1. Wo sitzt hier die Macht?

Reiner Haseloff, 63, Sachsen-Anhalts CDU-Ministerpräsident, über seinen Amtssitz, im Wortsinn

"Ich kann mich noch genau an den Moment erinnern, als ich in die Staatskanzlei einzog. Wolfgang Böhmer, mein Vorgänger, empfing mich dort, er kommentierte die Büroeinrichtung mit keinem Wort. Ich kannte sie auch schon, ich war vorher als Minister öfter hier gewesen. Ich weiß noch, dass es ein besonderer Moment war, als ich mich erstmals an den Schreibtisch setzte, um die Ernennungsurkunden der neuen Minister zu unterschreiben. Ein letztes kurzes Innehalten war das.

Es wäre mir damals nie in den Sinn gekommen, mich um meinen Amtssessel oder die Büroeinrichtung zu kümmern. So etwas ist nachrangig. Nach meiner Wahl zum Ministerpräsidenten wurde der Stuhl tatsächlich durch einen neuen ersetzt. Alle anderen Möbel habe ich behalten, sie entstammen der Ära Werner Münchs, der von 1991 bis 1993 als Ministerpräsident regierte. An den Kanten sieht man das Alter, die sind ein bisschen abgeschrammt. Ansonsten haben sich Stuhl, Tisch und Regale bewährt, sie erfüllen ihren Zweck. Es handelt sich um Möbel aus Spanplatten mit Furnierüberzug. Gehobener Standard. Ich ticke eben so, auch privat, dass ich mich in den Möbeln, die mich seit Jahrzehnten begleiten, am wohlsten fühle. Zumal meine Raumausstatterqualitäten nicht so ausgeprägt sind.

Wichtiger als die Möbel finde ich ohnehin die kleinen Utensilien, die man in Amtsbüros so findet. Ein Ministerpräsidentenbüro ist eine regelrechte Asservatenkammer. Überall kleine Bilder und Mitbringsel, die an vergangene Erfolge oder auch mal Krisen erinnern. Bei mir zum Beispiel finden Sie das Bild der niederländischen Königsfamilie, die kürzlich bei uns zu Besuch war. Außerdem einen inzwischen leeren Sandsack. Sachsen-Anhalt hatte ja vor vier Jahren ein verheerendes Hochwasser zu überstehen. Als Erinnerung daran liegt der Sack hier bei mir."

2. Wo mampfen die Mächtigen?

Holger Stahlknecht, 52, CDU-Innenminister, über das Restaurant La Piazza

"Mein Arbeitstag beginnt um 7 Uhr und endet meist um 22 Uhr. Es gibt eines, worauf ich beim Terminplanen achte: Ich will eine Stunde Mittagspause am Tag, das brauche ich einfach, weil ich da neue Kraft tanken kann. Das ist meine Auszeit, für mich fast wie ein kleiner Urlaub. Und den verbringe ich oft hier, im La Piazza, einem von meinen beiden Lieblingsitalienern in Magdeburg. Dann stopfe ich mir eine Pfeife, bestelle mir einen schönen Salat oder gern auch einmal einen Vitello tonnato. Ich mag die mediterrane Küche, und das Vitello ist hier fantastisch.

Für mich hat Essen etwas mit Kultur zu tun. Ich mag es nicht, wenn ich mir irgendwo in zehn Minuten den Bauch vollschlage, um mehr müde als satt wieder in meinem Stuhl zu versinken.

Als Politiker bekommt man viele belegte Brötchen angeboten, auch bei unseren Kabinettssitzungen stehen immer welche auf dem Tisch. Und ich habe nichts gegen ein schönes Brötchen mit Gehacktem, das esse ich eigentlich ganz gerne. Aber wenn man den ganzen Tag belegte Brötchen isst, dann nimmt man zu, dann lebt man ungesund. So viel kann man gar nicht joggen, um das wieder wegzutrainieren. Schließlich bin ich auch Sportminister. Deswegen greife ich bei den Sitzungen nur noch zum Obst.

