Wie eine Band, die quer über den Globus für ausverkaufte Häuser sorgt, wirkt die kleine Gruppe am Almtisch nicht. In Funktionskleidung sitzt die Fünfergruppe vor würziger Kasknödelsuppe, die aus den Tellern dampft. Nur ihr Alter unterscheidet sie von den deutschen Bergwanderern, die hier auf der Untermarkter Alm in Imst einkehren. Manu Delago Handmade heißt die Band, und ihr Namensgeber, der dieses Jahr für einen Grammy nominiert war, kann seinen Tiroler Sportsgeist nicht verbergen, wenn er lächelnd sagt: "Die Band ist raufgewandert, ich bin mit unserem Manager raufgejoggt."

Am Vorabend hat Manu Delago beim TschirgArt-Festival in Imst eines seiner seltenen Heimspiele eingelegt. Der sportliche Ausflug auf die Alm ist dem Tiroler, der in London lebt, ein persönliches Anliegen, denn Besuche in Österreich sind rar. In mittlerweile 46 Ländern hat der 32-jährige Perkussionist Konzerte gespielt. Er sorgt für ausverkaufte Häuser von Indien bis Mexiko und in den USA oder, wie kürzlich, in Hamburg beim Auftritt in der Elbphilharmonie. Weltstars wie die isländische Pop-Ikone Björk setzen bei Studioaufnahmen und Tourneen auf die Klangkunst von Manu Delago – ein Name, der zu einer Art Synonym geworden ist für ein ziemlich eigenwilliges Instrument, das er spielt wie kein anderer: das Hang, einen Klangkörper, der aussieht wie zwei aufeinandergelegte Wok-Schalen.

Das Hang ist eine Erfindung neueren Ursprungs, entwickelt um die Jahrtausendwende von einem Schweizer Instrumentenbauer. Es erzeugt lang nachklingende, sphärische Töne und besitzt ein Klangspektrum, das am ehesten mit jenem der Harfe und der Tabla verglichen werden kann. Die Musik, die Manu Delago dem Instrument entlockt, passt zu der Art, wie er jetzt, auf 15.00 Meter Seehöhe, mit dem Löffel den Knödel in der Alm-Suppe teilt. Da ist eine gewisse Konzentration, die sich auf motorischer Ebene genauso zeigt wie in den fast schwarzen Augen. Erklärt er Zusammenhänge, dann gleiten seine Hände durch die Luft, als würde er in Zeitlupe Schlagzeug spielen. Er spricht ruhig und bedacht, was in Kombination mit den in Resten vorhandenen, kernigen Lauten des Tiroler Oberland-Dialekts fast etwas unnatürlich klingt – der Dialekt definiert sich auch durch die Lautstärke, mit der er gesprochen wird.

Delagos erste Begegnung mit dem Hang war seinem Vater geschuldet – Hermann Delago ist in Tirol eine bekannte Musikgröße, die in den 1990er Jahren mit der Top-40-Band Combo Delago bekannt wurde. Er kaufte sich dieses neue Instrument, und der damals 19-jährige Sohn wurde neugierig. Fasziniert habe ihn vor allem die notwendige intuitive Herangehensweise an ein Instrument, für dessen Spiel noch keine Regeln bestanden, sagt er. "Eine Woche später hatte ich einen Auftritt als Marimba-Solist in der Blasmusikkapelle meines Vaters und habe das Hang eingebaut." In diesem Moment habe er gespürt: "Dieses Instrument löst bei vielen etwas aus."

Aufgewachsen ist er in einer großen Patchworkfamilie zwischen Kematen und Mieming. Die frühe musikalische Sozialisation kam nicht nur von seinem leiblichen Vater: Der Freund der Mutter, den Delago "einen meiner Väter" nennt, war Schlagzeuger in der Band des Vaters. Mit 13 besuchte Delago das Musikgymnasium in Innsbruck. Bald tingelte er unter lauter Erwachsenen mit einer Coverband von Auftritt zu Auftritt und studierte Schlagwerk am Innsbrucker Konservatorium: "Mit 15 war ich tagsüber in der Schule, am Abend habe ich Konzerte gespielt. Musik war dauerpräsent."

Sein Durchbruch ist aber eine Geschichte aus dem viralen Zeitalter der sozialen Netzwerke: Sie beginnt mit einem selbst gedrehten, simplen Video, in dem er dem Hang perkussiv-sphärische Klänge entlockt. Im Jahr 2006 lud Delago das Video auf sein MySpace-Profil – und ein Jahr lang passierte gar nichts. Dann stellte ein Fan das Video auf die damals junge Online-Videoplattform YouTube – und in kürzester Zeit ging Delagos Musik um die Welt. Die Art und Weise, wie Delago das Instrument spielt, traf einen Nerv, das Stück Mono Desire wurde zum millionenfach angeklickten Hit.

Fast zeitgleich zog er nach London, um Komposition und Jazz-Schlagzeug zu studieren. Mono Desire erwies sich als internationaler Türöffner. Auch Björk hatte Delagos Video gesehen und buchte ihn im Jahr 2011 gleich für ihre BiophiliaW elttournee als Hangspieler und Schlagzeuger, ebenso für die Nachfolgetour. Eigentlich sollte er auch auf der laufenden Björk-Tournee dabei sein, aber seine Aufmerksamkeit gilt heuer vor allem seiner eigenen Band.