als fünf Millionen Euro, so eine Kalkulation aus dem Jahr 2015. Es kamen 15.000 Christen, und Leipzig steht nun symptomatisch für eine protestantische Selbstüberschätzung, in der große Pläne mehr zählen als die Erfahrungen von ostdeutschen Pfarrern und Landesbischöfen. Wer kam eigentlich auf die Idee, fragt Pfarrer Wolff, dass Zehntausende bereit sein könnten, nach Leipzig zu fahren, wenn das Original eine Bahnstunde weiter nördlich in Berlin stattfindet? Beim Organisationsverein des Leipziger Kirchentags ist man sich keiner Schuld bewusst: Dass die Podiumsdebatten mit Oberbürgermeistern, Pilgerwanderungen oder das Lukasevangelium mit Tillich in Leipzig im Überangebot von mehr als 1.700 Veranstaltungen untergehen könnten, sei angeblich nicht zu erwarten gewesen. Der schlechte Ticketverkauf habe sich erst "spät ablesen" lassen, antwortet Vereinsgeschäftsführer Ulrich Schneider auf Nachfrage. Recherchen von Christ&Welt ergeben ein anderes Bild: Mehrere Jahre lang diskutierten und stritten Reformationsverein, EKD und ostdeutsche Landeskirchen über Konzepte und Formate. Die Missverständnisse zwischen den Kirchentagsplanern aus dem Westen und den ostdeutschen Gastgebern aber wurden nicht kleiner, sie summierten sich. In den Gesprächen, so erzählen viele, die dabei waren, benahmen sich EKD-Leute eher wie großspurige texanische Ölmilliardäre zu Besuch im Naturschutzgebiet. Breitbeinig, besserwisserisch, anderen Meinungen gegenüber eher ver- als aufgeschlossen, mit einem unausgesprochenen Wir-wissen-wie-es-läuft-Gestus und Ehrfurcht gebietenden Zahlen im Gepäck.

So sorgten die EKD- und Kirchentagsfunktionäre selbst dafür, dass die Zahlen zum einzig relevanten Maßstab für Erfolg wurden: Zwischendurch träumten einige Spitzenfunktionäre sogar von einer halben Million Besucher beim großen Festgottesdienst auf den Elbwiesen in Wittenberg. "Die haben uns nicht richtig verstanden", sagt ein hochrangiger Vertreter einer ostdeutschen Landeskirche, der bei den Runden mit der EKD-Spitze dabei war, aber nicht namentlich zitiert werden will. Von Anfang an, erzählt er, gab es zwei Planungslisten: "Eine mit den Schätzungen der EKD – und unsere eigene." Legte die EKD mal wieder eine neue Besucherprognose vor, kürzte sie der Osten intern gleich um die Hälfte.

Einwände ließ die EKD nicht gelten. "Wir kennen den Osten ja noch vom Evangelischen Kirchentag in Dresden", hieß es dann. Den Hinweis, dass der klassische Kirchentag von 2011 kaum vergleichbar ist mit dem dezentralen Konzept von 2017, wollte man lieber nicht hören. 500 Jahre nach Luthers Thesenanschlag dachten die Verantwortlichen also groß – zu groß. Nicht die üblichen Kirchentagsstammgäste waren jetzt Zielgruppe. Luther, nahm man an, werde so viele Protestanten aus der ganzen Welt anziehen, dass Berlin nicht ausreiche. "Wir haben immer wiederholt", erinnert sich Jürgen Reifarth vom Erfurter Kirchenkreis, "lasst es uns lieber etwas kleiner planen." Viele Christen aus dem Osten seien aus DDR-Erfahrung noch immer skeptisch, wenn Kirchenfeste in großen Hallen stattfinden und wie Parteitage wirken. Die Veranstalter aus den kleineren Kirchentagsstandorten wünschten sich auch deshalb so viele niedrigschwellige Angebote für die ganze Stadt, weil sie selbst kaum eine kritische Masse an Protestanten zusammenbringen.

Dabei sollten die "Kirchentage auf dem Weg" doch eine Idee für den Osten sein – in Erinnerung an 1983, als zu Luthers 500. Geburtstag zeitgleich kleine Kirchentage in Erfurt, Eisleben, Frankfurt (Oder), Magdeburg, Rostock und Wittenberg stattfanden. Ein zentrales Glaubensfest war der DDR-Führung damals zu heikel, die Macher des Reformationsjubiläums wollten deshalb die Quadratur des Kreises, der Kirchentag 2017 sollte zentral und dezentral zugleich sein.