Im La Piazza saß ich schon mit Ministerkollegen, auch mal mit Politikern aus der Opposition zusammen. Wenn wir über Veränderungen reden, etwas austarieren müssen, dann eignet sich ein Arbeitsessen dafür am besten. Es muss einfach ein mentaler Resonanzboden dafür da sein, die Dinge kultiviert zu bereden. Sich in Ruhe hinzusetzen und zu fragen: Wie siehst du das? Und hinterher eine Zabaglione zu bestellen, das ist aufgeschlagenes Ei mit Zucker und dem Likörwein Marsala – das schmeckt im La Piazza am Besten."

3. Wohin fährt der Premier?

Frank Müller, 45, ist der Chauffeur von Reiner Haseloff. Er heißt eigentlich anders, möchte aber anonym bleiben

DIE ZEIT: Herr Müller, macht es Spaß, in Magdeburg Auto zu fahren?

Frank Müller: Momentan nicht. Es gibt ja die Tunnelbaustelle unterm Hauptbahnhof. Da müssen Sie immer herumfahren. Und alle anderen Strecken sind deswegen überlastet. Ich muss mir deshalb jedes Mal gut überlegen, wie ich Herrn Haseloff pünktlich ans Ziel bringe. Aber ansonsten ist es ein schönes Fahren.

ZEIT: Sind Sie Magdeburger?

Müller: Nein.

ZEIT: Mögen Sie die Stadt trotzdem?

Müller: Teils, teils. Schönes und Schatten gibt es überall.

ZEIT: Erzählen Sie mal von den schönen Stellen.

Müller: Am Schleinufer ist es schön. Da sehen Sie den Dom, den Rotehornpark. Wenn man eine nette Pause machen will, fährt man über die B 1 aus der Stadt heraus, kurz vor der Stadtgrenze kommen Sie in den Elbauenpark. Da war 1999 das Gelände der Bundesgartenschau.

ZEIT: Wie häufig sind Sie eigentlich mit dem Ministerpräsidenten unterwegs?

Müller: Die meisten seiner Termine, vielleicht 80 Prozent, finden außerhalb Magdeburgs statt, und Sachsen-Anhalt ist ein Flächenland. Deswegen sind wir im Grunde täglich unterwegs. Und zwar nicht nur ich: Es gibt mehrere Fahrer, wir arbeiten in Schichten.

ZEIT: Bekommt man da Respekt vor der Arbeit eines Politikers?

Müller: Wenn man sieht, wie lange Herr Haseloff zu tun hat, dann geht das über das Arbeitspensum eines Durchschnittsbürgers weit hinaus.

4. Und wo sind in Magdeburg die Gefühle?

Antworten von Georg und Gustav, Bassist und Schlagzeuger der Magdeburger Band Tokio Hotel

Wo man tanzt: In einer Stadt mit fast 20.000 Studenten erwartet man ein lebendiges Nachtleben. Leider gibt es selten gute Möglichkeiten zum Tanzen. Insel der Jugend, Kunstkantine oder Datsche sind fast die einzigen Adressen, die man ansteuern kann. (Georg)

Wo man weint: Weinen muss man, wenn man sich die Zusammensetzung unseres Landtags anguckt. Die letzten Wahlergebnisse haben dem Ruf der Stadt, des gesamten Bundeslandes nachhaltig geschadet. (Georg)

Wo man schreit: Richtig schreien kann man bei jedem Heimspiel des FCM. Da bin ich irgendwie schon Fußball-Proll. (Gustav)

Wo man träumt: Zum Träumen fährt man am besten direkt auf die A 2 in Richtung Berlin. ;-) Ein verträumter Ort in Magdeburg ist aber die Hubbrücke bei Nacht mit dem Blick auf den Dom. (Georg)