In Deutschland drohen die Preise für Trinkwasser um fast die Hälfte zu steigen. Das muss aber niemanden beunruhigen, denn Hackfleisch bleibt ja billig. Diese verrückte Rechnung machen gerade jene auf, die immer noch behaupten, die Intensivtierhaltung leiste selbstlosen Dienst am Menschen, indem sie ihn mit Fleisch zu sagenhaft günstigen Preisen versorgt.

Das Umweltbundesamt aber hat jetzt festgestellt: Das Übermaß an Gülle, Nebenprodukt der Intensivtierhaltung, vergiftet Böden und Gewässer derart, dass die Nitratwerte steigen und die Kläranlagen kaum hinterherkommen, weshalb wiederum das Leitungswasser sich bald verteuern dürfte. Und zwar um bis zu 45 Prozent, was für eine vierköpfige Familie auf 134 Euro im Jahr hinausliefe. Davon könnte sie sich derzeit 21 Kilo Schweinefleisch kaufen. Es drängt sich die Frage auf: Wozu braucht man die Intensivtierhaltung, wenn sie für den Verbraucher nicht mal günstig ist? Wenn es nicht nur ein ästhetisches und ethisches Problem ist, dass Tiere leiden, sondern auch ein materielles?

Deutschland ist nicht auf seine Tiermast angewiesen

Die niedrigen Preise waren stets das stärkste Argument für die Intensivtierhaltung. "Niemand darf einem Tier ohne vernünftigen Grund Schmerzen, Leiden oder Schäden zufügen", heißt es im Tierschutzgesetz, Paragraf 1. Geld aber ist ein vernünftiger Grund: Wenn die Wirtschaftlichkeit eines Betriebes es verlangt, darf man Tieren eben doch Schmerzen zufügen. Aber wie vernünftig ist es, Schweine statt auf Stroh auf Betonspalten zu halten, wenn sich so nicht nur die Gelenke der Tiere entzünden, sondern sich unter den Spalten die Gülle sammelt?

Berlin - "Wir betrachten Essen als Religion" Der Philosoph Richard David Precht sieht das derzeitige Verhältnis der Menschen zu ihrer Ernährung kritisch. Und er glaubt, dass es die derzeitige Tierzucht demnächst nicht mehr geben wird. © Foto: Robert Euting

Es ist ja nicht so, dass Deutschland auf seine Tiermast angewiesen wäre. Der Anteil der Landwirtschaft an der Bruttowertschöpfung liegt bei unter einem Prozent, und den teilt sie sich noch mit Forstwirtschaft und Fischerei. Einiges spräche also dafür, die Regeln für Tierhaltung strenger zu gestalten. Trotzdem scheint die Politik vor dem Thema Tierhaltung und Fleischkonsum regelrecht Angst zu haben. Als das Bundesumweltamt Anfang des Jahres zum wiederholten Male die Empfehlung gab, aus Gründen des Klimaschutzes die Steuern auf Milch und Fleisch zu erhöhen, beeilte sich das Kabinett, von der Bundesoberbehörde so weit wie möglich abzurücken. Landwirtschaftsminister Christian Schmidt (CSU) sagte, er wolle den Bürgern doch "nicht durch Strafsteuern vorschreiben, was auf den Tisch kommt". Was ähnlich sinnvoll ist wie ein Verkehrsminister, der die roten Ampeln abschafft, weil er den Bürgern nicht vorschreiben will, wann sie zu halten haben. Ist nicht die Idee von Politik, dass sie Regeln des Zusammenlebens findet?

Auch Umweltministerin Barbara Hendricks (SPD) ließ sofort klarstellen, dass sie auf solche Ideen niemals verfiele, und betonte, man solle das Umweltbundesamt nicht mit dem Bundesumweltministerium verwechseln. Sie hüllte sich zum Thema sogleich in kaum verständliche Sätze: Man müsse "Fehlsteuerungen unseres Subventionssystems" mit einer "langfristigen Perspektive" angehen.

Einige Wochen darauf verließ Hendricks das sichere Terrain der komplizierten Sprache und gab eine Kampagne in Auftrag, die neue Bauernregeln reimte. Auf den Plakaten war etwa zu lesen: Steht das Schwein auf einem Bein, ist der Schweinestall zu klein. Die Bauern reagierten so humorbereit, wie man es Feministinnen unterstellt, wenn sie einen Herrenwitz hören. Hendricks ließ die Plakate einstampfen und kehrte zu Altbewährtem zurück: Man strebe den "Dialog zu Missständen im Agrarsektor" an.

Dem Nitratproblem wird es wohl so ergehen wie jedem Argument, das gegen den massiven Fleischkonsum und die wachsende Branche der deutschen Intensivtierhaltung bereits gefunden wurde: Es wird zermürbt von der Unvernunft. Denn das hemmungslose Fleischessen ist hier die Nische der Regression, in die kein Argument vordringt – nichts, gar nichts will man sich sagen lassen. Eine Insel der Unvernunft in diesem sonst so vernünftigen Land, das fast immun gegen den Irrsinn des Populismus scheint und Probleme mit größtmöglichem Pragmatismus angeht.

Hemmungsloser Fleischverzehr, das ist der Brexit Deutschlands, eine uneinlösbare Fantasie, die nur stärker wird, je weiter sie sich von der Wirklichkeit entfernt. Und wie in Großbritannien hat die Politik beschlossen, so zu tun, als könnte die Vorstellung eines Tages doch noch wahr werden.

Diesen Artikel finden Sie als Audiodatei im Premiumbereich unter www.zeit.de/audio